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Montag, 31. Dezember 2012

„Die Hand des Riesen“ von Otohiko Kaga

In „Die Hand des Riesen“ verflechtet Otohiko Kaga Japans Kapitulation, den Kyujo-Vorfall und den Putschversuch vom 26. Februar 1936 (2-26-Vorfall) mit der Beschreibung des Alltags in einer Militärakademie während der letzten Kriegsjahre und des Bombenhagels auf Tokio.

1943 tritt der 13-jährige Shoji auf Wunsch seiner Eltern in eine Kadettenschule in Mitteljapan ein. Eigentlich noch Kinder erleben seine Mitschüler und er den militärischen Drill und werden ganz auf den Heldentod als Soldat eingeschwört. Denn der gefallene Soldat wird zur Gottheit und als solche im Yasukuni-Schrein verehrt. Der Tenno gilt als Mensch gewordene Gottheit; sein Wille ist göttliche Gewalt. Die kaiserlichen Erlasse müssen von den jungen Kadetten auswendig gelernt werden, jeden Tag rezitiert werden und werden die ultimative Doktrin.

Shoji hat vor allem mit den physischen Anforderungen der Kadettenschule zu kämpfen. Er ist eher schwächlich und hat seine Schwierigkeiten, beim Sport mitzuhalten. Dennoch wird er zum Liebling zweier älterer Schüler – homoerotische Avancen machen ihm beide. Durch die älteren Schüler erfährt Shoji auch vom fehlgeschlagenen Putschversuch vom 26. Februar 1936, als knapp 1.500 Soldaten Tokio für drei Tage fast gänzlich unter ihre Kontrolle brachten, um die Regierungsclique auszuschalten und eine Art „Showa-Restauration“ einzuleiten. Da sie sich als Kämpfer des Tennos erachteten, verehren die älteren Schüler die Putschisten – insbesondere da einige der Rädelsführer aus derselben Kadettenschule entstammen.

Im Jahr 1945 befindet sich Shoji in der letzten Klasse der Kadettenschule. Zwischenzeitlich kann er die von ihm abgeforderten physischen Leistungen erbringen und muss als Vorbild für die jüngeren Klassen der Schule fungieren. Auch Shoji hat sich nun einen Liebling unter den Jüngeren ausgeguckt, der ihn sexuell und doch noch recht unschuldig anzieht. Sein Vater dokumentiert in Briefen an ihn die Zerstörung Tokios durch den Bombenhagel. Und sein Jugendfreund Kito berichtet Shoji, wie er durch bewusste Provokation seine Entlassung aus der Kadettenschule provozierte, um der beengenden Welt der Schule zu entkommen. Dennoch sieht auch Kito seinen Tod für den Tenno als unausweichlich.

Als am 15. August 1945 der Tenno die Kapitulation Japans über das Radio verkündet, stürzt die Kadettenschule ins emotionale Chaos. Es bilden sich zwei Fronten: Der Großteil der Lehrer und Schüler nehmen die Kapitulation als den göttlichen Willen des Tennos und somit als Befehl hin – zumindest als der erste Schock über die für sie unvorhersehbare Entwicklung verdaut ist; hatten sie doch bis vor kurzem daran geglaubt, ihr Leben im Kampf auf den Hauptinseln für den Tenno hingeben zu dürfen. Der kleinere Teil vermutet ein Komplott der Regierungsclique, die den Tenno zur Kapitulation gezwungen hat. In diesem Zusammenhang treten ehemalige Schüler der Kadettenschule aufs Parkett, die am Kyujo-Vorfall beteiligt waren, um die Kapitulation zu verhindern.

Shoji ist von den Geschehnissen völlig verwirrt. Er war davon ausgegangen, sein Leben für den Tenno zu opfern und kaum ein Alter von 20 Jahren zu überschreiten. Der Sinn seines Soldatenlebens hätte sich eben erst durch den eigenen Tod erfüllt. Durch Gerüchte erfährt er vom Selbstmord einiger führender Militärs und erwartet nun ebenfalls vom Tenno als oberstem Militärführer die Selbstentleibung. Auch unter den Schülern entfachen sich Diskussionen über den eigenen Selbstmord. Wird die ausgebrochene Orientierungslosigkeit noch weitere Opfer fordern?

„Die Hand des Riesen“ schildert die unaufhörliche Indoktrinierung der jugendlichen Kadetten mit den Prinzipien des Heldentods für Tenno und Vaterland, dass die für unsereins völlig abwegig erscheinende Selbstmorde der Militärs verständlicher werden. Als die Kapitulation ausgesprochen wird, wird der Irrweg eines „heiligen Kriegs“ vor allem für die Jugendlichen brutal offenbar. 

Nur schade, dass „Die Hand des Riesen“ kein Nachwort enthält. So bleibt offen, inwieweit sich Otohiko Kaga in den Schilderungen der beiden Putschversuche an die Fakten gehalten hat und wo seine Imagination beginnt.

Bibliographische Angaben:
Kaga, Otohiko: „Die Hand des Riesen“, DVA, Stuttgart, 1976, ISBN 3-421-01763-8

Sonntag, 30. Dezember 2012

Otohiko Kaga

Otohiko Kaga wurde 1929 in Tokio geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt Psychologie und Kriminologie. Bevor er im Jahr 1957 für einen Studienaufenthalt nach Frankreich ging, arbeitete er zunächst in einem Krankenhaus und im Anschluss in einem Gefängnis. Nachdem er 1960 nach Japan zurückkehrte, betätigte er sich als Universitätsprofessor für Psychologie. Zudem schrieb er Romane über seine Zeit in Frankreich. Ab 1979 widmete er sich komplett dem Schreiben.

Otohiko Kaga wurde mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet; unter anderem erhielt er 1973 den Tanizaki-Preis für „Die Hand des Riesen“. Otohiko Kaga setzt sich aktiv und auch literarisch für die Abschaffung der Todesstrafe ein.

Unter dem Einfluss seines Freundes Shusaku Endo konvertierte Otohiko Kaga 1987 zum katholischen Glauben.

Interessante Links:


Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

Samstag, 29. Dezember 2012

„Der Tor aus Tokio“ von Soseki Natsume

Der Ich-Erzähler in Soseki Natsumes Roman ist ein Botchan, ein Grünschnabel. Er stammt aus Tokio und rühmt sich einer unbekümmerten Ehrlichkeit, wie es sich für einen echten Edokko gehört. Darüber hinaus ist Botchan aber auch tollpatschig, einfach gestrickt, ungehobelt und neigt zu Übersprungshandlungen. Bereits als Kind eher das schwarze Schaf der Familie schließt vor allem die alte Bedienstete Kiyo den kleinen Tor aus Tokio in ihr Herz.

Doch irgendwann ist die Zeit für Botchan gekommen – er soll auf eigenen Füßen stehen und wird hinaus in die Welt geschickt. In irgendein Kaff, an dessen Mittelschule er Mathematik unterrichten soll. Irgendwie hat der Jungspund aber noch nicht gerafft, auf welcher Seite er ab sofort steht; er gibt wie ein Schüler seinen neuen Kollegen Spitznamen: Dachs nennt er den Rektor, Rothemd den Konrektor. Der Zeichenlehrer erhält den Titel Clown und seinen direkten Vorgesetzten benennt er als Stachelschwein.

Die Schüler machen Botchan, der die Regeln auf dem Land nicht kennt und nicht ahnt, dass es für ihn ab sofort keine Anonymität mehr gibt, das Leben schwer. Da werden schon einmal Grashüpfer in seinem Bett deponiert. Doch auch mit dem lieben Kollegen ist’s ein Kreuz: Die aufgeblasenen Herren planen eine Intrige nach der anderen. Ob sie mit dem unbedarften Botchan ein einfaches Spiel haben werden?

Soseki Natsume, der selbst eine Weile auf dem Land unterrichtete, wusste sicher ein Lied über das Leben als Lehrer auf dem Lande zu singen. „Der Tor aus Tokio“ lebt vom flapsigen Ton des Ich-Erzählers und seinen unverblümten Schilderungen. Während seine Kollegen sich mit ihrem Wissen über ausländische Kunst oder Haikus schmücken, ist dies alles dem Botchan völlig schnuppe – was juckt ihn ein Haiku, das die Schönheit einer Blume preist, die sich um einen blöden Eimer rankt. Die Affektiertheit der Herrschaften geht ihm auf die Nerven und dies kann er leider kaum verbergen.

Soseki Natsumes Sarkasmus in „Der Tor aus Tokio“ ist ein Rundumschlag, trifft alle wichtigtuerischen, intriganten, opportunistischen, pseudo-moralischen, kleinmütigen und grobschlächtigen menschlichen Eigenschaften und hält der Gesellschaft damit den – weiß Gott – unangenehmen Spiegel vor.

Bibliographische Angaben:
Natsume, Soseki: „Der Tor aus Tokio“, Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-936018-71-4

Freitag, 28. Dezember 2012

„Das Haus mit den Sonnenblumen“ von Yumiko Kurahashi

Vor der Lektüre von „Das Haus mit den Sonnenblumen“ empfiehlt es sich, sich etwas in die griechischen Sagen einzulesen. Denn die Mythen rund um die Familie des Agamemnon nimmt die Autorin Yumiko Kurahashi als Grundlage für die zwei Antitragödien des Bandes. Doch Yumiko Kurahashi erzählt keineswegs nur nach, indem sie die Handlung in die Moderne überträgt, sondern überzeichnet, deutet auf ihre Weise und lässt den Akteuren teilweise ein neues, anderes Schicksal zukommen. Dennoch bleibt sie wesentlichen Elementen der griechischen Klassik verhaftet, wie Wolfgang E. Schlecht in seinem aufschlussreichen Nachwort bemerkt: Da wäre der Chor, der in verschiedenen Ausprägungen zum Einsatz kommt, und der Deus ex machina, der die überraschende Lösung von Konflikten herbeiführt. Hierzu gehört freilich auch generell die Themenstellung, die die großen, existentiellen Antagonismen umfasst: Freiheit versus Zwang, Individualität versus Kollektivität, Schuld versus Pflicht.

Sicherlich lässt sich „Das Haus mit den Sonnenblumen“ auch ohne Kenntnisse der griechischen Mythologie genießen. Dennoch erleichtert es einem die Lektüre, wenn man sich vorab schon etwas in die Verwandtschaftsbeziehungen eingelesen hat. Wir begegnen dem jungen Mann K (= Orest), der gerade aus einer Besserungsanstalt entlassen wurde. Er besucht das Grab seines verstorbenen Vaters (= Agamemnon), wo er auf L (= Elektra, oder auch nach Homer Laodike) trifft. L glaubt in K ihren Zwillingsbruder wieder zu erkennen und weiht ihn in ihre Pläne ein: Sie will ihre Mutter (= Klytaimnestra) und deren Geliebten (= Aigisthos) töten, haben diese doch den Vater, als er zusammen mit seiner Sekretärin (= Kassandra) von Geschäftsreise zurück kam, heimtückisch ermordet und sind einer gerechten Strafe entgangen. K wird wie durch einen Bann in die Handlung gezogen, vollführt seine Rolle wie ein Schauspieler und kann alsbald nicht mehr auseinander halten, was Maske und was sein wahres Gesicht ist. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und K wird bald nicht nur von kleinen, schwabbeligen Teufeln (= Erinyen) verfolgt.

„Das Haus mit den Sonnenblumen“ gleicht einem Literaturexperiment und liest sich daher an manchen Stellen etwas sperrig. Dennoch macht es Spaß, Ks Schicksal zu verfolgen und den Stoff der griechischen Sagen mit einem neuen, manchmal überraschenden Twist wieder zu entdecken.

Ein bisschen schade nur, dass es von Yumiko Kurahashi ansonsten derzeit leider nur noch eine weitere Übersetzung mit „Die Reise nach Amanon“ gibt. „Das Haus mit den Sonnenblumen“ macht Lust auf mehr – insbesondere da K und L wiederkehrende Charaktere in Yumiko Kurahashis Werk sind.

Bibliographische Angaben:
Kurahashi, Yumiko: „Das Haus mit den Sonnenblumen“, Theseus-Verlag, Zürich/München 1991, ISBN 3-85936-051-5

Donnerstag, 27. Dezember 2012

„Wanderjahre“ von Koreya Senda

1975 veröffentlichte Koreya Senda in Japan seine „Geschichte des Shingeki – ganz anders betrachtet“. Kapitel 6 und 7 wurden ins Deutsche übersetzt und als „Wanderjahre“ publiziert. „Wanderjahre“ umfasst primär die Jahre 1927 bis 1932 und damit Koreya Sendas Zeit in Berlin, wo er sich mit linkem, proletarischem Theater befasste. Während in Japan die proletarische Bewegung bereits starker Überwachung ausgesetzt war, findet Koreya Senda in Deutschland noch günstigere Bedingungen für die politische Bewegung wieder. Doch zunächst findet die Frohnatur Senda in Berlin Gefallen an anderen Aktivitäten: Im Café Victoria, wo sich die den japanischen Gästen zugetanen Berliner Fräuleins aufhalten, wird so manche Reichsmark vertrunken – und Koreya Senda zieht sich gleich noch eine Geschlechtskrankheit zu, deren Heilung sein durch den Alkoholkonsum ohnehin strapaziertes Budget noch weiter belastet. Gut, dass ihm ein Statistenjob beim Film angetragen wird. In dem Streifen „Natur und Liebe“ soll er sich zuerst nur im Lendenschurz bekleidet zeigen – und schließlich verlangt der Regisseur gar, dass seine letzte Hülle zu fallen hat.

Doch schließlich wendet sich Koreya Senda doch dem Studium des Theaters zu, weswegen er nach Deutschland gekommen war. Mit den Aufführungen der Piscator-Bühne kann er sich weniger anfreunden. Koreya Senda macht unter anderem die Bekanntschaft von Lu Märten, Gustav von Wangenheim, Arthur Pieck und Maxim Vallentin und verschreibt sich daraufhin Agitproptruppen, tritt in die deutsche KP ein. Zudem engagiert sich der umtriebige Japaner für diverse internationale Theaterverbandsarbeit.

In Berlin lernt Koreya Senda auch seine erste Ehefrau Irmgard Kliem kennen, die ihn bei seiner Rückkehr nach Japan über Moskau im Jahr 1931 begleitet. Wie auch in den Erinnerungen der gemeinsamen Tochter Momoko Nakagawa, die sie in „Der japanische Vater“ niederschrieb, hinterlässt Irma auch in „Wanderjahre“ einen besonders starken Eindruck. Unverblümt, liebenswert und unbekümmert schreitet die politisch engagierte Frau auch in Japan zur Tat. Sie möbelt die heruntergekommene Bleibe auf, kümmert sich aufopfernd um den zeitweilig inhaftierten Koreya Senda und ist durch ihr offenes Wesen gleich allseits beliebt.

In Japan wird das Klima für politisches Theater immer schlechter: Schauspieler werden gar direkt von der Bühne wegverhaftet. Berufsschauspieler haben kein Auskommen mehr und müssen sogar soweit gehen und sich prostituieren, um Geld zum Überleben zu beschaffen. Interne Streitigkeiten tun ein Übriges, um die Situation noch weiter zu Erschweren.

Sicherlich ist „Wanderjahre“ primär für Leser interessant, die ein Faible für linkes Theater und die proletarische Bewegung haben. Insbesondere, wer sich für proletarische Literatur begeistert, trifft in „Wanderjahre“ auf alte Bekannte: In Moskau begegnet Koreya Senda der Schriftstellerin Yuriko Miyamoto, die dort heimlich die Bekanntschaft von KP-Politikern macht und sich schließlich der proletarischen Bewegung zuwendet. Einen Umzug kann sich Koreya Senda nur leisten, nachdem ihm ein Verlag für die Übersetzung von Sunao Tokunagas „Straße ohne Sonne“ einen Vorschuss gegeben hatte. Zusammen mit Trude Eschenbach übersetzt er wenig später Takiji Kobayashis „Der 15. März 1928“.

Doch Koreya Sendas Erzählstil macht einfach auch Spaß; die Frohnatur kam während des Klassenkampfes sichtlich auch auf seine Kosten. Sicherlich mag dies durch den zeitlichen Abstand von mehr als 40 Jahren von Niederschrift zu den Geschehnissen resultieren und für etwas Verklärung sorgen  – ein Aufenthalt im japanischen Gefängnis war bestimmt kein Zuckerschlecken.

Bibliographische Angaben:
Senda, Koreya: „Wanderjahre“, Henschelverlag, Berlin 1985

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Koreya Senda

Koreya Senda, mit bürgerlichem Namen Kunio Ito, geboren 1904, entstammte einer kosmopolitisch-künstlerischen Familie. Sein Vater studierte Architektur in den USA. Sein Bruder Michio besuchte die Dalcroze-Tanzschule in Dresden. Kisaku, ein weiterer Bruder, studierte an der Kunsthochschule von Tokio.

Nachdem Kunio Ito während der Übergriffe auf die koreanische Minderheit nach dem großen Kanto-Erdbeben für einen Koreaner gehalten und verprügelt wurde, nahm er aus Protest den Künstlernamen Koreya Senda (= Koreaner aus Sendagaya) an.

1924 begründete er das Tsukiji-Kammerspiel mit, das moderne Theaterstücke aufführte. Er trat in die 1925 gegründete Vereinigung für proletarische Kunst und Literatur Japans (Pro-Gei) ein und ging schließlich von 1927 bis 1931 nach Europa, um insbesondere in Berlin die proletarische Theaterbewegung zu studieren. Nach seiner Rückkehr nach Japan wurde er mehrfach aufgrund seines Engagements für die proletarische Bewegung verhaftet.

Nach dem Krieg tat er sich insbesondere durch seine Brecht-Übersetzungen und -Aufführungen hervor und wurde mit diversen Theaterpreisen ausgezeichnet. 1982 wurde ihm von der Berliner Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde verliehen. Bis ins hohe Alter verschrieb sich Koreya Senda dem Theater – noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1994 probte er für die Aufführung der „Brüder Karamasow“.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Montag, 24. Dezember 2012

„Brückenbogen“ von Hisako Matsubara

Yumi ist eine Hibakusha, eine Überlebende der Atombombenexplosion über Hiroshima. Doch das soll bloß keiner wissen – denn im Nachkriegsjapan werden Hibakusha diskriminiert. Yumis Vater hatte rechtzeitig reagiert und Yumis Aufenthalt in Hiroshima geheim gehalten. Und so erscheint sie zumindest nach außen wie eine ganz normale Studentin, die jedoch in ständiger Angst vor dem Ausbruch von Leukämie lebt.

Yumi setzt alles daran, in den USA ein Stipendium zu erhalten. Ihr Engagement wird belohnt und sie darf für ein bis zwei Jahre an eine Universität in Pennsylvania. Als sie über San Francisco in die USA einreist, lernt sie den Theaterregisseur Julian kennen, der sich in die exotische und direkte Yumi verliebt. Obwohl Julian versucht, sie davon zu überzeugen, mit ihm in San Francisco zu bleiben, geht sie nach Pennsylvania, um Theaterwissenschaften zu studieren und selbst Kurse über japanisches Theater zu geben. An ihrer Universität ist sie sowohl bei ihren Kommilitonen als auch bei den Professoren in kürzester Zeit sehr beliebt. Doch leider trüben ihre japanischen Landsleute die Stimmung: In den japanischen Akademikerkreisen gelten starre Regeln und Hierarchien. Yumi soll sich in diese Strukturen fügen oder soll die Strafe für ihren Ungehorsam spüren lernen.

In „Brückenbogen“ lässt Hisako Matsubara viele gesellschaftskritische Themen anklingen: Die Diskriminierung der Hibakusha; die rigide Informationspolitik der Amerikaner, die in Japan keine Berichterstattung über die Folgen des Atombombenwurfs erlauben und somit den wildesten Gerüchten Vorschub leisten; die Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des zweiten Weltkriegs in den USA; die Falschheit der weißen Christen, die Nächstenliebe predigen, aber ihre afroamerikanischen Mitbürger diskriminieren; die so genannten Elitejapaner, die duckmäuserisch agieren, sobald sie ihre Karrierechancen in Gefahr sehen…

Doch leider klingen viele der Themen eben nur an. Zum großen Teil wirkt „Brückenbogen“ eher wie ein leicht lesbarer Teenie-Roman über eine Austauschschülerin. Ständig lernt sie neue Leute kennen und ist schwupsdiwups überall total beliebt. Aus der Fülle des sich ständig erweiternden Personenkreises resultiert, dass die Charaktere (außer Yumi selbst) kaum Tiefe gewinnen. Auch bleibt relativ offen, warum sich Yumi in Julian verliebt.

Bibliographische Angaben:
Matsubara, Hisako: „Brückenbogen“, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989, ISBN 3-404-11376-4

Freitag, 21. Dezember 2012

„Von Stroh und Seide“ von Junichi Saga

Wie in „Der Yakuza“ kommen auch in „Von Stroh und Seide“ reale Personen zu Wort, deren Lebensgeschichten der Arzt Junichi Saga aufgezeichnet hat. Darunter ist auch Eiji Ijichi, „Der Yakuza“, der in einem Kapitel davon erzählt, wie es dazu kam, dass er sich von einem Glied seines kleinen Fingers trennen musste – freilich, eine Frau war der Grund… Aber auch mehr als 50 weitere Menschen erzählen in kurzen Kapiteln von ca. vier Seiten Umfang von ihrem Leben in den (primär) 20er und 30er Jahren rund um den Ort Tsuchiura. Damit gibt Junichi Saga Einblick in ein Japan vergangener Zeiten. Doch „Von Stroh und Seide“ romantisiert die alten Zeiten keinesfalls. Primär zeigt das Werk auf, wie hart das Leben damals war: Kinderarbeit war notwendig, um einer Familie das Überleben zu ermöglichen. Satt zu werden, galt als Luxus. Ebenso Kleidung zum Wechseln. Selbst mit schwerster körperlicher Arbeit war kaum Geld zu verdienen. Und je nach wirtschaftlicher Lage wurden Neugeborene „ausgelichtet“ – direkt nach der Geburt getötet, da ein weiterer Esser das Überleben der ganzen Familie in Frage stellen hätte können.

Doch „Von Stroh und Seide“ ist auch kein trauriger Tatsachenbericht – die Lebensfreude und Schelmigkeit der Menschen blitzt immer wieder durch: Die armen Schuldner verstecken sich am letzten Jahrestag vor dem Geldeintreibern, da an Neujahr ihre Schulden traditionsgemäß verfallen sein werden. Zwei alte Geishas schwärmen von der Schneidigkeit der damaligen Marine-Offiziere. Zwei schon seit Kindheit befreundete Herren unterhalten sich über ihre Streiche – unter anderem wie sie mit Zyankali „gefischt“ haben. Und der Pfandleiher unterstützt klammheimlich verschuldete Familien, die sich bei Nacht und Nebel davonmachen wollen, indem er ihnen einen guten Preis für ihre wenigen (geliehenen) Sachwerte macht.

„Von Stroh und Seide“ gibt einen authentischen Einblick in den Alltag der Menschen, indem sie selbst zu Wort kommen. Und genauso wie die Erzähler merkt der Leser, wie gut es den Menschen zwischenzeitlich geht – auch wenn dies mit städtischer Anonymität und dem Verlust der Naturbezogenheit einher geht.

Wer sich für japanischen Alltag früherer Zeiten interessiert, für den wird „Von Stroh und Seide“ sicherlich ein Fest sein: Die Friseurin erklärt, in welchem Alter die Haare der Mädchen wie frisiert wurden und was die Frisur symbolisierte. Die Hebamme erzählt von ärmlichen Hausgeburten. Der Tatami-Macher gibt Einblick in die traditionelle Herstellung von Tatamis. Und der Färber spricht davon, was es mit dem Spruch „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle Färbersleute“ auf sich hat.

Bibliographische Angaben:
Saga, Junichi: „Von Stroh und Seide“, Edition Peperkorn, Göttingen 1994, ISBN 3-929181-03-7

Donnerstag, 13. Dezember 2012

„Therapiestation“ von Kenzaburo Oe

Darf man von der Lektüre eines Werks eines Nobelpreisträgers vehement abraten? Gilt dies als Sakrileg? Kenzaburo Oes Roman „Therapiestation“ hätte den Stoff für einen spannenden Science Fiction-Roman hergeben können: Irgendwann im beginnenden 21. Jahrhundert ist die Lage auf der Erde äußerst prekär geworden. Atomkriege und Reaktorunfälle haben die Welt verstrahlt; Aids grassiert flächendeckend. Eine ominöse Starship-Gesellschaft fasst den Plan, wenige Auserwählte, weltweit nur eine Million an der Zahl, auf einen entfernten Planeten zu evakuieren. Freilich werden nur körperlich und geistig besonders fitte Menschen für dieses Projekt ausgewählt. Um den Flug ins All zu realisieren, werden die Rohstoffe der Erde ein letztes Mal gnadenlos ausgebeutet. Die Auserwählten lassen die Versager in desolaten Verhältnissen zurück: Es fehlt in jedem Fachbereich an Spezialisten, da diese als Auserwählte die Erde verlassen haben. Rohstoffe und Nahrungsmittel sind extrem knapp. Im Chaos können vor allem Verbrecher profitieren.

Der Roman setzt zehn Jahre nach dem Aufbruch der Auserwählten ein. Die Ich-Erzählerin Ritsuko lebt bei einer entfernten Verwandten, die sie Großmutter nennt, und schnappt auf, dass die Auserwählten angeblich zurückkommen. Tatsächlich landen die Raumschiffe der Heimkehrer auf der Erde. So kehrt auch Saku, der Enkel der Großmutter, zurück und kommt die beiden Damen besuchen. Diese wundern sich nicht schlecht: Saku scheint die vergangenen zehn Jahre nicht gealtert zu sein. Er wirkt sogar verjüngt.

Die Elite der Auserwählten reißt gleich nach der Rückkehr die Macht an sich und diktiert Gesetze, die es den Auserwählten beispielsweise verbieten, sich mit den Versagern einzulassen. Doch Ritsuko und Saku verlieben sich ineinander und gehen auf Konfrontationskurs mit dem System.

So weit, so interessant. Wenn sich in den Roman nicht diverse Störfaktoren einnisten würden. Ritsuko, die kurz nach dem Aufbruch der Auserwählten als Sexsklavin einer Gangsterbande missbraucht wurde und erst nach einer Odyssee zu ihrer Großmutter zurückkehren konnte, wirkt so naiv, dass Erfahrung und Verhalten der Figur weit auseinanderklaffen. Man sollte sich denken, die Dame könnte patent sein, stattdessen ist sie primär passiv.

Da Saku ihr den Grund seiner Verjüngung wegen der Auflagen der Starship-Gesellschaft nicht nennen darf, unterhalten sie sich verklausuliert darüber, nämlich über Gedichte von Yeats, was im Nachhinein, erfährt man als Leser schließlich den von Saku verschwiegenen Grund, recht gestelzt und pseudo-elitär wirkt.

Kurz darauf folgt eine der wohl schlechtesten Sex-Szenen, die man sich so vorstellen kann:

„Unsere Körper prallten zusammen, als er sich auf das Sofa fallen ließ; und wie Kinder, die ein Weinen vortäuschen, riefen wir beide ‚ah! ah!’ während des Geschlechtsverkehrs. Trotzdem hatte ich immerhin soviel Ruhe bewahrt, unbedingt darauf zu bestehen, dass sich Sakuchan das Kondom überzog, das ich in die Brusttasche meiner Bluse gesteckt hatte. Sakuchan war wirklich jung, und – ich fürchte, ich wiederhole mich – frisch und perky wie ein knospender Pflanzenstängel, wie eine Knöterichknospe sozusagen, stieß ‚ah! ah!’-Laute aus und war gleich fertig.“ (S. 89f.)

Von dem seltsamen Liebespaar einmal abgesehen, ist auch vieles in der weiteren Handlung recht unplausibel: Warum können die Rückkehrer, die nur eine Million Menschen umfassen, in allen Ländern weltweit nach 10 Jahren mal so eben die Macht an sich reißen und die Verlierer komplett unterdrücken? Sollte da nicht eher eine Revolution ausbrechen? Warum wird der spannendste Teil, als von Abtrünnigen eine Rakete gekapert wird, wie als kleine Nebensache abgetan? Da wurde ja mehr über Yeats diskutiert. Und ohne zuviel zu verraten: Wieso ist das Ende des Romans gar so lapidar und lässt den Leser irgendwie im Regen stehen?

Was mag wohl Kenzaburo Oes Hauptanliegen gewesen sein? Als Atomkraftgegner einen apokalyptischen Roman über die Auswirkungen und die Gefahr von radioaktiver Strahlung zu schreiben? Darauf hinzuweisen, dass unsere Rohstoffe begrenzt sind und die Erde so einzigartig ist, dass wir sie wie unseren Augapfel hüten sollten? Dass eine selbsternannte Elite niemals über anderen Menschen steht? Dass man sich in das Erbgut der Menschen nicht einmischen sollte? Oder doch? Der Autor wirft diverse ernste Themen in einen Topf, rührt um, nimmt aber nur einen Löffel davon und zitiert ansonsten Yeats, lässt ein naives Mädchen palavern und schreibt unfreiwillig komische Sexszenen.

Bibliographische Angaben:
Oe, Kenzaburo: „Therapiestation“, Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-18418-7

Montag, 10. Dezember 2012

„Mein Körper weiß alles“ von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos Erzählband „Mein Körper weiß alles“ ist für mich eher eine Liebe auf den zweiten Blick: Direkt nach der Veröffentlichung habe ich das Buch verschlungen und war wenig beeindruckt. Bei der zweiten Lektüre für die Rezension habe ich mir Zeit gelassen und fand die Erzählungen weitaus bezaubernder. Freilich sind immer noch Erzählungen darunter, mit denen ich nicht so richtig warm werde. Doch nun ist auch bei „Mein Körper weiß alles“ der Banana Yoshimoto-Funke übergesprungen, der beim erstmaligen Lesen kein bisschen geglimmt hat. Man lernt halt nie aus: Für Banana Yoshimotos Erzählungen muss man sich wohl einfach mehr Zeit nehmen.

Besonders herzlich empfand ich „Der grüne Daumen“: Durch den Tod der Großmutter überdenkt die Ich-Erzählerin, die in einer Bar arbeitet, ihre Lebensziele. Sie merkt, sie hat den grünen Daumen der Großmutter geerbt und setzt sich zum Ziel, einen Blumenladen zu eröffnen. Die Pflanzen werden es ihr danken.

Oder auch „Papas Spezialität“: In einer Berghütte möchte sich die Ich-Erzählerin regenerieren. Nachdem ihr Freund eine Kollegin geschwängert hat, kündigt sie und versucht sich abseits der Urbanität über ihre Gefühle klar zu werden.

„Mumie“ ist dagegen eine eher untypische Banana Yoshimoto-Erzählung. Hätte man mir weisgemacht, sie stamme aus der Feder von Yoko Ogawa, so hätte ich das sicherlich geglaubt: Denn es geht ein bisschen gruslig zu, wenn die Ich-Erzählerin von einem knochigen Archäologie-Studenten abgeschleppt wird. Er will sie weder gehen noch mit ihren Eltern telefonieren lassen. Stattdessen haben die beiden tagelang Sex, die Ich-Erzählerin gibt sich ihm völlig hin. Schließlich zeigt der Student ihr seine selbst mumifizierte Katze – als er im Anschluss auf ihren Bauch blickt, schwant ihr, dass er mit dem Gedanken spielt, auch sie zu mumifizieren.

Zehn weitere Banana Yoshimoto-Erzählungen enthält „Mein Körper weiß alles“, von denen für mich „Blumen und Sturm“ die schwächste war. Nicht immer gehen einem die Protagonisten der wenige Seiten umfassenden Erzählungen gleich so zu Herzen wie in Banana Yoshimotos Romanen. Doch die Autorin bedient thematisch alle Erwartungen der Leser: Der Umgang mit dem Tod geliebter Menschen, Trennungen, tragische Liebesgeschichten mit verheirateten Männern, unkonventionelle Familienkonstellationen und Erinnerungen sind die bekannten Banana Yoshimoto-Zutaten, die auch in „Mein Körper weiß alles“ zum Zuge kommen.

Bibliographische Angaben:
Yoshimoto, Banana: „Mein Körper weiß alles“, Diogenes, Zürich 2010, ISBN 978-3-257-06751-4

Sonntag, 9. Dezember 2012

„Gold Rush“ von Miri Yu

Koganecho – die Stadt des Goldes – ist Yokohamas runtergekommenes Rotlichtviertel: Huren, Yakuza und Glückspieler tummeln sich dort. Und auch der Junge namens Kazuki streicht seit Jahren im Viertel umher. Sein Vater Hidetomo betreibt in Koganecho eine Pachinko-Halle, weswegen der Stadtteil zu Kazukis Heimat wird. Dort treibt er sich mit dem Yakuza Kanamoto rum und kehrt im Imbiss „Goldener Pavillon“ ein, deren Betreiber er Opa Sada und Oma Shige nennt. Doch Kazuki ist nicht mehr der kleine Junge, den die Prostituierten gerne auf den Schoß nahmen und schaukelten. Mit 14 Jahren ist er mehr als unzugänglich, nimmt Drogen, schwänzt die Schule und spielt sich in der Spielhalle seines Vaters als Chef auf. Wenn seine Angst und Wut aufeinanderprallen, entlädt sich Kazukis Gewaltpotenzial: So erschlägt er eines Tages mit dem Golfschläger einen der beiden Dobermänner seines Vaters, verletzt den anderen so schwer, dass er eingeschläfert werden muss.

Kazukis Familienverhältnisse sind alles andere als harmonisch: Seine Mutter hat die Familie verlassen. Kazukis älterer Bruder Koki ist geistig behindert und benötigt permanente Pflege. Seine ältere Schwester Miho treibt sich wie Kazuki in der Stadt herum; schläft für Geld mit älteren Männern, um der eigenen Leere zu entkommen. Hidetomo schlägt seine provokante Tochter vor den Söhnen, die unfähig sind, einzuschreiten. Hidetomo betrachtet Kazuki als seinen Erben und verrät ihm das Versteck für das an der Steuer vorbei gehortete Gold.

Als Hidetomo Kazuki droht, ihn in die Obhut eines strengen Lehrers zu geben, sieht Kazuki rot. Wut und Angst prallen aufeinander und er tötet den despotischen Vater mit einem  Samurai-Schwert, verscharrt den Leichnam im Keller. Endlich ist der Störenfried beseitigt, der ein harmonisches Familienleben unmöglich machte. Kazuki träumt von einer liebevollen Familie – doch ob sich dies vor dem Hintergrund des Mordes realisieren lässt?

Die Autorin Miri Yu wurde von dem Fall des Schülers Sakakibara so aufgewühlt, dass sie mit „Gold Rush“ eventuelle Gemeinsamkeiten mit Gewalttätern ausloten wollte. Sakakibara ermordete 14-jährig eine 10-jährige Schülerin und einen 11-jährigen geistig behinderten Jungen in Kobe. Seine Morde bezeichnete er als Spiel. In den Ermittlungsakten wurde Sakakibara als Junge A geführt. Miri Yu nimmt dies auf und spricht über Kazuki meist von „dem Jungen“.

Doch auch eigene Erlebnisse der Autorin fließen in „Gold Rush“ mit ein: Ihr Vater arbeitete ebenfalls in einer Pachinko-Halle in Koganecho, sie selbst verbrachte als Jugendliche ihre Freizeit in diesem Rotlichtviertel. Familiäre Gewalt erlebte sie zur Genüge. Daher machte sie ähnliche Erfahrungen wie Kazukis Familie: Wenn die Kommunikation scheitert, dann bleibt als letztes Mittel die Gewalt.

„Gold Rush“ ist sicherlich keine Belletristik im wörtlichen Sinn: Denn schön ist die Auseinandersetzung mit einem minderjährigen Mörder, der in Rage gebracht zu Gewaltexzessen neigt, sicherlich nicht. Doch legt die Autorin den Finger in die Wunde: Wenn der Vater Probleme mit Gewalt löst und dem Sohn vorlebt, dass dies Macht verschafft, scheint der Junge ein zu guter Schüler zu sein, wenn er schließlich den Vater tötet. Der Junge bleibt dennoch ein Kind – wünscht er sich doch nichts anderes als familiäre Geborgenheit.

Bibliographische Angaben:
Yu, Miri: „Gold Rush“, be.bra Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86124-911-5

Samstag, 8. Dezember 2012

Miri Yu

Die japanisch-koreanische Autorin Miri Yu wurde 1968 in der Präfektur Ibaraki geboren. Japanisch ist ihre Muttersprache; jedoch hat sie die südkoreanische Staatsangehörigkeit. Miri Yu wuchs in Yokohama auf, wo ihr Vater im Rotlichtviertel Koganecho in einer Pachinko-Halle arbeitete. Da ihr Vater oft Geld verspielte, arbeitete ihre Mutter als Hostess, um das Familieneinkommen aufzubessern.

Aufgrund ihrer koreanischen Abstammung als auch der Zugehörigkeit einer sozial schwachen Schicht erlebte Miri Yu Diskriminierung im Kindergarten und in der Schule. Mehrfach versuchte sie sich das Leben zu nehmen. Mit dem Ende der Pflichtschulzeit wurde sie der Schule verwiesen.

Als jüngstes Mitglied wurde sie in die Schauspieltruppe Tokyo Kid Brothers aufgenommen, wo sie als Schauspielerin und Regieassistentin fungierte. Schließlich schrieb sie Theaterstücke und Prosa. In den 90er Jahren gewann sie unter anderem den Noma-  und den Akutagawa-Literaturpreis. Ihre Memoiren wurden verfilmt.

Seit 2001 lebt Miri Yu in Kamakura.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Mittwoch, 5. Dezember 2012

„Schwarzer Regen“ von Masuji Ibuse

„Als sich der Qualm wieder verzog, sahen wir, dass das Hindernis eine Leiche war, mit einem toten Baby im Arm. Von da an ging ich immer voran und gab auf alle dunklen Gegenstände, die auf dem Weg lagen, sorgsam Acht. Dennoch stolperten wir noch so manches Mal über Tote und fielen vornüber, wobei wir mit den Händen in den heißen Asphalt einsanken. Einmal blieb ich mit dem Schuh an einer halbverbrannten Leiche hängen, deren Fuß- und Schenkelknochen verstreut herumlagen.“ (S. 111)

Die Hölle auf Erden hat einen Namen, der Hiroshima lautet. Als am 06. August 1945 die Atombombe über der Stadt abgeworfen wird, werden die Bewohner der Stadt mitten in die Apokalypse katapultiert. Der Autor Masuji Ibuse, der zu diesem Zeitpunkt zwar in einem Dorf in der Präfektur Hiroshima lebte, aber erst Stunden später vom Ausmaß der Katastrophe erfuhr, veröffentlichte 1965 die ersten Kapitel seines Werks „Schwarzer Regen“, das Siegfried Schaarschmidt im Nachwort als „dokumentarischen Roman“ bezeichnet. Wo bleibt denn noch Platz für Fiktion, wenn die grausigsten Ereignisse ohnehin schon Realität geworden sind?

Shigematsu Shizuma nimmt die anstehende Verheiratung seiner Nichte Yasuko Anfang der 50er Jahre zum Anlass, seine Tagebucheinträge vom 06. August bis zum 15. August 1945 ins Reine zu schreiben. Shigematsu erlebt den Atombombenabwurf am Bahnhof. Glücklicherweise wird er nur leicht verletzt: Die eine Hälfte seines Gesichts wird seltsam angesengt – er kann die Haut in komisch verfärbten Fusseln abziehen. Er macht sich auf, seine Ehefrau Shigeko und seine Nichte Yasuko zu suchen. Kilometerweise schlägt er sich durch die zerstörte Stadt und muss sich ein Bild der grausamen Zerstörung machen. Wie der Großteil der Überlebenden versuchen auch die drei außerhalb der Stadt eine Bleibe zu finden. Auf dem Weg hören sie von ihren Leidensgenossen deren Erlebnisse während und nach dem Abwurf: Schüler wurden an ihren Schulpulten zu Asche pulverisiert, Soldaten durch die Druckwelle gegen Gebäude geschleudert. Doch fast noch schlimmer erwischt es die, die durch die Strahlung elendig zu Grunde gehen müssen. Das sind neben den Einwohnern auch Hilfstrupps, die aus dem Umland nach Hiroshima kommen. Schließlich stapeln sich die Leichen in der Stadt, die in der hochsommerlichen Hitze schnell verwesen. Die Krematorien sind komplett überlastet; die Leichen müssen in Erdlöchern verbrannt werden. Die Überlebenden kämpfen zudem gegen die Militärbürokratie: Nur die militärische Ausgabestelle darf über das Kohlenlager verfügen. Doch wohin soll man sich wenden, wenn die Ausgabestelle komplett zerstört ist und alle Mitarbeiter gestorben sind?

Zurück in der Rahmenhandlung in den 50ern weist ein potenzieller Heiratskandidat Yasuko zurück: Mit einer Überlebenden der Atombombenkatastrophe, mit einer Hibakusha, möchte er sich nicht einlassen. Obwohl es Yasuko bis dato relativ gut ging, beginnt schließlich doch die Strahlenkrankheit auszubrechen. Die hübsche junge Frau leidet unter großen Schmerzen, bekommt eiternde Furunkel, die Zähne fallen aus.

Dadurch dass „Schwarzer Regen“ die Geschichten unterschiedlicher Personen einfängt, entsteht ein apokalyptisches Panoptikum des Atombombenabwurfs, das einem an so manchen Stellen den Atem stocken lässt. Es wäre schön, wie bei anderen krassen Romanen alles mit einem „ist ja nur ein Buch“ abtun zu können. Doch „Schwarzer Regen“ beruht auf Tatsachen, die in Realität noch viel entsetzlicher gewesen sein mögen.

Bibliographische Angaben:
Ibuse, Masuji: „Schwarzer Regen“, Fischer, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-25846-4

Dienstag, 4. Dezember 2012

Masuji Ibuse

Masuji Ibuse (geboren 1898 in der Präfektur Hiroshima) wollte ursprünglich Maler werden. Bereits in der Mittelschule malte er passioniert. Jedoch wurde er von Kansetsu Hashimoto als Schüler abgelehnt. Daher begann er an der Waseda-Universität französische Literatur zu studieren. Sein Studium schloss er jedoch nie ab.

Anfang der 20er Jahre veröffentlichte er sein erstes literarisches Werk, das von westlichen Einflüssen geprägt war, aber nicht viel Aufmerksamkeit erntete. Daraufhin wandte er sich einem japanischerem Schreibstil, insbesondere der Ich-Erzählung, zu.

Im zweiten Weltkrieg wurde er mit einer Propaganda-Einheit nach Thailand und Singapur geschickt. Das Ende des Krieges erlebte er in seiner Heimat, der Präfektur Hiroshima. Auch wenn er selbst die Schrecken des Atombombenwurfs nicht direkt erfahren hatte, sollte er 1966 mit „Schwarzer Regen“ den Geschehnissen ein literarisches Denkmal setzen. Für den Roman erhielt er den Noma-Literaturpreis und den japanischen Kulturorden.

Masuji Ibuse fungierte als Mentor von Osamu Dazai.

1993 starb Masuji Ibuse im stolzen Alter von 95 Jahren

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Kurzgeschichten/Romane und hier rezensiert:

Montag, 3. Dezember 2012

„Das Leben eines Narren“ von Ryunosuke Akutagawa

Puh, das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man einen Abschiedsbrief eines Selbstmörders und dessen kurz vor dem Tod selbstverfasste Lebensgeschichte liest. Insbesondere wenn es sich dabei um niemand anderen als Ryunosuke Akutagawa handelt. Der Autor, der sich im Alter von 35 Jahren das Leben nahm, schrieb wenige Wochen vor seinem Tod durch eine Überdosis Veronal „Das Leben eines Narren“. 51 Kapitel(chen), die zum Teil nur wenige Zeilen umfassen, beleuchten einzelne Lebensstationen und zeichnen ein trostloses Bild: Ryunosuke Akutagawa verzweifelt (unter anderem) an seiner wirtschaftlichen Verantwortung, die er den vielen Familienmitgliedern gegenüber hat:

„Er hatte die Absicht gehabt, ein wildes Leben zu führen, gleichgültig gegenüber dem Zeitpunkt seines Todes. Und nahm dennoch unverändert in allem Rücksicht auf seine Adoptiveltern und seine Tante. Dieser Einstellung hatte er die helle und die dunkle Seite seines Lebens zu verdanken.“ (S. 47)

Auf seiner dunklen Seite ist er ein Misanthrop, der anderen Menschen gar den Tod wünscht:

„Das Haus seiner älteren Schwester und das Haus seines Stiefbruders waren niedergebrannt. Und den Mann seiner Schwester hatte man wegen Meineids zu einer Bewährungsstrafe verurteilt…
’Sollen doch ruhig alle sterben!’“ (S. 42)

Und:

„’Töte! Töte! …’
Wieder und wieder erklang dieses Wort wieder in seinem Kopf.“ (S. 39)

Er fühlt sich unzulänglich. Die Gesellschaft verachtet er und fürchtet sie gleichzeitig. Der Selbsthass schlägt sich in physischen Leiden nieder. Er glaubt, verrückt zu werden, leidet unter Schlaflosigkeit. Nur Schlafmittel erlauben ihm, wenige Stunden am Tag klar denken zu können. Den Selbstmord erachtet er bereits als die einzige Erlösung, die ihn befreien kann.

Kurz flackern auch einige für ihn wichtige Menschen in „Das Leben eines Narren“ auf: Die konträre Lebenseinstellung eines Junichiro Tanizaki, der Tod seines Förderers Soseki Natsume, die für Akutagawa verstörende Begegnung mit der Dichterin Mineko Matsumura… Und freilich beschäftigt er sich mit Literatur, mit der Kunst.

In knappen Sätzen beschreibt Akutagawa seine Gefühlslage und wird damit seinem desolaten Zustand sicherlich am besten gerecht. Eine unglaubliche Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung schwingen mit.

Das Manuskript von „Das Leben eines Narren“ war für Masao Kume, einem engen Freund Akutagawas, ebenso bestimmt, wie der Abschiedsbrief „Notiz für einen Freund“, der ebenfalls in der Ausgabe des Suhrkamp Verlags abgedruckt ist. Abgeklärt beschreibt Akutagawa hier, wie er seit zwei Jahren über den Selbstmord reflektiert hat. Wie er nach der besten und möglichst schmerzfreien Möglichkeit gesucht hat, sich das Leben zu nehmen. Welchen Ort er für seinen Tod wählen sollte. Ob er wie andere Selbstmörder ein „Sprungbrett“ (vielleicht eine Frau, die sich ebenfalls das Leben nehmen möchte) benötigt. Und ob es ihm wohl gelingen würde, seinen Selbstmord so geschickt zu inszenieren, dass man einen natürlichen Tod annehmen könnte. Mit dem Leben hat er abgeschlossen:

„Ich habe mehr als andere gesehen, leidenschaftlicher als andere geliebt und mehr als andere begriffen. Inmitten all des Kummers erfüllt allein dies mich mehr oder minder mit Befriedigung.“ (S. 76)

Das dünne Büchlein ist schwer zu verdauen. Akutagawa steht vor der Wahl, dem Wahnsinn zu verfallen oder Selbstmord zu begehen. Ist der Selbstmord die finale Niederlage oder die ersehnte Befreiung? Wie nahe liegen Genie und Wahnsinn beieinander?

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Das Leben eines Narren“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-22254-6

Sonntag, 2. Dezember 2012

„Blut in der Morgenröte“ herausgegeben von Janwillem van de Wetering

„Blut in der Morgenröte“, der dritte und letzte Teil der japanischen Kriminalstories, die Janwillem van de Wetering herausgegeben hat, zeichnet sich wie der erste Teil „Drachen und tote Gesichter“ dadurch aus, dass man die Krimis in dem Band suchen muss. Insbesondere da das Buchcover mit „Thriller“ gekennzeichnet ist, weckt es leider falsche Erwartungen: Der Großteil der neun Erzählungen japanischer Autoren fällt nicht in dieses Genre.

„Der Drache“ soll in Ryunosuke Akutagawas Erzählung demnächst aus einem See in den Himmel auffahren. Doch dieser Mythos, der bei den Bewohnern des Städtchens am See umgeht, geht auf einen sich verselbständigenden Scherz des langnasigen Mönchs Hanazo zurück.

Der Student Fukiya ist clever – aber arm. Um seinen Kontostand aufzubessern, heckt er einen Mord an der reichen Witwe aus, bei der sein Kommilitone Saito wohnt. Als beide verdächtigt werden, die Witwe getötet zu haben, wendet Kogoro Akechi, Japans Sherlock Holmes, eine List an: „Der psychologische Test“ soll in Edogawa Rampos Erzählung den wahren Täter überführen.

„Der Mord im Pfandleihhaus“ ist eine verzwickte Sache. Der Geschäftsführer Tsunemoto wird eines Morgens tot aufgefunden: Er ist im Tresorraum eingeschlossen worden und erstickt. Zwei wertvolle Diamantringe sind entwendet worden. Der Verdacht fällt auf die beiden Angestellten und die Inhaberin des Pfandleihhauses. Zusammen mit ihrem Verehrer löst die weibliche Angestellte Naomi den Fall in Shizuko Natsukis Kriminalgeschichte.

In „Das Rasiermesser“ zeichnet Naoya Shiga das Bild eines Barbiers, dessen Nerven im Fieberwahn mit ihm durchgehen.

„Böse Kameraden“ hat Shotaro Yasuokas Protagonist und Ich-Erzähler: Der Teenager macht die Bekanntschaft des schmuddeligen, koreanisch-stämmigen Komahiko. Komahiko wird zum Helden des Ich-Erzählers und dessen besten Freund Kurata. Denn Komahiko ist ein kleiner Rebell: Er prellt die Zeche, kennt sich im Rotlichtviertel bestens aus und ist dabei auch noch intellektuell bewandert. Die Coming-of-age-Erzählung, die während des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs kurz vor Japans Angriff auf Pearl Harbour spielt, gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil, der eine verrückt gewordene Welt spiegelt. Der Ich-Erzähler rebelliert gegen das Althergebrachte, will sich von seiner kleinbürgerlichen Familie abnabeln – und übt schließlich Verrat. Für mich ist Shotaro Yasuokas Erzählung das Highlight in „Blut in der Morgenröte“. Der Stoff hätte zum Roman gereicht.

In „Metro à gogo“ erzählt Kyotaro Nishimura von einer lächelnden Leiche, die erstochen in einem Kanal aufgefunden wird. In Rückblenden wird die Vergangenheit beleuchtet – und warum die Leiche im Tod so glücklich gewesen sein mag.

Junichiro Tanizakis „Aguri“ behandelt ein typisches Tanizaki-Thema: Ein alternder, von Krankheit gezeichneter Mann verausgabt sich, um seiner jungen Geliebten Anguri diverse Gefälligkeiten zu erweisen.

Mit Ogai Mori darf sich der Leser auf „Blutrache“ begeben: Die Erzählung, die auf einem Vorfall aus dem Jahr 1835 zurückgeht, ist zwar eher fad, zeichnet aber ein detailliertes Bild der legalisierten Blutrache.

„Rittlings auf der Leiche“ von Akinari Ueda findet sich auch in „Unter dem Regenmond“ als „Die blaue Kapuze“: Ein Zen-Meister macht es sich zur Aufgabe, einem wahnsinnigen Mönch, der auf der Suche nach essbarem Menschenfleisch ist, Einhalt zu gebieten.

Bibliographische Angaben:
van de Wetering, Janwillem (Hrsg.): „Blut in der Morgenröte“, Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-43075-4

Samstag, 1. Dezember 2012

Shotaro Yasuoka

Als Sohn eines Veterinärs der kaiserlichen Armee wurde Shotaro Yasuoka 1920 geboren. Bedingt durch den Beruf des Vaters zog die Familie oftmals um und Shotaro Yasuoka entwickelte eine Abneigung gegen die Schule. Mehrfach fiel er durch die Aufnahmeprüfungen bis er schließlich auf der Keio Universität angenommen wurde. Da er kränklich war, wurde er erst gegen Ende des Weltkriegs eingezogen. In China erkrankte er jedoch ernsthaft an Tuberkulose und hätte beinahe den Rücktransport nach Japan nicht überlebt.

Nach dem Krieg begann er, während er mit einer spinalen Entzündung bettlägerig war, zu schreiben und wurde 1953 mit dem Akutagawa-Literaturpreis ausgezeichnet. Zweimal erhielt er den Noma-Literaturpreis. Zudem gewann er den Yomiuri- und den Kawabata-Preis. 2001 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Kulturorden ausgezeichnet. Seine autobiographisch angehauchten Werke behandeln meist die Lebenswelt von Versagern und Underdogs. Oftmals wurde er als "Stoiker"  bezeichnet.

Leider sind bisher keine Romane des Autors ins Deutsche übersetzt worden; es liegen bis dato nur Erzählungen in verschiedenen Sammelbänden vor.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert:

Freitag, 30. November 2012

„Tausend Kraniche“ von Yasunari Kawabata

Willkommen in dem recht wilden Beziehungsgeflecht in Kikujis Familie. Kikujis Vater hat zu seinen Lebzeiten nichts anbrennen lassen. Zeitweise hatte er eine außereheliche Affäre mit der eher burschikosen Zeremonienmeisterin Chikako, bei der er die Teezeremonie erlernte. Doch als Frau Oota verwitwete, war er mehr von deren fraulicher Sanftheit angetan und tauschte die Geliebte Chikako gegen Frau Oota aus. Nichtsdestotrotz ging Chikako im Haushalt des Vaters ein und aus und der Mutter zur Hand. Die Affären des Vaters waren ein offenes Geheimnis.

Jahre nach dem Tod der Eltern nimmt Kikuji eine Einladung Chikakos zur Teezeremonie an. Sie will ihn mit der hübschen Yukiko verkuppeln. Doch wie’s der Teufel will, ist genau an diesem Tag auch Frau Oota mit ihrer Tochter Fumiko ebenfalls zugegen. Zwar hat sich Kikuji schon in Yukiko verguckt, doch zieht ihn die sanfte Frau Oota wie magisch an. Die Grenzen beginnen zu verschwimmen: Sieht Frau Ooota in Kikuji seinen Vater; fühlt sich Kikuji wie sein Vater, wenn er intim mit Frau Oota wird?

Die Liaison bleibt von der intriganten Chikako nicht unentdeckt. Frau Oota fühlt sich schuldig und setzt ihrem Leben ein Ende. Für Kikuji nimmt nun deren Tochter Fumiko, ein Abbild der Mutter, deren Platz ein. Doch während Frau Oota einem traditionellen Frauenbild entspricht, sieht Fumiko die Ehe nicht als Versorgungsgemeinschaft; sie beginnt auf eigenen Füßen zu stehen. Und so wird Yasunari Kawabatas „Tausend Kraniche“ auch ein Zeugnis der Modernisierung der Frauenrolle.

Die Handlung in „Tausend Kraniche“ ist von einer trägen Dynamik. Viel wird nur angedeutet, metaphorisiert, ästhetisiert und in einen Gesamtzusammenhang eingebaut, der dem Europäer befremdlich anmutet. Wer sich auf den Roman einlässt, wird aber sicherlich auf seine Kosten kommen.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Tausend Kraniche“, dtv, München 1989, ISBN 3-423-11080-5

Sonntag, 25. November 2012

„So etwas wie eine Autobiographie“ von Akira Kurosawa

Im Vorwort zu „So etwas wie eine Autobiographie“ gibt Akira Kurosawa an, er habe sich ursprünglich gegen das Verfassen einer Autobiographie gewehrt. Denn zöge man das Kino von ihm ab, bliebe nichts übrig, über das man berichten könne. Doch nach der Lektüre von Jean Renoirs-Autobiographie habe er seine Meinung geändert: Jeder Mensch wird aus den vielen Begegnungen geformt; das Individuum entsteht aus diversen Elementen, die seine Entwicklung begleiten. Diesen Begegnungen widmet Akira Kurosawa seine Quasi-Autobiographie:

Da sind natürlich seine Eltern: Der Vater, der eine Militärakademie absolvierte und schließlich selbst an einer Militärschule unterrichtete, legte Maßstäbe eines Samurais an die Söhne an. Umso unverständlicher war für ihn, dass der kleine Akira lieber Mädchenspiele mit den Schwestern spielte, als sich mit Jungs auszutoben. Die Mutter wirkte dagegen mehr wie ein stoischer Ruhepol in der Familie. Mit seinem älteren Bruder Heigo verband Akira Kurosawa eine enge Bindung: In seinen 20ern lebte Akira Kurosawa einige Zeit in Heigos Haushalt und Heigo, der sich als Stummfilmerzähler verdingte, begeisterte Akira Kurosawa für das Medium Film. Umso schlimmer wog der Selbstmord des Bruders: Mit 27 nahm er sich in einem Gasthaus auf der Halbinsel Izu das Leben – da die Menschen, sobald sie das Alter von 30 Jahren überschritten, ohnehin nur hässlicher und gemeiner würden.

Der Leser erfährt auch, dass der kleine Akira als Schüler als Heulsuse verschrien war. Mit der zweiten Heulsuse des Schuljahrgangs, Uekusa, freundete sich Akira Kurosawa an. Später sollte Uekusa ebenfalls Drehbücher schreiben und Akira Kurosawas Lebensweg erneut und mehrfach kreuzen. Dank des fortschrittlich denkenden Lehrers Tachikawa wurden die beiden schwächlichen Schüler dennoch gefördert.

1928 begann sich Akira Kurosawa für die proletarische Kunst zu interessieren; 1929 trat er in die Liga der proletarischen Künstler ein. Die dem Naturalismus verhaftete Bewegung konnte Akira Kurosawa jedoch nicht langfristig binden; er ging für die proletarische Presse in den Untergrund. Dennoch konnte er sich nicht zum Kommunismus bekennen:

„Eigentlich empfand ich nur die vage Unzufriedenheit und Abneigung, die mir die japanische Gesellschaft einflößte, und um mit diesem Gefühl fertig zu werden, schloss ich mich der radikalsten Bewegung an, die ich finden konnte. Aus heutiger Sicht erscheint mir mein damaliges Verhalten reichlich frivol und leichtsinnig.“ (S. 96 f.)

Im Zusammenhang mit seinem Engagement für die proletarische Bewegung hatte er selbstverständlich auch einige unangenehme Begegnungen mit der Polizei. Eine schwere Krankheit war der Anlass für seinen Ausstieg.

Nach dem Tod seines Bruders bewarb sich Akira Kurosawa als Regieassistent bei den P.C.L.-Studios. Zunächst war er alles andere als begeistert von seinen Aufgaben und wollte bereits hinschmeißen. Doch insbesondere durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Kajiro Yamamoto wurde Akira Kurosawas Lehrzeit eine besonders fruchtbare. Schließlich war es soweit, dass Akira Kurosawa mit „Sugata Sanshiro“ seinen ersten eigenen Film drehen durfte. Anlässlich der Fertigstellung hatte er auch seine erste unliebsame Begegnung mit der japanischen Zensur.

„So etwas wie eine Autobiographie“ endet mit dem Abdrehen von „Rashomon“, für den Akira Kurosawa mit dem Goldenen Bären der Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet wurde und sich international etablieren konnte. Nicht nur „Rashomon“, sondern auch seinen anderen Filmen, die er bis 1950 drehte, widmet er ein Kapitel. So erhält der Leser einen kleinen Einblick in die jeweiligen Schaffensphasen.

„So etwas wie eine Autobiographie“ liest sich flüssig und ist aufgrund vieler Anekdoten sehr kurzweilig. Sicherlich werden Filmfans besonders auf ihre Kosten kommen, doch auch ohne ein Akira Kurosawa-Anhänger zu sein, macht die Lektüre Spaß. Durch die Gedanken zu Heigos Selbstmord, zur Zensur, zu Streiks und zur japanischen Gesellschaft enthält „So etwas wie eine Autobiographie“ aber auch ernstere Themen.

Bibliographische Angaben:
Kurosawa, Akira: „So etwas wie eine Autobiographie“, Schirmer/Mosel, München 1986, ISBN 3-88814-201-6

Samstag, 24. November 2012

Akira Kurosawa

In erster Linie gilt Akira Kurosawa als DER japanische Regisseur. 1910 wurde er in Tokio als jüngster Sohn in eine kinderreiche Familie geboren. Schon früh interessierte sich Akira Kurosawa für Malerei. 1927 trat er in eine private Kunstschule ein. Da er von seiner Malerei jedoch nicht leben konnte, bewarb sich Akira Kurosawa um eine Stelle als Regieassistent. Die Begeisterung für Filme hatte sein älterer Bruder Heigo in ihm entfacht, der als Stummfilmerzähler gearbeitet hatte. 1943 führte Akira Kurosawa erstmals selbst Regie.

International bekannt wurde Akira Kurosawa, als er 1951 für die Verfilmung von Ryunosuke Akutagawas „Rashomon“ auf den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. 1952 erhielt „Rashomon“ einen Oscar als bester ausländischer Film.

1998 starb Akira Kurosawa an einem Hirnschlag. Er schrieb unzählige Drehbücher und führte bei über 30 Filmen Regie.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Freitag, 23. November 2012

„Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino

Keigo Higashinos „Verdächtige Geliebte“ ist eine positive Überraschung in diesem Leseherbst. Bisher war nur der recht dröge Krimi „Mord am See“ des Autors in deutscher Übersetzung zu lesen. Die zweite Übersetzung des Edogawa Rampo-Preisträgers fesselt bis zur allerletzten Seite und ist ein Page-Turner bester Güte.

Worum geht’s? Der eigenbrödlerische Lehrer Ishigami ist ein gescheitertes Mathematik-Genie. Neben dem Lösen von schwierigen mathematischen Fragestellungen ist seine einzige Freude im Leben, sich sein Lunchpaket im Bentoladen zu kaufen, in dem seine Nachbarin Yasuko arbeitet. Ishigami ist verliebt in die allein erziehende Mutter. Yasuko hatte bisher Pech mit den Männern. Vom Vater ihrer Tochter lebt sie getrennt. Und auch ihre zweite Ehe ging in die Brüche – doch ihr Ex-Ehemann terrorisiert Yasuko, will Geld aus ihr herauspressen. Als er eines Tages wieder einmal vor der Tür steht und gierig Geld verlangt, geschieht das Unfassbare: Yasuko tötet ihren Ex-Mann im Affekt, als dieser auf die Tochter losgeht. Völlig unversehens bietet Ishigami seine Hilfe an, den Mord zu vertuschen. Der Mathematiker scheint in Windeseile einen wasserdichten Plan zu schmieden.

Der Mord bleibt nicht lange unentdeckt. Doch an Yasukos Alibi, das ihr Ishigami besorgt hat, ist kaum zu rütteln. Wenn die Polizei jedoch nicht unversehens Unterstützung von Ishigamis ehemaligem Kommilitonen, dem Physiker Yukawa erhalten würde, wäre der Fall vielleicht ungelöst zu den Akten gelegt worden. Doch Ishigami und Yukawa können sich gegenseitig das Wasser reichen, was ihre analytischen Fähigkeiten betrifft – kann der eine das Labyrinth, das der andere baut, auflösen?

„Verdächtige Geliebte“ spielt mit ähnlichen Zutaten wie Natsuo Kirinos „Die Umarmung des Todes“: Eine hilflose Ehefrau bringt unter widrigen Umständen den (Ex-)Ehemann um die Ecke, will sich der Polizei nicht stellen und nimmt stattdessen die Hilfe von Bekannten in Anspruch, um die Leiche zu entsorgen. Während jedoch Natsuo Kirino die Handlungen aller Beteiligten offen legt, zeichnet sich „Verdächtige Geliebte“ dadurch aus, dass der Leser ebenso wie Yukawa den dünnen Faden aufnehmen muss, der zur Lösung des Falles führen kann – denn die Geschehnisse sind verzwickter, als man glaubt.

Ebenso verzwickt sind die Gefühle, die man als Leser der Figur des Ishigami entgegen bringt. Man schwankt zwischen Sympathie, Mitleid und Abscheu – wahrlich ein ungewöhnlicher Held!

Bibliographische Angaben:
Higashino, Keigo: „Verdächtige Geliebte", Klett-Cotta, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-608-93966-8

Samstag, 17. November 2012

„Der Fälscher“ von Yasushi Inoue

„Der Fälscher“ enthält vier Erzählungen Yasushi Inoues, geprägt von leisem Ton und der Tragik zwischenmenschlicher Beziehungen.

 „Der Fälscher“ handelt vom Scheitern des Hara Hosen. Eigentlich ein guter Maler entdeckt er am Werk des Künstlers Onuki seine eigene Unperfektion. Und verlegt sich aufs Fälschen von Onukis Bildern anstatt selbst originäre Kunstwerke zu schaffen. Doch lange kann er seine Machenschaften nicht geheim halten. Als er auffliegt, beginnt er die Herstellung von illegalen Feuerwerkskörpern. Der Lebensweg des Hara Hosen wird von dem dem Ich-Erzähler und Journalisten nach verfolgt, der eigentlich beauftragt worden ist, Onukis Biographie zu verfassen. Das tragische Schicksal des Hara Hosen fesselt ihn weit mehr, als die glänzende Karriere des etablierten Malers:

„ich sah darin die Tragik des Lebens eines durchschnittlichen Menschen, der durch den Kontakt mit einem Genie von dessen Gewicht erdrückt wurde und sich selbst verzehrt hat.“ (S. 119)

„Der Vulkan“ steht kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem begibt sich ein Landvermesser mit seiner Truppe in die gefährliche Gegend. Unterwegs trifft die Gruppe auf ein Pärchen, das wohl auf dem Weg ist, in den Doppelselbstmord aus Liebe zu gehen. Die Naturkatastrophe wird zahlreiche Opfer finden.

Um Kindheitserinnerungen geht es in „Schilf“. Langsam kommt der Erzähler seiner jung verstorbenen Tante, dem schwarzen Schaf der Familie, näher, indem er Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren sucht. Und so kommt er der Tante und der Tragik ihres Lebens näher.

Der Tod von zwei Tieren steht wie eine Metapher für die Beziehung von Kitora und seiner Cousine Ritsuko in der Erzählung „Die Singdrossel“. Kitora tötet einen Fisch auf archaische Weise – bevor er mit seiner Cousine schläft. Und Ritsuko gibt einer Singdrossel im Todeskampf den Gnadenstoß – und beendet damit die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Beziehung.

Wer spannende Handlung liebt, der sollte die Finger von Yasushi Inoues „Der Fälscher“ lassen. Die Erzählungen sind nachdenklich, teilweise analytisch, oftmals mit Metaphern gespickt. Yasushi Inoue, der als Meister der Darstellung von menschlichen Beziehungen gilt, zeichnet mit den Geschichten in „Der Fälscher“ auf verschiedenste Weise tragische Schicksale auf.

Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Der Fälscher“, Insel, Frankfurt am Main/Leipzig, 1999, ISBN 3-458-16941-5

Montag, 12. November 2012

„Das Weib des Yoshiharu“ von Kyoden Santo

Kyoden Santos „Das Weib des Yoshiharu“ wurde 1993 als „Die Geschichte der schönen Sakurahime“ im Insel-Verlag neu aufgelegt. Sowohl das Weib des Yoshiharu (namentlich Frau Nowaki und Mutter der schönen Sakurahime) als auch Sakurahime sind zwei zentrale Gestalten in Kyoden Santos Yomihon, einem Lesebuch, das Geistergeschichten, historische Gegebenheiten, buddhistische Religiosität und einen moralischen Appell an die Leser vermischt. Kyoden Santo schreibt laut dem Originalvorwort eine „Erzählung von Schuld und Sühne“:

Schuld laden viele der Charaktere in „Das Weib des Yoshiharu“ auf sich und zumeist werden sie geläutert. Allerhand Personen werden in die Handlung aufgeführt, die teilweise erst viel später einen zweiten, dritten oder vierten Auftritt haben. Alle Handelnden erscheinen schicksalhaft verknüpft. Da ist beispielsweise der Raufbold Midajiro, der von seinem Herrn, dem Fürsten Yoshiharu, verstoßen wird, nachdem er sich besonders ketzerisch benommen hat. Er erfährt Erleuchtung, als er eine Buddha-Statue aus einem Fluss fischt und mit der Statue im Gepäck auf Pilgerreise geht. Kinitsura, dem die Aufsicht über Yoshiharus schwangere Zeitfrau Tamakoto oblag, begeht als Sühne Selbstmord, als Tamakoto entführt wird. Die Drahtzieherin der Entführung ist niemand anderes als Yoshiharus eifersüchtige und kinderlose Erstfrau, Frau Nowaki. Sie lässt Tamakoto vor der Entbindung töten und lädt gewaltige Schuld auf sich. Als Frau Nowaki doch noch schwanger wird, wird die schöne Sakurahime geboren, die allerhand Männern den Kopf verdreht: Der Mönch Seigen kommt wegen seiner Verliebtheit vom Glauben ab. Der abgewiesene Fürst Heidayu sinnt auf Rache. Und der edle Muneo wird als Verlobter der Schönheit auserkoren. Doch nicht nur Hedayu führt Böses im Schilde – auch Tamakoto hatte in der Stunde ihres Todes Rache geschworen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf…

„Das Weib des Yoshiharu“ ist wahrlich ein kleines Epos. Trotz der etwas antiquiert wirkenden Sprache – immerhin datiert das Werk aus dem 18. Jahrhundert und spielt im 13. Jahrhundert – liest sich das Yomihon flüssig und bleibt spannend bis zum Schluss. Sicherlich ein Leckerbissen für Freunde von Historienromanen und Samurai-Literatur.

Bibliographische Angaben:
Santo, Kyoden: „Das Weib des Yoshiharu“, Hermann Klemm/Erich Seemann, Freiburg 1957

Sonntag, 11. November 2012

Kyoden Santo

1761 als Sohn eines Pfandleihers und unter dem bürgerlichen Namen Samuru Iwase geboren, studierte er Ukiyo-e-Malerei bei Shigemasa Kitao. Unter dem Pseudonym Kitao Masanobu illustrierte er seit 1778 Kibyoshi (humorvolle, manchmal auch politisch-satirische, illustrierte Geschichten mit einem Umfang von zehn Seiten). 1782 begann er unter dem Pseudonym Kyoden Santo selbst Kibyoshi zu schreiben. Da seine Familie nach Kyobashi gezogen war, als er dreizehn Jahre war, bezieht sich sein Pseudonym auf diesen Heimatort (Kyo steht für Kyobashi, Santo = östlich der Hügel).

Er schrieb zudem Sharebon (humorvolle Geschichten über die Freudenviertel), eine Literaturgattung die während der Kansei-Reformen verboten wurde. Als Kyoden Santo 1791 drei Sharebon veröffentlichte, wurde er zur Strafe für 50 Tage in Handschellen gelegt. Er verlegte sich im Anschluss mehr auf die Literaturgattung Yomihon (romanhafte, moralisch geprägte Lesebücher, die an historische Gegebenheiten der chinesischen und japanischen Geschichte angelehnt sind; mehr Assemblage als originäre Schöpfung).

Zeitweise führte Kyoden Santo untertags einen Tabakladen, die Nächte streifte er durch Tokios Freudenviertel Yoshiwara. So kaufte er auch seine Lieblingskurtisane frei und nahm sie zur Zweitfrau.

1816 starb der Autor.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Samstag, 10. November 2012

„Der Schlüssel“ von Junichiro Tanizaki

„Der Schlüssel“ für das Schränkchen, in dem der Professor sein Tagebuch verwahrt, liegt eines Tages wie als eine Aufforderung an des Professors Ehefrau auf dem Schreibtisch. Die Ehefrau Ikuko soll im Tagebuch lesen, denn hier zeichnet der Professor Pikantes auf: Das sexuelle Eheleben der beiden ist alles andere als erfüllt und so schreibt der Professor in seinem Tagebuch von seinen Wünschen, Fantasien und seinen Mitteln, mit denen er seine Begierde stillen kann.

In „Der Schlüssel“ versammeln sich allerhand Fetische: Der Professor liebt es, die Füße seiner Ehefrau zu liebkosen, ihren nackten Körper bis ins letzte Detail zu betrachten, sie in diverse Positionen zu bringen und dann zu fotografieren. Da Ikuko konservativ eingestellt ist und seinen sexuellen Wünschen nicht freiwillig nachkommen will, muss sich der Professor eine List ausdenken, um auf seine Kosten zu kommen: Regelmäßig hält er seine Ehefrau zu ausgiebigem Alkoholkonsum an. Betrunken und wehrlos kann er mit ihr tun und lassen, was er will.

Doch der Professor will mehr als er kann: Er muss sich bereits Hormonspritzen setzen lassen, um sexuell aktiv sein zu können. Und er bedient sich noch eines anderen Aphrodisiakums – der Eifersucht. Der junge Kimura war eigentlich als Bräutigam für die gemeinsame Tochter ausersehen. Doch Kimura und Ikuko fühlen sich weit mehr angezogen. Der Professor missbilligt dies nicht, er berauscht sich sogar an dem Gefühl der Eifersucht.

In Tagebuchaufzeichnungen hält der Professor die Geschehnisse fest. Doch auch Ikuko beginnt, ein Tagebuch zu führen. Ob die beiden heimlich die Tagebücher des anderen lesen und so ihre Handlungen und Niederschriften taktisch ausrichten?

Die wahre Abgründigkeit von Junichiro Tanizakis Roman tritt erst gegen Ende vollkommen zu Tage. Wie in anderen Tanizaki-Werken ist der Protagonist seiner Angebeteten bis zur masochistischen Selbstaufgabe vollkommen verfallen. Die dunkle Seite der Sexualität zieht den Leser auch Jahre nach der Veröffentlichung in den Bann, auch wenn der eigentliche Akt nur andeutungsweise geschildert wird.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Der Schlüssel“, Rowohlt, Reinbek 1961

Mittwoch, 7. November 2012

„Chrysanthemen-Ball“ von Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa entführt mit seinen Erzählungen im Band „Chrysanthemen-Ball“ zum Teil in ein exotisches Japan der Vormoderne. Die längste Erzählung und sicherlich Highlight des Bandes „Die Qualen der Hölle“ (identisch mit „Der Höllenschirm“ in „Drachen und tote Gesichter“) spielt am Hof eines Fürsten: Yoshihide ist ein besonders eigensinniger Maler, der vom Fürsten beauftragt wird, einen Wandschirm mit einer Darstellung der Hölle zu bemalen. Yoshihide kann jedoch nur malen, was er in Realität gesehen hat. So hat er bereits verwesende Leichen am Objekt studiert und skizziert. Seine Assistenten müssen einige Grausamkeiten erleiden, damit Yoshihide ein naturgetreues Modell zu sehen bekommt. Währenddessen weilt seine Tochter am Hof des Fürsten und bezaubert mit ihrem Wesen und ihrer Schönheit. Als Yoshihide jedoch eine Schaffenskrise erleidet, wird auch die Harmonie am Hof gestört.

Auch „Die Pfeife“ spielt in adeligen Kreisen. Der Feudalherr Narihiro ist besonders stolz auf seine goldene Pfeife, die ihm die Samurai sehr neiden. Zwei der Samurai setzen sich zum Ziel, Narihiro die Pfeife abzuluchsen.

„Die Nase“, eine Erzählung, die unter Anleitung von Soseki Natsume entstand, schildert mit Augenzwinkern das Schicksal eines Abtes, der unter seiner ganz besonders langen Nase leidet.

In der Moderne spielen die Erzählungen und Kurzgeschichten „Apfelsinen“, „Der Chrysanthemen-Ball“, „Professor Mori“ und „Der Verdacht“.

„Apfelsinen“ illustriert eine Eisenbahnfahrt des Ich-Erzählers. Eine junge Landpomeranze verirrt sich von der dritten in die zweite Klasse und ärgert den Protagonisten mit ihrem Verhalten – zunächst…

„Der Chrysanthemen-Ball“ ist der erste Ball europäischer Art für die junge Aiko. Ein Franzose ist sehr verzaubert von der japanischen Schönheit und wird ihr ein Denkmal setzen.

An „Professor Mori“ erinnert sich der Ich-Erzähler: Sein alter, unfähiger Englischlehrer, der einfach nicht vom Unterrichten lassen kann.

In „Der Verdacht“ erhält der Ich-Erzähler einen seltsamen Besuch: Ein Mann will sich das Herz erleichtert, indem er von seinem Schicksal berichtet. Während eines Erdbebens wurde seine Ehefrau unter einem Hausbalken begraben. Unfähig, sie aus den brennenden Trümmern zu befreien, schlägt er sie lieber tot, als sie einen Tod im Feuer erleiden zu sehen. Doch die Schuldgefühle rauben ihm fast den Verstand.

Bibliographische Angaben:
Akutagawa, Ryunosuke: „Chrysanthemen-Ball“, Nymphenburger, München 1964

Montag, 5. November 2012

Ryunosuke Akutagawa

Ryunosuke Akutagawa
Ryunoskue Akutagawa gilt als Vater der japanischen Kurzgeschichte. Tatsächlich scheiterte er an der Kreation von Romanen und publizierte bis zu seinem Selbstmord im Alter von 35 Jahren ca. 150 Erzählungen und Kurzgeschichten.

1892 in Tokio geboren war es ihm nicht vergönnt, von seiner leiblichen Mutter Fuku Nihara, einer geborenen Akutagawa, aufgezogen zu werden. Kurz nach seiner Geburt brach eine schwere Psychose bei der Mutter aus. Ihr Sohn wurde von ihrem Bruder aufgezogen und nahm damit auch den Nachnamen Akutagawa an. Den Vornamen Ryunosuke (= Drachensohn) erhielt er, da er im Jahr, im Monat, am Tag und – angeblich – auch in der Stunde des Drachen geboren wurde.

Er war schon früh an Literatur von Ogai Mori und Soseki Natsume interessiert. 1913 begann er, Anglistik an der kaiserlichen Universität von Tokio zu studieren. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Englischlehrer.

Sein Wunsch, eine Jugendfreundin zu heiraten, scheiterte am Widerstand seiner Familie. 1918 heiratete er Fumi Tsukamoto, mit der er drei Kinder hatte.

1914 publizierte er noch als Student seine erste Kurzerzählung „Rashomon“, die später von Akira Kurosawa verfilmt werden sollte. Soseki Natsume wurde nach der Veröffentlichung auf Akutagawa aufmerksam. Soseki Natsume fungierte fortan als Mentor für den jungen Autor. Die Erzählung „Die Nase“ resultierte aus gemeinsamen Treffen.

Ryunosuke Akutagawa lehnte den Naturalismus ab, den die Leser ebenfalls müde waren. Oscar Benl beschreibt im Nachwort des Bandes „Chrysanthemen-Ball“ Akutagawas Stil wie folgt:

„So fand Akutagawa, dem die künstlerische Gestaltung wichtiger als das Material, die ausgewogene Form schöner als Empfindungen und Bekenntnisse erschien, den Boden für sich bereitet. Er bezauberte weithin durch sein Formgefühl.“ (S. 149)

Mit seinem Fokus auf die Form stand Akutagawa in Opposition zum Stil von Junichiro Tanizaki.

Mitte der 20er Jahre brach genauso wie bei seiner Mutter auch bei Ryunosuke Akutagawa eine psychische Störung auf. 1927 versuchte er ein erstes Mal vergebens, sich das Leben zu nehmen. Im selben Jahr nahm er eine Überdosis Veronal ein, die er von seinem Hausarzt Mokichi Saito erhalten hatte, und verstarb.

Der Autor Kan Kikuchi, der seit Schulzeiten mit Ryunosuke Akutagawa befreundet war, rief 1935 zu Ehren seines Freundes den Akutagawa-Literaturpreis aus, mit dem Nachwuchsschriftsteller ausgezeichnet werden.

Interessante Links:

Hier rezensiert:

Weitere ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Kurzgeschichten:
  • Die Fluten des Sumida
  • Die Geschichte einer Rache
  • Japanische Novellen
  • Rashomon

Sonntag, 4. November 2012

„Gyokusai“ von Makoto Oda

„Ein trefflicher Mann sollte besser ein zerspringender Edelstein werden, als sich einem gewöhnlichen Dachziegel gleichzumachen, nur weil dieser unversehrt bleibt.“
(Nachwort von Michaela Manke, S. 134 in Bezug auf die „Geschichte des Nördlichen Qi“ von Li Baiyao, 7. Jahrhundert)

Der Begriff „Gyokusai“ steht im Japanischen für den zerspringenden Edelstein – und während den letzten Zügen des Pazifikkriegs für den sicherlich fraglichen Heldentod von japanischen Soldaten, die gegen die übermächtigen US-amerikanischen Gegner anrannten. In Kriegsgefangenschaft zu geraten stand nicht zu Debatte – eher sollten sich die Soldaten mit einer Handgranate selbst töten, bevor sie sich dem Gegner schmachvoll ergeben. Neben der unbedingten Gehorsam laut der Konfuzianischen Ethik, dem Verbot des Sich-Ergebens laut dem Militärhandbuch tat der Staatshintoismus sein Übriges: In einem Totenkult wurden gefallenen Soldaten seit 1879 im Yaskukuni-Schrein verehrt.

Makoto Oda versetzt den Leser mit „Gyokusai“ direkt in die grausame Zeit des Pazifikkriegs. Gruppenführer Nakamura wird mit den ihm unterstellten Soldaten auf eine kleine Pazifikinsel, die Leyte vorgelagert ist, versetzt. Die Weisung lautet: „Mit dem eigenen Leib ein Wellenbrecher im Pazifik!“ Die Aussichtslosigkeit der Lage geht aus der Losung bereits hervor – der US-amerikanischen Übermacht kann man nur noch den bloßen Körper entgegen werfen.

Nakamura und seine Gruppe rüsten sich für den Angriff der Amerikaner und bauen Inselhöhlen aus, um sie als Rückzugsmöglichkeiten zu nutzen. Doch eigentlich wollen sie nicht bauen, sondern kämpfen. Als die ersten feindlichen Truppen landen, zeigt sich bereits deren Übermacht – den Japanern bleibt nur ein Partisanenkrieg zur Verteidigung der Insel. Doch gegen die gut ausgerüstete amerikanische Armee können die Japaner nur veraltete Gewehre einsetzen. Und die Kugeln werden mit der Zeit knapp. Von Angriff zu Angriff dezimiert sich die Gruppe, die Nakamura um sich schart. Die Amerikaner gehen zum Gegenangriff über und räuchern die Japaner in den Höhlen aus, lassen sie dort bei lebendigem Leib verbrennen.

Der Gedanke an einen japanischen Sieg ist den Soldaten bereits längst abhanden gekommen. Doch ergeben können sie sich nicht – sie wollen im Kampf ehrenvoll sterben. Selbst Flugblätter der Amerikaner können kein Umdenken bewirken.

Trotz aller Grausamkeit beschreibt Makoto Oda die Geschehnisse distanziert. Die Soldaten erscheinen nicht verzweifelt, sondern haben auf ihre Art bereits mit dem Leben abgeschlossen, resigniert. Damit geht die Tonalität kongruent.

Interessant an „Gyokusai“ ist zudem die Thematisierung der Diskriminierung von Koreanern: Nakamura wird der koreanische Unterfeldwebel Kon zur Seite gestellt. Im Heimatland Korea ist ihm seine Muttersprache verwehrt, er muss japanisch sprechen, soll sich als Japaner fühlen. Doch die Japaner sehen ihn nicht als Japaner, obwohl er Seite an Seite mit ihnen kämpft. Und auch eine japanische Prostituierte weiß von Koreanerinnen zu berichten, die als Trostfrauen zwangsrekrutiert wurden.

Im Nachwort geht Michaela Manke darauf ein, ob das Phänomen des Gyokusai denn ein ausschließlich japanisches sei. Denn schließlich gab es auch während des zweiten Weltkriegs in Deutschland den Begriff des Heldentods. Ist es nicht vielmehr so, dass der Wahnsinn des Kriegs Menschen ganz unabhängig von der Nationalität in den Tod treibt? Auch Nakamura und Kon sind im Grunde ganz normale Menschen – in einer ganz anormalen Situation…

Bibliographische Angaben:
Oda, Makoto: „Gyokusai“, Schiler, Berlin/Tübingen 2010, ISBN 978-3-89930-324-7