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Donnerstag, 31. Mai 2012

„Der japanische Vater“ von Momoko Nakagawa

Momoko Nakagawa, Tochter von Koreya Senda (bürgerlich: Kunio Ito) und der Deutschen Irma, schrieb mit „Der japanische Vater“ ihre Lebensgeschichte nieder. Ihr Vater, der sich in der proletarischen Theaterbewegung betätigte, war ein viel beschäftigter Mann und zeitweise aufgrund seiner politischen Aktivitäten inhaftiert. Irma musste daher nicht nur die kleine Momoko versorgen, sondern war in dem ihr fremden Land für das Einkommen verantwortlich. Obwohl Irma in Japan gut integriert war, litt sie unter Heimweh und der permanenten Abwesenheit ihres Mannes. Zusammen mit Momoko verließ sie Japan gen Berlin. Dort musste Momoko erst einmal deutsch lernen. Dank Irmas Familie, die beide Rückkehrerinnen herzlich aufnahmen, scheint das kleine Mädchen auch in Deutschland eine schöne Kindheit gehabt zu haben – zumindest bis zu den Bombenattacken auf Berlin während des zweiten Weltkriegs. Aufgrund glücklicher Umstände überlebte die Familie den Weltkrieg unbeschadet. Nach einer Flucht aus dem sowjetischen Sektor ließ sie sich in der Nähe von Düsseldorf nieder.

Während des Krieges war der Kontakt zum Vater Kunio abgebrochen, unter anderem da er erneut inhaftiert wurde. Über die Vermittlung durch Radio Tokio gelang die erneute Kontaktaufnahme. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Japan entschloss sich Momoko Nakagawa, für immer in das Heimatland ihres Vaters zu ziehen.

„Der japanische Vater“ ist angereichert mit Briefen und Fotos, die glücklicherweise den zweiten Weltkrieg schadlos überstanden. So darf der Leser unter anderem teilhaben an der Freude des Vaters, der nach langen Kriegsjahren endlich von seiner Tochter hört und ihr sofort einen Brief direkt von den Theaterproben schickt.

Zwar schrieb Momoko Nakagawa ihre Erinnerungen anlässlich des Geburtstages ihres Vaters nieder. Doch mir blieb nicht der Vater, sondern die Mutter besonders im Gedächtnis. Irma wirkt wie eine wahrlich emanzipierte, moderne Frau, die sich in jeder Lebenslage zu behaupten wusste – selbst im fremden Japan.

„Der japanische Vater“ ist weit fernab von tragischen Fremdheitserfahrungen, sondern geradezu positiv: Sowohl in Deutschland als auch Japan wurde Momoko herzlich aufgenommen. Nur leider fransen die Erinnerungen umso mehr aus, je näher die Gegenwart rückt. Ich hätte schon noch ein bisschen mehr über die Vater-Tochter-Beziehung ab den 50er Jahren lesen können.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Momoko Nakagawa

Momoko Nakagawa wurde 1932 in Tokio als Momoko Ito und als Tochter des Schauspielers, Regisseurs und Theatertheoretiker Koreya Senda (bürgerlich: Kunio Ito) und seiner deutschen Ehefrau Irma geboren. Irma Ito litt jedoch unter der permanenten Abwesenheit ihres viel beschäftigten Mannes und kehrte mit ihrer Tochter Momoko 1939 nach Deutschland zurück. Irma hatte zunächst nur einen temporären Heimataufenthalt eingeplant, entschloss sich jedoch, in Deutschland zu bleiben und sich scheiden zu lassen. Während des zweiten Weltkriegs lebte Momoko primär in Berlin, nach Kriegsende zog die Familie in die Nähe von Düsseldorf. 1952 ging Momoko für fünf Jahre zurück nach Japan. 1957 kehrte sie nach Deutschland zurück, um wiederum 1958 endgültig in Japan sesshaft zu werden: Sie heiratete ihren Cousin Habo Nakagawa und ließ sich mit ihm in dem Ort nieder, in dem sie aufgewachsen war.

Zum 100. Geburtstag ihres zwischenzeitlich verstorbenen Vaters schrieb Momoko Nakagawa ihre Lebenserinnerungen mit „Der japanische Vater“ nieder.

Interessante Links:


Momoko Nakagawas Werke und hier rezensiert:

Dienstag, 29. Mai 2012

„… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ herausgegeben von Josef Bohaczek & Barbara Yoshida-Krafft

„... weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ enthält einige humorvolle Prosa-Skizzen der zumeist ganz großen japanischen Autoren. Da mokiert sich Ryunosuke Akutagawa über die Krawatte von Junichiro Tanizaki. Osamu Dazais betrunkener Ich-Erzähler gerät in ärztlicher Behandlung an einen noch besoffeneren Doktor. Kafu Nagai treibt sich mit Pariser Kokotten herum. Yasunari Kawabata lässt einen hässlichen Mann hochmütig werden. Masuji Ibuses Protagonist erlebt Desillusionierung durch einen Röntgen-Apparat. Und Chiyo Unos Debüterzählung „Zu grell geschminkt“ illustriert den Wettstreit zweier japanischer Frauen um einen europäischen Gönner.

Auf je nur wenigen Seiten präsentieren die Autoren ihre humorvolle Seite, die jedoch nie zum Schenkelklopfen verleitet, sondern vielmehr ein Lächeln herausfordert. Da mag man Yasutaka Tsutsuis Professor Tadano sofort widersprechen: Nein, japanische Literatur macht nicht depressiv.

Das niedliche rechteckige Kleinformat lässt an ein Geschenkbüchlein denken. Und in der Tat ist „… weil gerade Frühling war – Heiter-Ironisches aus Japan“ sicherlich ein tolles, schön aufgemachtes Präsent für an japanischer Literatur Interessierte und solche, die sich einen ersten Überblick über die großen Literaten des letzten Jahrhunderts einholen wollen.

Montag, 28. Mai 2012

„Einspruch der Dekadenz“ von Osamu Dazai

Vor der Lektüre von „Einspruch der Dekadenz“ lohnt es sich auf jeden Fall, sich mit Osamu Dazais Biographie kurz auseinanderzusetzen. Selbstmordversuche, Frauengeschichten, Drogen, Alkohol und ein gewisser Hang zum Dandytum prägten nicht nur Osamu Dazais Leben, sondern sind auch Thema der vorliegenden zwölf Erzählungen und Kurzgeschichten.

So erfährt der Leser in der autobiographischen Erzählung „Erinnerungen“ mehr über die Kindheit und Jugend des Autors, seine literarischen Neigungen und seinen Narzissmus. In „Gegen den Strich“ wird unter anderem das Selbstverständnis des Studenten Osamu Dazai illustriert. Und selbstverständlich finden auch Geschichten rund um Affären mit Geishas und um Selbstmord ihren Platz. „Er ist nicht mehr der, der er früher einmal war“ setzt sich aber auch (leicht) kritisch mit dem Müßiggang auseinander.

„Einspruch der Dekadenz“ lässt den Leser hinter die Fassade des Autors Osamu Dazai blicken und bietet ein Panoptikum der Dekadenz. An manchen Stellen hätten jedoch ein paar Fußnoten sicherlich gut getan, um dem Nicht-Japanologen aufzuzeigen, welche Passagen autobiographische Züge tragen und welche der Fantasie entsprungen sind. So stochert der Leser ein bisschen im Dunkeln: Man glaubt nach der Lektüre zwar, einen Einblick in die nihilistisch-exzessive Lebenswelt des Osamu Dazai erhascht zu haben – aber ganz sicher kann man sich jedoch nicht sein.

Sonntag, 27. Mai 2012

Osamu Dazai

Osamu Dazai (eigentlich Shuji Tsushima, geboren 1909) war das zehnte der elf Kinder seiner Eltern. Da seine Mutter den Vater, der Politiker war, auf seinen Reisen begleitete, wurde Osamu Dazai bis zu seinem Eintritt in die Grundschule von seiner Tante und einer Dienstbotin großgezogen. Schon vor dem Schulbesuch konnte der kleine Shuji Bücher lesen. Als Mittelschüler publizierte er bereits erste Geschichten in Zeitschriften. 1930 begann er sein Studium der Romanistik an der kaiserlichen Universität von Tokio.

Bereits auf der Oberschule hatte Osamu Dazai in einem Selbstmordversuch eine Überdosis Schlafmittel geschluckt und war in ein Koma gefallen. Auf der Universität nahm er erneut eine Überdosis zu sich, dieses Mal zusammen mit einer Kellnerin. Während Osamu Dazai überlebte, starb die junge Frau. Kurz darauf brannte er mit der Geisha Hatsuyo Oyama durch, worauf er von seiner Familie verstoßen wurde. Erneut versuchte Osamu Dazai vergeblich, sich das Leben zu nehmen. Zusammen mit der 19-jährigen Shimeko Tanabe wollte er sich ertränken, doch während er überlebte, starb nur die junge Frau. Daraufhin versöhnte sich sein Vater mit ihm; Osamu Dazai und die Geisha Hatsuyo Oyama wurden verheiratet. Nach einer Verhaftung wegen Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei wurde Osamu Dazais Leben etwas ruhiger. Als Schüler von Masuji Ibuse machte er sich als Autor einen Namen.

1935 brach Osamu Dazai sein Studium ab und nahm an einem Einstellungstest einer Zeitung teil. Als er durchfiel, unternahm er einen erneuten Selbstmordversuch durch Erhängen, scheiterte jedoch wiederum.

Nach einer  Blinddarmentfernung wurde Osamu Dazai abhängig von Schmerzmitteln. Als er sich 1936 auf Entzug begab, ging seine Ehefrau fremd. Als ein gemeinsamer Selbstmordversuch von Ehemann und -frau scheiterte, trennten sich die beiden.

1939 heiratete Osamu Dazai erneut. Aus dieser Ehe ging Yuko Tsushima, ebenfalls Autorin, hervor.

In den Nachkriegsjahren erreichte Osamu Dazai den Höhepunkt seiner Popularität. Durch die Aura der Verzweiflung und Rebellion wurde er zu einem Idol der verlorenen Generation.

1948 gelang ihm schließlich der Selbstmord: Zusammen mit seiner Geliebten ertränkte er sich.

Interessante Links:


Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

Weitere Erzählungen
  • Alte Freunde (Veröffentlichung geplant für Oktober 2017)

Samstag, 26. Mai 2012

„Die Traumbrücke“ von Junichiro Tanizaki

Junichiro Tanizaki beweist mit den beiden Erzählungen „Die Traumbrücke“ und „Biographie der Frühlingsharfe“ sein Faible für das sexuell und psychologisch Abgründige, während die dritte in dem Band enthaltene Erzählung „Die Erzählung eines Blinden“ eine Historiengeschichte aus dem Mittelalter umfasst.

In „Die Traumbrücke“ wird der gut gemeinte Plan des Vaters des Protagonisten Tadasu offenbart: Nach dem Tod der leiblichen Mutter Chinu nimmt sich der Vater eine neue Ehefrau. Diese war mit dem Ziel ausgewählt, Tadasu möglichst kaum einen Unterschied zwischen den beiden Frauen ausmachen zu lassen und in seinem kindlichen Vorstellungsvermögen zu einer Person zu verwischen. So beginnt eine obskure Stiefmutter-Sohn-Beziehung, in der Tadasu nachts bis fast ins Teenager-Alter an der Brust der Stiefmutter saugt, ohne dass sich freilich ein Tropfen Milch gewinnen lässt. Gut gemeint ist eben nicht immer gleichzusetzen mit gut...

„Die Erzählung eines Blinden“ spielt im Mittelalter und beruht auf historischen Ereignissen. Als Masseur und Gaukler gelangt der Blinde in den Dienst der Fürstin Oichi, die mit Fürst Nagamasa verheiratet und eine Schwester von Fürst Nobunaga ist. Als Krieg zwischen den beiden Häusern ausbricht, ist dies der Auftakt für ihr wechselhaftes Schicksal: Nicht nur einmal steht sie vor der Entscheidung, mit ihrem jeweiligen Ehemann während der vielfältigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Clans in den Tod zu gehen. Der Blinde bleibt bis zum Schluss an ihrer Seite und tut sein Bestes, sie und ihre Töchter zu retten.

„Die Biografie der Frühlingsharfe“ ist die Lebensgeschichte der blinden Musikerin Shunkin, einer Meisterin des Shamisen-Spiels – und Femme Fatale im Leben des Dieners Sasuke. In völliger Hingabe, die mehr masochistischer Aufopferung gleicht, dient er seit seiner Jugend der nur wenige Jahre jüngeren Shunkin. Als Shunkin ein Verbrechen angetan wird, zögert Sasuke nicht, und bringt aus Liebe ein gewaltiges Opfer.

Wer sich für historische Geschichten rund um Samurai-Ehre und -Krieg interessiert, dem wird „Die Erzählung eines Blinden“ bestimmt sehr gefallen. Weit aus mehr unter die Haut gehen jedoch die Erzählungen  „Die Traumbrücke“ und „Die Biografie der Frühlingsharfe“, die mit Grenzen zur Perversion spielen.

Mittwoch, 23. Mai 2012

„Urlaub für die Ewigkeit“ von Akira Abe

Der Protagonist Teisuke in „Urlaub für die Ewigkeit“ erlebt gerade wahrlich keine schöne Zeit: Seinem Vater ist unheilbarer Krebs attestiert worden, die Ärzte geben ihm nur noch wenige Monate zu leben. Dem Vater soll die Diagnose verschwiegen werden, was Teisuke irgendwie gerade recht kommt: So kann er weiterhin abends mit seinen Kollegen saufen gehen und sein distanziertes Verhältnis zum Vater beibehalten. So richtig entsetzt über den baldigen Krebstod ist die unmittelbare Verwandtschaft ebenfalls nicht: Für die eigene Ehefrau, die der Vater seit jeher wie eine Sklavin herumkommandiert hatte, wäre sein Tod eine Befreiung. Und der zweitgeborene Sohn Ryoji war ohnehin seit Jahren mit ihm verstritten.

In Rückblenden erzählt Teisuke von dem sehr unschönen Familienleben während der letzten 30 Jahre: Der versoffene Vater hatte als ehemaliger Marineoffizier nach dem Krieg nie wieder Fuß fassen können und als Arbeitsloser von den illegalen Geschäften Ryojis gelebt. Als Ryojis verzweifelte Versuche, Geld für die Familie aufzubringen, aufflogen, verstieß der Vater seinen Sohn. Den erstgeborenen, bereits verstorbenen Sohn hatte er aufgrund dessen geistiger Behinderung kastrieren lassen. Und die Mutter behandelte er wie einen Fußabstreifer. Da war Teisuke, der drittgeborene Sohn, noch am besten weggekommen.

„Urlaub für die Ewigkeit“ wirft die Frage auf, ob man einem Familientyrann vor dessen Tod vergeben kann. Gerade einmal die Schwiegertöchter sind fähig, dem Sterbenden gegenüber den traditionellen Respekt einem Familienoberhaupt gegenüber zu bewahren.

Die autobiographisch gefärbte Erzählung von Akira Abe schildert eine wahrlich tragische Familienhistorie, die viele Aspekte japanischer Sozialgeschichte in sich birgt: Soldaten, die nach dem Krieg wertlos geworden sind und sich in einer entmilitarisierten Gesellschaft nicht mehr zu Recht finden. Patriarchalische Familienoberhäupter, die die Zeichen des Wandels nicht erkennen. Und Söhne, die während des Krieges ohne Väter aufwachsen.

Dienstag, 22. Mai 2012

Akira Abe

Akira Abe wurde 1934 in Hiroshima geboren. Nach der Versetzung seines Vaters, einem Marineoffizier, wuchs er in Kugenuma auf. Nach Kriegsende wurde die familiäre Situation immer schwieriger, da der Vater als Ex-Militär ohne Einkommen da stand und sich mit den neuen Verhältnissen nicht arrangieren konnte.

Trotzdem studierte Akira Abe Romanistik an der Universität von Tokio. Er beteiligte sich auch an einer studentischen Theatergruppe und beschäftigte sich unter anderem mit Stendhal.

Vom Jahr 1959 an arbeitete er beim Rundfunk. 1962 debütierte er mit seiner ersten Erzählung „Das Kinderzimmer“. 1971 wurde er Vollzeitautor. 1973 erhielt er den Manichi-Literaturpreis, 1977 den Kunstförderpreis des Kulturministeriums.

Seine Werke haben starke autobiographische Bezüge: Sie handeln oftmals vom Autoritätsverlust des Militärs nach dem Krieg, wie ihn Akira Abes Vater erlebt hatte, und vom Zusammenleben mit einem behinderten Familienmitglied. Akira Abe gilt als Vertreter der „inrovertierten Generation“.

1989 starb Akira Abe an Herzversagen.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

Montag, 21. Mai 2012

„Liebe“ von Yasushi Inoue

Drei Spielarten der Liebe präsentiert Yasushi Inoue in drei Erzählungen:

„Tod, Liebe und Wellen“ handelt von Sugi, einer gescheiterten Existenz. Da er keinen anderen Ausweg aus seiner Notlage sieht, mietet er sich in einem Hotel am Meer ein – die dortigen Klippen erscheinen ihm ideal zu sein, um sich in den Tod zu stürzen. Doch es begibt sich ein weiblicher Gast mit demselben Ziel in seine Herberge.

„Der Steingarten“ ist ein schicksalhafter Ort für Uomi. Hier hat er sich mit seinem besten Freund entzweit. Hier hat er sich von seiner ersten Freundin getrennt. Und hierher bringt er seine frischgebackene Ehefrau.

Karaki aus der Erzählung „Der Hochzeitstag“ ist seit einiger Zeit Witwer. Seine verstorbene Ehefrau steht in gewisser Weise einer neuen Ehe im Weg – einte Karaki und seine Frau doch vor allem die Gemeinsamkeit des Geizes, sogar an ihrem Hochzeitstag.

Die Formen der Liebe in Yasushi Inoues Erzählband sind von unterschiedlichster Art: Verzweifelter Zusammenhalt, jugendlicher Sturm und Drang, traditionelles Omiai und Pragmatismus. Doch so richtig fesseln oder rühren vermögen die Erzählungen leider nicht so recht. Teilweise wirkt die Handlung etwas konstruiert und weltfremd.

Sonntag, 20. Mai 2012

„Die Glocken von Nagasaki“ von Paul Takashi Nagai

Die unglaublichen Schrecken des Atombombenabwurfs über Nagasaki beschreibt der Zeitzeuge Paul Takashi Nagai mit „Die Glocken von Nagasaki“ mehr als eindringlich. Er selbst war als Mitarbeiter des Universitätskrankenhauses von Nagasaki nur wenige hundert Meter vom Explosionszentrum entfernt. Geschützt in den Räumen der Radiologie entkam er dem Schicksal seiner Kollegen und Studenten, die zum Zeitpunkt des Abwurfs gerade unter freiem Himmel waren und sofort starben. Von einer Minute auf die nächste fanden sich Paul Takashi Nagai und seine überlebenden Kollegen in einer alptraumhaften Szenerie wieder: Die alten Holzhäuser Nagasakis waren zerstoben, alle Bäume entwurzelt und Leichen lagen überall. Was der Explosion noch einigermaßen widerstanden hatte, wurde von der folgenden Feuersbrunst endgültig zerstört.

Paul Takashi Nagai und seine Kollegen konnten sich im Folgenden keine Minute Ruhe gönnen: Es galt, die überlebenden Patienten der Klinik zu evakuieren und mit dem wenigen Material, das sie aus dem brennenden Universitätsklinikum hatten bergen können, die unzähligen Verletzten zu behandeln. Auch in den nächsten Wochen gab es für die Gruppe der Krankenhausmitarbeiter keine Erholung: Sie zogen los, um die in die umliegenden Dörfer geflohenen Verletzten zu behandeln. Doch wie alle Einwohner Nagasakis hatten auch sie selbst an den schwerwiegenden Folgen der atomaren Verstrahlung zu kämpfen. Wer die Explosion überlebt hatte, starb oftmals bald einen grausamen Strahlentod.

Aufgrund seines selbstlosen Einsatzes wurde Paul Takashi Nagai bald als „der Heilige von Urakami“ betitelt. Aufgrund seiner eigenen Verstrahlung war er bald selbst ans Krankenbett gefesselt. Doch trotzdem begann er, seine Erinnerungen an den Atombombenabwurf literarisch festzuhalten, um einen unmittelbaren Einblick in die Schrecken des Atomkrieges zu vermitteln:

„Ich musste ja die Wahrheit niederschreiben, gerade wegen des Schreckens dieser Szenen, gerade weil diese Szenen die überlebende Menschheit quälen und verfolgen würden. Ich hatte einfach die Aufgabe, die Geschichte zu erzählen, die Geschichte von dem, was uns in diesen Abgrund von Elend und Zerstörung gestürzt hatte.

Es ist das wahre Antlitz des Krieges. Diese Ohnmacht, diese Agonie, dieses Leid, das ist das Wesen des Krieges. Atomkrieg ist nicht schön. Es ist auch nichts Gefälliges dran. Er ist so unheimlich kurz und so entsetzlich. Er ist das letzte Wort der Zerstörung. Was übrig bleibt, sind Asche und Gebeine – und sonst nichts.“
(S. 14, „Wie dieses Buch entstand“)

Wahrscheinlich ist „Die Glocken von Nagasaki“ deswegen so eindrücklich und verstörend, da es eben keine fiktionale Geschichte, sondern zeitnah verfasste Erinnerung ist. Durchaus sind die Szenen manchmal so detailliert, dass man mehr als schaudern muss. Trotzdem kann man das Buch nicht aus der Hand legen, bis man es ausgelesen hat.

Nur leider hat Paul Takashi Nagai in einem Punkt leider nicht Recht behalten: Auch der friedlichen Nutzung der Atomkraft im Sinne der Energiegewinnung ist eine unberechenbare, zerstörerische Gefahr immanent.

Samstag, 19. Mai 2012

Paul Takashi Nagai

Takashi Nagai, der „Heilige von Urakami“ wurde 1908 in Matsue geboren. 1928 begann er mit seinem Medizinstudium in Nagasaki. Als seine Mutter Tsune im Jahr 1930 starb, begann er sich für den Katholizismus zu interessieren. Daraufhin zog er zu der katholischen Familie Moriyama zur Untermiete, um sich mehr mit dem gelebten Glauben beschäftigen zu können. Als Takashi Nagai aufgrund einer Mittelohrentzündung auf einem Ohr taub wurde, musste er den Wunsch, Arzt zu werden, aufgeben, da er das Stethoskop nicht mehr nutzen konnte. Dadurch wandte er sich trotz der damaligen Risiken aufgrund des ungenügenden Strahlenschutzes der Radiologie zu. 1933 wurde er eingezogen und in die Mandschurei geschickt. Verzweifelt von den Kriegsschrecken entschied er sich nach seiner Rückkehr endgültig für den katholischen Glauben und ließ sich taufen. Als Taufnamen erhielt er den Vornamen Paul. Bald darauf heiratete er die Tochter seiner Vermieter Midori Moriyama.

Zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs über Nagasaki arbeitete Paul Takashi Nagai in der Radiologie des dortigen Universitätsklinikums. Durch die abgeschirmten Räumlichkeiten überlebte er die Explosion, obwohl das Krankenhaus kaum entfernt vom Explosionszentrum stand. Seine Ehefrau starb jedoch zu Hause; die gemeinsamen Kinder Makoto und Kayano überlebten. Trotzdem arbeitete Paul Takashi Nagai unermüdlich, um Verletzte zu versorgen, bis er aufgrund der Strahlung kollabierte. Als Radiologe hatte er ohnehin schon unter Strahlenschäden gelitten, die sich nach dem Atombombenabwurf weiter verschlimmerten.

Der bettlägerige Paul Takashi Nagai begann nun im Akkord zu schreiben, um der Welt die Schrecken des Atombombenabwurfs zu vermitteln. 1946 stellte er „Die Glocken von Nagasaki“ fertig. Nach einigen Wirrungen erschien das Buch 1949, das unter anderem für die Bühne und den Film erfolgreich adaptiert wurde. Der Autor erlag 1951 den Folgen der Verstrahlung.

Aufgrund seines selbstlosen Handelns wurde er als der „Heilige von Urakami“ bekannt und bereits zu Lebzeiten geehrt.

Interessante Links:

Hier rezensiert:

Weitere ins Deutsche übersetze Romane:
    • Notizen auf einem Sterbebett
    • Wir waren dabei in Nagasaki

    Freitag, 18. Mai 2012

    „Scharlachrot“ von Ineko Sata

    Bücher über Trennungen sind nie sonderlich gemütlich zu lesen und auch alles andere als erbaulich. Doch „Scharlachrot“ von Ineko Sata ist nicht nur eine biographisch gefärbte Geschichte über eine Trennung: Sie ist ein Zeitzeugnis und vermittelt die Probleme von japanischen Frauen auf dem Weg in ein emanzipiertes, selbst bestimmtes und gleichberechtigtes  Leben in einer Zeit des Umbruchs. Zudem gibt sie einen Einblick in das Leben der Autoren der proletarischen Literaturbewegung.

    Ineko Satas Protagonistin Akiko ist ihr Alter-Ego. Auch die anderen Charaktere haben ihren realen Gegenpart: Hinter Akikos Ehemann Kosuke verbirgt sich Ineko Satas zeitweiliger Ehemann Tsurujiro Kubokawa. Akikos Freundinnen Kishiko und Masae stehen für die Autorinnen Yuriko Miyamoto und Sakae Tsuboi.

    In den 30er Jahren sind die Autoren der proletarischen Literaturbewegung politischer Verfolgung ausgesetzt. Akikos Ehemann Kosuke wird für zwei Jahre inhaftiert. Daher obliegt es Akiko, mit Schreiben Geld zu verdienen und ihre Familie über Wasser zu halten. Als Kosuke aus der Haft entlassen wird, hat sich Akiko als Schriftstellerin einen Namen gemacht und er hat den Eindruck, hinter ihrem Schaffen zurück geblieben zu sein. Statt sich kreativ zu befruchten, kämpfen beide künftig in schriftstellerischer Rivalität gegeneinander an. Hinzu kommt Akikos Verunsicherung in ihrer Rolle als Frau: Einerseits verkörpert sie einen bisher ungewöhnlichen, modernen und emanzipierten Frauentyp, der arbeiten geht und ein eigenes Auskommen hat; sprich: sich als gleichberechtigt zum Mann sieht. Andererseits sehnt sie sich nach Kosukes Liebe, was in Kontrast zu ihren Unabhängigkeitsbestrebungen steht. Als Kosuke fremdgeht, hadert sie mit ihrem Schicksal: Wenn sie nicht zu schreiben begonnen hätte, wäre sie vielleicht in ihrer unterwürfigen, klassischen Rolle als Ehefrau aufgegangen und hätte Kosuke nicht in die Arme einer anderen Frau getrieben.

    Zudem erhält der Leser einen kleinen Einblick in das Leben der Autoren: Nicht nur Kosuke, sondern auch Akiko als auch deren Freundin Kishiko werden wegen der gesellschaftskritischen Inhalte ihrer Werke inhaftiert. Finanziell hangeln sie sich von Auftrag zu Auftrag. In dem 1936 erschienen Roman „Scharlachrot“ wird aus Angst vor Veröffentlichungsverbot vieles rund um die Probleme der Arbeiter nur angedeutet.

    Ineko Satas Roman wirkt zwar etwas zermürbend, aber der direkte Einblick in eine Zeit der Umwälzung des Rollenverständnisses von Frau und Mann ist heutzutage immer noch spannend, wenngleich zur Zeit der Veröffentlichung gar revolutionär.

    Donnerstag, 17. Mai 2012

    „Engel ohne Flügel“ von Tatsuo Matsushiro

    Tatsuo Matsushiro erzählt in „Engel ohne Flügel“ von einem normalen Tag einer nicht ganz gewöhnlichen vierköpfigen Familie: Mutter, Vater, der ältere Sohn und im Zentrum der Geschehnisse der geistig behinderte Akira. Akira, dem die Ärzte nach seiner Geburt fast keine Überlebenschance gegeben haben, ist inzwischen sechs Jahre geworden; ist psychisch jedoch auf dem Stand eines Einjährigen und physisch entwickelt wie ein dreijähriges Kind. Der kleine Kerl hat jedoch auch Glück gehabt: Er ist in genau die richtige Familie hineingeboren worden, die ihn aufrichtig liebt und ihm alles und jedes verzeiht. Da mag er noch so oft auf den Boden des Badezimmers pinkeln und die Bücher seines Vaters abschlecken.

    Erzählt wird „Engel ohne Flügel“ jedoch aus der Sicht der Mutter, die die größte Verantwortung in Akiras Pflege zu tragen hat. Ihr geliebter Aki-chan löst in ihr oft ambivalente Gefühle aus: Einerseits weiß sie, dass sie sich nicht allzu viel Hoffnung auf seine weitere Entwicklung machen soll. Doch gleichzeitig hofft sie, dass er doch irgendwann zu sprechen beginnt – wie schön wäre es doch, wenn er sie eines Tages Mama nennen würde. Einerseits überlegt sie zusammen mit Akiras Vater, ob er nicht besser in einem Heim aufgehoben wäre. Doch es bricht ihr das Herz bei dem Gedanken, ohne ihren Aki-chan zu sein.

    „Engel ohne Flügel“ ist trotz der eigentlich betrüblichen Situation, dass Akira wahrscheinlich niemals eigenständig leben werden kann, ein sehr positives Buch. Denn der kleine Racker wird nicht als Belastung empfunden, sondern als liebenswürdiges Mitglied der Familie.

    Dienstag, 15. Mai 2012

    Tatsuo Matsushiro

    Von Tatsuo Matsushiro lassen sich leider nicht allzu viele biographische Daten in Erfahrung bringen, wenn man wie ich kein Japanisch kann. Der Autor wurde im Jahr 1934 in Kobe geboren und studierte Anglistik in seiner Heimatstadt. Zunächst verdingte er sich als Lehrer, wurde dann jedoch Werbetexter, Essayist und Schriftsteller in Tokio.

    Sein Roman „Engel ohne Flügel“ wurde 1977 für den Naoki-Literaturpreis nominiert.

    Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

    Montag, 14. Mai 2012

    „Das Fremde aus der Dose“ von Yoko Tawada

    „Das Fremde aus der Dose“ bietet einen herrlichen, wenn auch sehr kurzen Einblick in das Sprach- und Assoziationsphänomen Yoko Tawada. Aus dem Blickwinkel der Fremden in Deutschland fallen ihr Ungewöhnlichkeiten auf, über die der Einheimische niemals reflektieren würde. Die Charaktere, auf die die japanische Protagonistin trifft, sind eigenwillig und verschroben, wie man dies von Yoko Tawada kennt. Daher gibt es auch einiges zu erzählen über Talismane (oder Ohrringe?), Analphabeten, die nicht zwangsläufig dem Lesen und Schreiben nicht mächtig sein müssen, und dem seltsamen Phänomen von abwegig gestalteten Produktverpackungen.

    Mehr darf man aber schon glatt nicht mehr aus „Das Fremde aus der Dose“ vorweg nehmen, ohne zuviel aus dem nur 18 Seiten dünnen Heft zu verraten. Sicherlich ist das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht gerade das Beste, wenn man den Neupreis von 4,50 Euro betrachtet. Für Liebhaber ist „Das Fremde aus der Dose“ aber ein delikates Kondensat der sprachverspielten Gabe der genialen Beobachterin Yoko Tawada.

    Sonntag, 13. Mai 2012

    „Verstrahltes Leben“ von Kyoko Hayashi

    Kyoko Hayashi, eine Hibakusha (= Atombombenopfer), resümiert mit den beiden Erzählungen „Verstrahltes Leben“ und „Von Trinity nach Trinity“ ihr Leben und die Leben ihrer Freundinnen, die ebenfalls unter den Erfahrungen des Atombombenabwurfs und den Strahlenschäden leiden.

    Im Jahr 1998 geht sie auf Pilgerreise zu den 33 Kannon-Tempeln auf der Miura-Halbinsel. Eigentlich hätte sie gerne eine gemeinsame Pilgerreise mit ihrer Freundin Kana, die ebenfalls eine Hibakusha ist, unternommen. Doch Kana ist gewissermaßen verschollen: Zwar hat Kana jeden Sommer unter starken Depressionen zu leiden, die sämtlichen Kontakt zur Außenwelt abbrechen lassen. Doch dieses Jahr liegt auch die Vermutung, sie könne an ihren Strahlenschäden verstorben sein oder Selbstmord begangen haben, nahe.

    Die Ich-Erzählerin wird die Kannon-Tempel alleine besuchen, um sich und vielleicht auch Kana von den Geistern der Vergangenheit zu befreien. Wie alle Hibakusha hatte sie sich darauf eingestellt, aufgrund der Strahlenschäden zu sterben. Doch je älter sie wird, desto wahrscheinlicher wird ein Alterstod, dem sie sich auf andere Weise stellen muss. Damit wird ihr gewissermaßen die Existenzberechtigung entzogen:

    „Wenn ich selbst als Beweis für die Tatsache der Bestrahlung aus dem Körperinneren stürbe, hätte nicht gerade dann mein Leben als Hibakusha einen Sinn gehabt?“ (S. 90)

    Während ihren Ausflügen zu den Tempeln schweift die Protagonistin ab zu den vielen Geschehnissen vom Tag des Bombenabwurfs über Nagasaki und den vielen Einzelschicksalen der Hibakusha: Viele ihrer Mitschülerinnen starben am Tag der Atombombenexplosion, viele weitere an den Strahlenschäden in den Wochen danach. Die Körper der überlebenden Schülerinnen waren oft von Narben übersät und die Köpfe kahl vom Haarausfall. Als Hibakusha diskriminiert gestaltete sich eine Heirat oft schwierig, die am Widerstand der potenziellen Schwiegereltern scheitern konnte. Aus Angst, missgebildete Kinder zu gebären, wurde ein Kinderwunsch unterdrückt. Neben den psychischen Traumata hatten die Hibakusha auch noch Krebsoperationen zu überstehen.

    Doch die gewünschte Erlösung durch die Pilgerreise wird der Ich-Erzählerin leider nicht gewährt. Es bleibt eher das Gefühl der völligen Erschöpfung durch ein besonders hartes Schicksal.

    Im Jahr 2000 wagt sich die Erzählerin nach Trinity, dem Testgelände der ersten Atombombe der Geschichte. Sie erlebt die wunderbare Atmosphäre, die New Mexico auch auf die Malerin Georgia O’Keefe ausgeübt haben mag. Doch sie muss sich auch im Land der Sieger deren Sichtweise stellen. Denn hier ist der Atombombenwurf ein heroischer Akt und birgt nicht die grauenhaften Erfahrungen der Hibakusha in sich. Die Ich-Erzählerin muss tragischerweise erkennen, dass die Welt nichts gelernt hat und immer noch Atombomben produziert werden. Am liebsten würde sie lauthals immer wieder herausschreien „Die Welt braucht eure Atombombentests nicht!“.

    „Verstrahltes Leben“ ist freilich keine einfache Kost, die sich mal so eben schnell durchlesen lässt. Kyoko Hayashi gibt einen hautnahen Einblick in die Geschehnisse vom August 1945 und den Schicksalen der Menschen, die oftmals völlig auf sich allein gestellt ihr Leben irgendwie weiterleben mussten.

    Samstag, 12. Mai 2012

    Kyoko Hayashi

    Die 1930 in Nagasaki geborene Autorin Kyoko Hayashi wuchs aufgrund der Versetzung ihres Vaters von 1931 bis zu Beginn des Jahres 1945 in Shanghai auf. Im März 1945 kehrte die Familie ohne den Vater im Zuge der Repatriierung nach Nagasaki zurück. Kyoko Hayashi wurde im Nagasaki-Mädchengymnasium eingeschult, doch allzu bald wurden die Schülerinnen zum Arbeitseinsatz in die Mitsubishi-Waffenwerke eingezogen.

    Am 09. August 1945, als über Nagasaki die Atombombe abgeworfen wurde, war Kyoko Hayashi weniger als eineinhalb Kilometer vom Explosionszentrum entfernt. Wie durch ein Wunder überlebte Kyoko Hayashi den Atombombenabwurf ohne größere, von außen erkennbare Verletzungen. Die radioaktive Strahlung jedoch löste eine mittelschwere Strahlenkrankheit aus. 1953 schenkte sie einem gesunden Sohn das Leben.

    Im Jahr 1962 begann Kyoko Hayashi mit dem Schreiben. 1975 gelang ihr der literarische Durchbruch, als sie für „Der Ritualplatz“ mit dem begehrten Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde. Es folgten viele weitere, bedeutende japanische Literaturpreise.

    Ihre Werke befassen sich einerseits mit ihrer Kindheit in Shanghai, andererseits mit dem Leben als Hibakusha (= Atombombenopfer).

    Interessante Links:

    Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert:

    Donnerstag, 10. Mai 2012

    „Schneeland“ von Yasunari Kawabata

    Der Schöngeist Shimamura besucht dreimal ein Städtchen im Schneeland: Eines Frühlings lernt er die ihm besonders rein erscheinende junge Komako kennen, zu der er im Winter und später im Herbst zurückkehrt. Im Winter ist sie zur Geisha geworden, um die Arztrechnungen eines im Sterben liegenden Freundes begleichen zu können. Zwischen den Abendgesellschaften, zu denen sie geladen ist, besucht sie den geliebten Shimamura. Es scheint, sie könne kaum eine Stunde ohne ihn sein. Doch Shimamura ist bereits gedanklich bei der geheimnisvollen Yoko, die sich aufopferungsvoll um den Sterbenden kümmert. Fasziniert ist er insbesondere von ihrer wunderschönen Stimme. Umso mehr fühlt sich Shimamura bereits im Herbst zu Yoko hingezogen.

    Der Ästhet Shimamura betrachtet jedoch nicht nur die beiden Schönheiten Komako und Yoko, sondern auch die sich in den Jahreszeiten verändernde Landschaft in den Bergen. Dieser Ästhetizismus steht in starkem Kontrast zu der praktischen Veranlagung der Komako.

    Yasunari Kawabatas „Schneeland“ bleibt mir jedoch zu vage, was die zwischenmenschlichen Verflechtungen und Beziehungen der Hauptcharaktere betrifft. Vieles wird nur angedeutet, Dialoge brechen einfach ab. Dazu gesellt sich der anstrengende Charakter der Komako: Sie besäuft sich auf den Gesellschaften, meckert über ihre Übelkeit und kann sich selbst bei lapidaren Dingen nicht entscheiden (ich wasche mir die Haare, nein, ich wasche mir die Haare nicht, jetzt wasche ich mir doch die Haare, oder vielleicht doch eher nicht…). Gerade die Sauferei lässt einem die vom Protagonisten geliebte Reinheit der Komako schwer nachvollziehen. Ebenfalls schlecht nachvollziehbar ist die Ästhetik, wenn Komakos Lippen mehrfach wie „schöne“ feuchte Blutegel beschrieben werden. Brrr… Ich mag mir so was eigentlich nicht unbedingt vorstellen müssen. Sicherlich trifft der Roman mehr einen japanischen Sinn für Ästhetik.

    Mittwoch, 9. Mai 2012

    „Sommerliebe“ von Yoko Mori

    Uiuiui, dass sich hinter dem Kurzroman mit dem schmachtvollen Namen „Sommerliebe“ solch ein Kaliber verbirgt, das hätte ich nicht gedacht. Wahrlich Sex in the City – nur in Tokio statt in New York: Die 35-jährige Yoko bewegt sich aufgrund ihrer Ehe mit dem Engländer Paul in internationalen Kreisen. Trotz des gemeinsamen Kindes geht sie mit Übersetzungen einer Arbeit nach und treibt sich auch gerne allein in Bars herum. Mitte 30 möchte Yoko noch die verbliebene Zeit auskosten, bis sie nicht mehr attraktiv für Männer ist. Zudem lebt sie in ihrer Ehe mehr neben dem Mann her und in sexueller Hinsicht kommt sie mit ihm ohnehin nicht auf ihre Kosten. Im Sommer kann sie Männern nicht widerstehen. Während sie letzten Sommer eine heiße, aber freundschaftliche Affäre mit einem Freund ihres Mannes hatte, lernt sie diesen Sommer den Amerikaner Lane kennen. Yoko gibt vor, noch ledig zu sein und stürzt sich in ein Abenteuer, das ihr den besten Orgasmus ihres Daseins beschert. Lane verkörpert einen anziehenden Charakter: Von außen cool und innen zerbrechlich. Dass diese Affäre kein Happy End haben wird, ist voraussehbar.

    Mit erstaunlicher Offenheit geht Yoko Mori in dem bereits in den 70er Jahren erschienen Roman mit Sexualität um: Außereheliche Affären, Homosexualität, Outdoor-Sex, Oralsex, Verbalsex – mit „Sommerliebe“ wird ein ganzes Spektrum an sexuellen Spielarten illustriert. Und natürlich sind einige schmachtvolle Stellen für die weiblichen Leser enthalten, wenn der attraktive Lane geschildert wird, den wohl keine von der Bettkante stoßen würde.

    Neben „Sommerliebe“ enthält der Band auch die kurzen Erzählungen „Bloody Mary“, „Die Freundinnen“ und „Sturzregen“, die jeweils amüsante Episoden allein stehender Frauen in Tokio illustrieren: Da geht es um heiße Aufrisse in einer Bar, vorgeschützte Keuschheit beim Omiai, Lebenswege, die sich in unerwünschte Richtungen drehen, und plötzlich aufkeimendes sexuelles Verlangen – jeweils mit einem Augenzwinkern versehen.

    Leider wird der Klappentext dem Buch überhaupt nicht gerecht. In „Sommerliebe“ und den Erzählungen geht es weit rasanter und frecher zu. Sicherlich wird aber eine weibliche Leserschaft mehr Freude an den Texten haben.

    Dienstag, 8. Mai 2012

    Yoko Mori

    Der Werdegang der 1940 als Masayo Ito auf Izu geborenen Autorin Yoko Mori erinnert ab deren 30er ein bisschen an Carrie Bradshaw aus Sex and the City. Ihre Familie zog bald nach ihrer Geburt nach Tokio, wo Yoko Mori bis zu ihrem Tod lebte. Als Kind wurde sie als geniale Geigenspielerin gefeiert und studierte schließlich an der Kunstakademie Tokio Musik. Während des Studiums bemerkte Yoko Mori jedoch, dass ihre Fähigkeiten nicht zur Solistin reichen würden. Daher arbeitete sie zu Beginn der 60er Jahre in einer Werbeagentur und heiratete 1964 den Engländer Ivan Brackin. Nach der Geburt der gemeinsamen drei Töchter begann sie im Alter von 35 Jahren mit dem Schreiben.

    Ihren Künstlernamen wählte sie in Anlehnung an die von ihr verehrten Geigerin Yoko Hayashi (Hayashi = Hain / Mori = Wald). Mit dem Schriftsteller Ogai Mori ist Yoko Mori freilich nicht verwandt.

    1978 erschien ihr Debüt mit „Sommerliebe“, einem stark autobiographischen Kurzroman um sexuelle Affären in der Großstadt, für den Yoko Mori mit dem zweiten Platz des Subaru-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Weitere Werke wurden für den Akutagawa- und den Naoki-Preis nominiert. Unter ihren Büchern waren viele Bestseller, die bis zu 40 Auflagen erreichten. Eine Kurzgeschichtenserie, die in der größten Tageszeitung abgedruckt und schließlich fürs Fernsehen verfilmt wurde, und eine tägliche Kolumne ließen Yoko Mori zum Star werden. Die elegante Autorin wurde von Zeitschriften mit Bildbeiträgen bedacht und hatte ihre eigene Geschenkartikelserie.

    Bis zu ihrem frühen Krebstod im Jahr 1993 erschienen über 90 Bücher der umtriebigen Yoko Mori.

    Interessante Links:

    Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

    Montag, 7. Mai 2012

    „Der Seemann, der die See verriet“ von Yukio Mishima

    Yukio Mishimas Roman „Der Seemann, der die See verriet“ nimmt im Sommer in Yokohamas Hafen seinen Ausgangspunkt: Fusako, Mutter des von der Seefahrt begeisterten 13-jährigen Noboru, trifft auf einer privaten Schiffsbesichtigung zusammen mit ihrem Sohn auf den Offizier Ryuji. Eine schicksalhafte Begegnung: Für Ryuji ist Fusako die ideale Frau, nach der er sich schon seit jeher gesehnt hat. Fusako ist seit mehreren Jahren Witwe und hat Sehnsucht nach einem Mann an ihrer Seite. Noboru wiederum ist (zunächst) angetan von der heldenhaften Atmosphäre, die den äußerst männlich wirkenden Ryuji umgibt. Ryuji und Fusako verleben wenige, besonders leidenschaftlich Stunden, bis Ryujis Frachter wieder in exotische Länder ausläuft.

    Im Winter läuft das Schiff erneut in Yokohama ein. Ryuji, der einst Seemann wurde, um sich als Held, als ein ganz besonderer Mensch zu beweisen, realisiert, dass sein Traum von Ehre, Liebe und Tod sich nicht mehr erfüllen wird. Doch in Fusako hat er eine verführerische Frau gefunden und beschließt, das Leben auf See aufzugeben und sie zu ehelichen. Doch die Rechnung ist ohne Noboru gemacht: Der naseweise Jugendliche hat nicht nur ein Loch in der Wand entdeckt, durch das er das Paar beim Sex beobachtet. Er gehört auch einer Bande nihilistischer Gleichaltriger an, die sich als Elite der Gesellschaft fühlen. In den Augen der Teenager sind vor allem Väter die Pest. Noch sind alle Bandenmitglieder unter 14 Jahren und damit nicht strafrechtlich zu belangen – was den Anführer auf die Idee bringt, jetzt sei die Zeit, um noch einmal etwas Ungeheuerliches anzuzetteln…

    „Der Seemann, der die See bedient“ kreist um den Wunsch nach Heldentum. Ryuji muss sein Ziel, Heldenhaftes zu vollbringen aufgeben und entschließt sich, ein normales Leben an Land zu führen. Noboru sieht in Ryuji zunächst einen Helden der See. Doch diese idealisierte Vorstellung wird allzu schnell enttäuscht und durch Ryujis permanente Rückkehr an Land völlig zu Nichte gemacht. Noboru und seine Kumpanen sehen sich dagegen als Anti-Helden, die es der armseligen Erwachsenengesellschaft heimzahlen wollen.

    Der Roman fesselt vor allem durch Perversionen: Noboru ist nicht nur ein ganz unsympathischer Spanner. Zusammen mit den anderen Bandenangehörigen versucht er, seine Empfindungen abzutöten. Deswegen muss er als Mutprobe ein Kätzchen mit eigenen Händen töten. Der Bandenchef seziert es im Anschluss. Alles widerlich, aber trotzdem muss man weiter lesen.

    Insbesondere im ersten Kapitel, das im Sommer spielt, übertreibt es mir Yukio Mishima jedoch ein bisschen mit seinen permanenten Beschreibungen von Licht und Schatten. Keine Szene vergeht, ohne dass der Autor etwas in gleißende Sonne stellt oder dunkle Schatten über etwas anderes werfen lässt. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen.

    Sonntag, 6. Mai 2012

    „In finsterer Nacht und andere Erzählungen“ von Ichiyo Higuchi

    Den weiblichen Charakteren in Ichiyo Higuchis Erzählungen sind zwei Dinge gemeinsam: Sie sind jung und das Schicksal spielt ihnen gerade übel mit.

    So trifft der Taugenichts Naojiro in „In finsterer Nacht“ auf die hübsche O-Ran, die zurückgezogen und zusammen mit einem alten Dienerehepaar in einem halb verfallenen Haus lebt. Nach und nach erfährt er mehr über die Hintergründe des abgeschiedenen Daseins der Schönheit, die ihre Rachegelüste auf einen gewissen Mann geschickt verbirgt. Naojiro verliebt sich in O-Ran und es sieht ganz so aus, als würden sich O-Rans Rachepläne nun erfüllen lassen.

    „Am letzten Tag des Jahres“ wird eine Rate fällig, die O-Mines schwerkranker Onkel einem Kredithai schuldig ist. Doch der Onkel mitsamt seiner Familie kann sich ohnehin schon nichts leisten, geschweige denn Schulden zurückzahlen. O-Mine, die als Dienstmädchen arbeitet, ist des Onkels einzige Chance: Kann sie bei ihrer reichen Herrin, den geringen Betrag ausleihen? Denn woher nehmen, wenn nicht stehlen…

    „Die Nacht der Herbstmondfeier“ soll die Nacht sein, in der O-Seki ihren Ehemann verlassen will. Der hartherzige Harada aus der Oberschicht macht schon seit Jahren das Leben von O-Seki, die aus der Unterschicht stammt, schwer. Als sie sich mit ihren Eltern bespricht, wird sie sich der Tragweite einer Scheidung bewusst: Sie würde ihren Sohn nie wieder sehen und insbesondere ihr Bruder, der von der beruflichen Unterstützung Haradas abhängig ist, hätte sein Nachsehen. Wo O-Seki doch viel lieber ihre Jugendliebe geheiratet hätte und einfache Kaufmannsfrau geworden wäre.

    Ökonomische Zwänge und Verantwortung für die Familie sind die Triebfedern für die Ichiyo Higuchis Protagonistinnen. Auch wenn die Thematiken ernst sind, so entbehren die Erzählungen doch nicht ein kleines Augenzwinkern. Die Enden sind offen gehalten; der Leser drückt unversehens die Daumen, dass die Damen doch noch ihr Glück finden mögen.

    Samstag, 5. Mai 2012

    Ichiyo Higuchi

    Ichiyo Higuchi gilt als erste moderne Literatin Japans. 1872 in Saiwaibashi als Natsu Higuchi geboren, erhielt sie nur bis zum Alter von 11 Jahren eine schulische Ausbildung, da ihre Mutter für ein Mädchen keine weitere Schulbildung von Nöten hielt. Ihr Vater, der ihr literarisches Talent erkannte, schickte sie jedoch alsbald auf eine Dichterschule.

    Nach dem Tod ihres älteren Bruders und ihres Vaters verarmte die Familie. Die Frauen mussten sich mit Näh- und Wascharbeiten über Wasser halten. Als Ichiyo Higuchi erfuhr, dass eine ihrer ehemaligen Mitschülerinnen einen hohen Betrag für einen Roman erhalten hatte, versuchte sie, den Lebensunterhalt künftig mit Schreiben zu bestreiten. Mit Unterstützung des Autors Tosui Nakarai verfasste sie schließlich ihren ersten eigenen Roman namens „Dunkle Kirsche“ in Nakarais Literaturzeitschrift. Mit der Veröffentlichung weiterer Werke konnte sie die Einnahmen der Familie erfolgreich steigern.

    Doch die nur 14-monatige Zeit emsiger Veröffentlichungen endete tragisch mit Ichiyo Higuchis Tod an Tuberkulose im Jahr 1897.

    Ichiyo Higuchi rückte erstmals die Rolle der Frau in den unteren Gesellschaftsschichten in den Fokus der japanischen Literatur, die vorher nur aristokratische Protagonisten zum Inhalt hatte. Ihre Werke wurden unter anderem von den Autoren Ogai Mori und Rohan Koda sehr gewürdigt.

    Seit 2004 ziert Ichiyo Higuchis Porträt den 5.000-Yen-Schein.

    Interessante Links:

    Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert:

    Freitag, 4. Mai 2012

    „Ohan – Die Liebe einer Frau“ von Chiyo Uno

    Ohan, das ist die mehr als duldsame Ehefrau des Taugnichts Kanoya. Vor Jahren hat dieser seine Frau zu ihrer Mutter zurückgeschickt, um sich mit der Geisha Okayo vergnügen zu können. Kurz nach ihrer Rückkehr zur Mutter bemerkt Ohan ihre Schwangerschaft und schenkt schließlich ihrem Sohn Satoru das Leben. Soweit die Vorgeschichte der unglücklichen Ehe.

    Die Novelle von Chiyo Uno setzt ein, als Kanoya nach sieben Jahren unversehens auf seine Ehefrau trifft. Insbesondere der Wunsch, seinem Sohnemann endlich einmal zu begegnen, lässt Kanoya mit seinem Schicksal hadern: Soll er bei der Geisha Okayo bleiben, sich von ihr aushalten lassen und sich ein sorgenfreies Leben ohne Mühsal gönnen? Oder soll er zu seiner Ehefrau Ohan zurückkehren, die wie ein Vorbild an Tugendhaftigkeit auf ihn wartet, um endlich auch mit seinem Sohn zusammenleben zu können? Freilich müsste der nichtsnutzige Kanoya dann auch ausnahmsweise mal für sein Geld hart arbeiten. So richtig mag und kann der Kerl sich einfach nicht entscheiden: Von Okayo wird er durchgefüttert, von deren Nichte, die ihn Vater nennt, wird er bedient. Ohans Trumpf ist der gemeinsame Sohn Satoru, der Kanoya bereits in seinem Trödelladen, der nichts abwirft, mehrfach besucht hat. Kanoya hat sich Satoru zwar noch nicht als dessen Vater offenbart, jedoch entspinnt sich dennoch ein liebevolles, zwischenmenschliches Verhältnis. Neben Nichtsnutzigkeit und Selbstmitleid gesellt sich auch noch Feigheit zu Kanoyas Charakterzügen: Eine der beiden Frauen muss er enttäuschen, doch er drückt sich vor jeglicher Aussprache und Konfrontation. Dann kommt leider sowieso alles anders als erwartet…

    Chiyo Uno, die die Sujets ihrer Werke meist aus den eigenen Erfahrungen schöpfte, gab an, sich im Fall von „Ohan – Die Liebe einer Frau“ vom Schicksal eines Ladenbesitzers, der auf der Insel Shikoku lebte, inspiriert zu haben. Die Autorin beschreibt mit der Figur der Ohan eine Person, die dem eigenen Lebenswandel diametral entgegensteht. Während Chiyo Uno ihre wechselnden Affären und Ehen einging, steht die tugendhafte Ohan zu ihrem untreuen Ehemann und erwartet sehnlichst seine Rückkehr. Doch das Ende scheint schließlich doch eine Veränderung in den tradierten Geschlechterverhältnissen anzudeuten.

    Donnerstag, 3. Mai 2012

    „Das Gedächtnis der Steine“ von Hikaru Okuizumi

    Im unmenschlichen Überlebenskampf in einer Inselhöhle, in der sich japanischen Soldaten während den Endzügen des Pazifikkriegs versteckt halten, werden die sterbenden Kameraden von ihren Landsleuten auf Anweisung des Kommandanten getötet und Maden aus Wunden gegessen, um nur irgendetwas in den Magen zu bekommen.

    „Ein Kieselstein in unserer Hand erzählt die Geschichte der Welt, und auch Sie sind Teil dieser Geschichte. Und was Sie in ihm entdecken, ist die Gestalt, die Sie in der Zukunft annehmen werden.“ (S. 48f.)

    Kurz bevor er in der Höhle auf der Insel Leyte sein Leben aushaucht, gibt ein Soldat seinem jungen Kameraden Manase die Philosophie der Steine auf den Weg. In dem Kreislauf von Magma über Fels, Stein und Sand bis zu Sediment zeugt jeder Stein von jahrtausendalter Geschichte.

    Manase verfällt nach Kriegsende und zurück in Japan der Faszination der Steine. Nichts bremst seinen Sammeleifer und aus einem absoluten Laien wird ein unakademischer Profi der Geologie. Doch scheint diese geradezu verbissene Leidenschaft, unter der Manases Familie leidet, vor allem einem Verdrängungseffekt des Kriegstraumas geschuldet zu sein. So beschwört Manase nicht nur einen fatalen Generationskonflikt herauf.

    Hikaru Okuizumis „Das Gedächtnis der Steine“ driftet aber auch in eine phantastische Richtung, wenn Manase in einer japanischen Gesteinshöhle auf seinen brutalen Kommandanten aus Leyte zu treffen glaubt. Gegenwärtiges und längst Vergangenes beginnen sich zu überlagern. Tote erscheinen und wollen Manases Kinder getroffen haben. Eine Deutung dieser Geschehnisse obliegt dem Leser, der jedoch ein bisschen ratlos zurückgelassen wird.

    Mittwoch, 2. Mai 2012

    Hikaru Okuizumi

    Hikaru Okuizumi wurde 1956 in Yamagata als Yasuhiro Okuizumi geboren. Nachdem er die Oberschule in Saitama abgeschlossen hatte, studierte er Sozialwissenschaften an der International Christian University. 1991 veröffentlichte er sein erstes Werk. Im Jahr 1993 erhielt er den Noma-Literaturpreis und den Akutagawa-Preis für „Das Gedächtnis der Steine“. 2009 gewann er erneut den Noma-Literaturpreis.

    Seit 1999 unterrichtet Hikaru Okuizumi an der Kinki-Universität.

    Interessante Links:
    • Hikaru Okuizumis Homepage (leider nur auf Japanisch)

    Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

    Dienstag, 1. Mai 2012

    „Ein Brief aus der Wüste“ herausgegeben von Siegfried Schaarschmidt

    Neben Gedichten von Hiroshi Kawasaki und Makoto Ooka finden sich in dem von Siegfried Schaarschmidt herausgegebenen Band „Ein Brief aus der Wüste“ sechs Erzählungen namhafter japanischer Autoren. Abgerundet wird dies durch Kurzbiographien der vorgestellten Schriftsteller und einem 30-seitigen Nachwort des Herausgebers zur modernen japanischen Literatur (freilich ist dieses nicht aktuell bis zu den heutigen, populären Autoren, da der Band bereits in den 80er Jahren veröffentlicht wurde).

    „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Sujet von Yasushi Inoues kurzer Erzählung aus dem Jahr 1983: Den Protagonisten hat es in ein Örtchen irgendwo in der Wüste von Takla Makan verschlagen. Nachdem ihm ein Soldat angeboten hat, seine Briefe mitzunehmen, damit sie baldmöglichst in Japan ankommen, beginnt der Ich-Erzähler mit dem Schreiben. Doch den Brief braucht er nicht abzuschicken. Der Adressat ist H. F., ein verstorbener Jugendfreund, der dem Protagonisten mit einem Gedicht die Lust am Schreiben näher brachte.

    Shinchiro Nakamuras Erzählung „Ferne Musik“ behandelt eine geradezu metaphysische Erfahrung eines Tempelbesuchs: Ein alter Mann erinnert sich unwillkürlich daran, diesen Tempel bereits als Kind aufgesucht zu haben. Seine Erinnerungen überlagern sich mit der Gegenwart, werden ergänzt durch halluzinatorische Wahrnehmungen.

     „Das Kaninchensyndrom“ erfasst eine Familie in der Nachkriegszeit. Shotaro Yasuoka erzählt hier die amüsante Geschichte, wie der Familienvater mit dem Verkauf von Angorawolle sein Einkommen verbessern will. Die zu diesem Zweck im Haus gehaltenen Angorakaninchen stellen den Haushalt gehörig auf den Kopf. Und der Familienvater wird den Kaninchen immer ähnlicher…

    „Der Kirschbaum“ ist der Auslöser in Otohiko Kagas Erzählung, dass sich der Protagonist an einen verstorbenen Jugendfreund erinnert. Der Ich-Erzähler treibt sich im Stadtviertel, in dem er aufgewachsen ist, herum. Die alten Häuser haben bereits fast alle modernen Gebäuden weichen müssen. Doch ein Kirschbaum sieht so aus wie der, der auf dem Grundstück der Eltern seines Freundes stand. Dies ist der Anlass für den Protagonisten über die Kindheitsjahre nachzusinnen.

    Unter Hiroshi Kawasakis Gedichten ist „Der Hilfsarbeiterausweis“ vielleicht das eindrücklichste: Wie man vom Beinahe-Kamikaze-Flieger zum Hilfsarbeiter auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger wird.

    Von Makoto Ooka sind vier Gedichte vertreten. Das längste unter ihnen namens „So sag’ doch was, ich bitte dich!“ thematisiert die Katastrophe der Atombombenabwürfe über Japan.

    „Der Kommandeur“ von Makoto Oda ist die Geschichte dreier Generationen: Yamana hat sich während des zweiten Weltkriegs unter seinen Untergebenen den Ruf erarbeitet, ein Korporal des Teufels zu sein. Namba, dessen Vater Yamanas Kommandeur war, versucht einem rätselhaften Vorfall in seiner Kindheit auf die Spur zu kommen. Und dann ist da noch Yamanas Sohn, der von Namba an der Schule unterrichtet wird und sich während der Studentenunruhen der 60er Jahre gegen alle Autoritäten auflehnt.

    Kenji Nakagamis „Der Bergasket“ handelt von der recht wunderlichen, von übersinnlichen Phänomenen begleiteten Wanderung des cholerischen Protagonisten zwischen zwei Dörfern. Ob er hier Läuterung erfahren wird?

    Bemerkenswert an „Ein Brief aus der Wüste“ ist das Nachwort mit vielen interessanten Hintergrundinformationen zur japanischen Literatur ab ca. 1900. Ein bisschen irritiert jedoch die Biographie von Kenji Nakagami: Da wird verklausuliert und euphemistisch von einer „der ältesten ausgewiesenen Kultur“ und einer „’Sonderwelt’ innerhalb der allgemein japanischen“ (jeweils S. 126) gesprochen – und das Kind namens Burakumin, einer Diskriminierung ausgesetzter Minderheit, nicht beim Namen genannt.