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Dienstag, 28. November 2017

"Stahlblaue Nacht" von Tetsuya Honda

Hauptkommissarin Reiko Himekawa ermittelt mal wieder auf die ihr eigene intuitive Art: In einem am Flussufer abgestellten Lieferwagen findet sich eine bluttriefende, abgetrennte Hand. Der Halter des Wagens ist der Schreiner Takaoka, in dessen Garage eine enorme Blutlache aufgefunden wird. Hier muss jemand getötet worden sein.

Takaokas Ziehsohn und Gehilfe Mishima identifiziert die abgetrennte Hand eindeutig als die seines Chefs. Die Kriminalpolizei macht sich tunlichst auf die Suche nach weiteren Körperteilen, die vermutlich in den Fluss geworfen wurden. Und um die Todesursache aufzudecken und den Tathergang rekonstruieren zu können, muss der Rest des vermutlich zerstückelten Körpers gefunden werden.

Reiko wird bei den Ermittlungen leider erneut der trottelige Ioka als Partner zugeteilt, der ihr immer noch Avancen macht. Dummerweise reagiert ihr Kollege Kikuta eifersüchtig und kompliziert die ohnehin schon schwierige emotionale Lage - denn auch Reiko findet Gefallen an Kikuta, ist ihm aber vorgesetzt. Und dann ist da auch noch die Rivalität zu Hauptkommissar Kusaka, der so ganz anders tickt als Reiko.

Bei ihren Recherchen im Baugewerbe stoßen die Ermittler auf ein undurchsichtiges Geflecht aus Strohfirmen, hinter denen ein Yakuza-Clan steckt. Sowohl Reiko als auch Kusaka stochern besonders tief, denn den toten Takaoka und dessen Ziehsohn Mishima verbindet ein besonderes Schicksal, das vor über zehn Jahren seinen Lauf nahm.

Tetsuya Hondas "Stahlblaue Nacht" wird genauso wie der erste Band "Blutroter Tod" aus mehreren Erzählperspektiven dargestellt. Die Ermittlungen der Mordkommission in der dritten Person werden mit den Ich-Perspektiven von Mishima und Takaoka garniert. So ist der Leser den Ermittlern immer ein bisschen voraus und ahnt schon vor diesen, wer der Täter sein könnte.

An sich ist der Fall interessant aufgebaut, aber mit der Figur der Reiko Himekawa werde ich immer noch nicht warm. Sie wirkt einfach nicht wie die coole, toughe Kommissarin, die im Klappentext angekündigt wird. Vielmehr erinnert sie an eine unsichere, unreife Göre, die nicht sonderlich viel Professionalität an den Tag legt. Irritierenderweise wirkt die Beschreibung der Figur manchmal wie Product Placement: Sie hat eine Coach-Handtasche, trägt einen Trenchcoat von Burberry Blue Label ("Sie liebte die Farbe - ein dunkles Beige, fast braun -, und der Schnitt war einfach toll." S. 54) und für die Uhr von Longines hat sie sogar einen Kredit aufgenommen.

Da findet man den nicht sonderlich ansehnlichen Ioka, der sich gern mal zum Affen macht, wieder mal gleich viel sympathischer als die Protagonistin.

Ein bisschen seltsam mutet der Titel des Romans an, der in keinem Zusammenhang zur Handlung steht und auch nichts mit den Titel des japanischen Originals zu tun hat. Gerade mal das Wort Stahl geht in die Richtung Baugewerbe, aber der Tote ist nun mal Schreiner und eine blaue Nacht wird an keiner Stelle hervorgehoben.

Die amerikanische Veröffentlichung der Übersetzungsvorlage erfolgte ebenfalls erst dieses Jahr. Ich bin gespannt, ob ein dritter Fall der Reiko Himekawa-Reihe bei der St. Martin's Press erscheinen wird und wir daraufhin gegebenenfalls nochmals das Vergnügen mit Ioka und der Gereiztheit von Reiko haben werden. Man merkt: Ich werde wohl kaum mehr Fan der Protagonistin...

Bibliographische Angaben:
Honda, Tetsuya: "Stahlblaue Nacht" (Übersetzung aus dem Englischen: Gabler, Irmengard), S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-596-03667-7

Dienstag, 21. November 2017

„13 Stufen“ von Kazuaki Takano

13 Stufen führen zum Galgen, 13 Behördenstellen müssen den Befehl zur Vollstreckung der Hinrichtung besiegeln. So auch im Fall von Ryo Kihara, der im Todestrakt sitzt. Wenn morgens gegen neun Uhr die Wachmänner auftauchen, sind alle Insassen höchst alarmiert. Irgendwo im Gang bleiben die Wärter stehen und nehmen einen von ihnen mit. Auf Nimmerwiedersehen. Jeder Tag kann der letzte sein. Ryos Schicksal ist besonders tragisch: Aufgrund eines Gedächtnisverlusts kann er sich nicht an den brutalen Mord an dem Ehepaar Utsugi erinnern; nichts zu seiner Verteidigung vorbringen. Und schlimmer noch: Aufgrund seiner Amnesie kann er keine glaubhafte Reue äußern, die ihm mildernde Umstände und eine Verurteilung zu nur lebenslänglicher Haft verschaffen würde.

Doch es gibt einen kleinen Funken Hoffnung für Ryo: Ein anonymer Kritiker der Todesstrafe beauftragt eine Anwaltskanzlei mit neuen Recherchen zum Fall des ermordeten Ehepaars. Denn die Beweislage gegen Ryo war denkbar dünn. So nimmt der ehemalige Gefängniswärter Nango Ermittlungen rund um den Tatort auf. Er engagiert zudem den gerade auf Bewährung entlassenen Jun’ichi als Assistent. Jun’ichi hatte in einem Gerangel einen Menschen gestoßen, der daraufhin tragischerweise zu Tode kam. Nango möchte Jun’ichi auf diese Weise zur Resozialisierung verhelfen. Zudem winkt eine Geldprämie für einen Unschuldsbeweis Ryos, die Jun’ichis Familie mehr als dringend gebrauchen kann: Der Schadensersatz, den sie der Familie des Todesopfers schulden, treibt sie fast in den Ruin und die Familienmitglieder leben in prekären Verhältnissen.

Um den Fall neu aufzurollen, ermitteln Nango und Jun’ichi in alle Richtungen und müssen diverse Hypothesen, die vielversprechend wirkten, wieder verwerfen. Doch langsam nähern sie sich der Wahrheit – doch werden sie den Wettlauf gegen die Zeit und die Bürokratie gewinnen?

Kazuaki Takanos „13 Stufen“ nimmt nur langsam Fahrt auf. Zudem wird die Handlung rund um die Ermittlungen durch eine Rückblende in Nangos Vergangenheit unterbrochen: Denn Nango hat im Todestrakt als Wärter gearbeitet und kennt die psychische Belastung, einen Menschen zum Galgen führen zu müssen. So erlebt der Leser die unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Todesstrafe: die der Verurteilten, die der Bürokraten, die der Wärter und Henker, und angerissen auch die der Angehörigen von Mordopfern. Und es stellen sich Fragen wie: Ist die Todesstrafe im Falle von besonders kaltblütigen, reulosen Mördern nicht vielleicht doch gerechtfertigt? Werden die staatlichen Henker nicht auch zu Mördern? Wäre es nicht besser, die Mörder am Leben zu lassen, damit sie jeden Tag darum beten, die Seelen der Opfer mögen ihre Ruhe finden?

Bis (fast) zur letzten Seite dauert es, bis sich dem Leser alle Ungereimtheiten offenbart haben. Daher ist Kazuaki Takanos Krimi sicherlich spannend, auch wenn die anfängliche Ermittlungsarbeit etwas stümperhaft wirkt. Da wird erst wochenlang der Wald rund um den Tatort nach Spuren abgesucht, bevor man sich einen Gedanken über ein Mordmotiv macht. So ganz überzeugt hat mich „13 Stufen“ daher als Krimi eher nicht. Dafür hallt das Thema Todesstrafe nach und lässt den Leser das Für und Wider aus unterschiedlichen Perspektiven abwägen.

Bibliographische Angaben:
Takano, Kazuaki: „13 Stufen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Penguin, München 2017, ISBN 978-3-328-10153-6

Sonntag, 29. Oktober 2017

"Der Sonnenschirm des Terroristen" von Iori Fujiwara

"Der Sonnenschirm des Terroristen" von Iori Fujiwara ist ein Page Turner der Oberliga. Fängt man einmal mit der Lektüre an, wird man direkt im die Handlung eingesogen und muss einfach weiterlesen. Der Anti-Held des Romans ist Kikuchi, der seit Anfang der 70er untergetaucht ist. Er wird im Zusammenhang mit einer Bombenexplosion gesucht. Da er sich an den Studentenunruhen zuvor beteiligt hat, sind seine Fingerabdrücke in der Datenbank der Polizei. Daher versucht er, der unter falschem Namen lebt, möglichst unauffällig zu agieren, er wechselt oft den Job und wird allerdings auch langsam zum Alkoholiker.

Eines schönen Herbsttages schlürft der heruntergekommene Kikuchi im Park seinen Whisky und wird dabei von einem kleinen Mädchen angesprochen, mit dem er sich kurz, aber lebhaft unterhält, bis der Vater des Mädchens einschreitet. Kurze Zeit später geht im Park eine Bombe hoch. Kikuchi, der weit genug vom Explosionsherd gesessen hat, stürmt los, um das kleine Mädchen zu finden und vergisst dabei ganz seine Whiskyflasche. Seine Fingerabdrücke darauf werden die Polizei später auf seine Spur bringen. Immerhin scheint das ohnmächtige Mädchen bis auf eine Schramme unverletzt. Nachdem Kikuchi es einem Mann anvertraut hat, stürmt er vor der Polizei davon - jedoch nicht ohne sich selbst noch kurz ein Bild von Tatort und einige interessante Beobachtungen gemacht zu haben.

Wenige Stunden später bekommt Kikuchi mehrere unangekündigte Besuche: Da kommen zwei Yakuza vorbei, um ihn zu warnen. Dann ein paar mehr, um ihn zusammen zu schlagen. Und schließlich noch eine junge Frau, die sich als Tochter von Kikuchis Ex-Freundin aus Studentenzeiten vorstellt. Kikuchi muss leider erfahren: Seine Ex ist eines der Todesopfer aus dem Park.

Spätestens jetzt beginnt Kikuchi, selbst zu ermitteln. Dank seiner Kontakte zu Presse, Gangstern und Obdachlosen fügt sich das Puzzle langsam zusammen, was hinter dem Anschlag stecken mag. Zu Gute kommen ihm seine sture Beharrlichkeit und seine kurze Karriere als Boxer.

Iori Fujiwara lässt seinen Helden und Ich-Erzähler immer ein kleines bisschen der Fakten verschweigen, damit dem Leser nicht schon vorab ein Licht aufgeht, wer der Schurke sein könnte. Erst zum großen Showdown kommen alle Einzelheiten auf den Tisch.

Könnte ich an dem Ende noch etwas feilen, hätten dem Bösewicht bei seinem Plan ruhig etwas mehr Fehler passieren dürfen. Die Omnipotenz des Schurken macht die Handlung des Romans leider recht unglaubwürdig. Zudem sind die Beziehungen der Figuren so dicht miteinander verwebt, daß man annehmen müsste, die Handlung findet in einem Dorf und nicht in der Millionenmetropole Tokio statt.

Nichtsdestotrotz: "Der Sonnenschirm des Terroristen" ist ein furioses Lesevergnügen. Es hat selten so Spaß gemacht, einen Roman so zu verschlingen.

Bibliographische Angaben:
Fujiwara, Iori: "Der Sonnenschirm des Terroristen" (Übersetzung aus dem Japanischen: Busson, Katja), Cass Verlag, Löhne 2017, ISBN 978-3-944751-15-3

Samstag, 28. Oktober 2017

Iori Fujiwara

Vorab eine kleine Anmerkung zu Iori Fujiwaras Biographie: Da ich des Japanischen nicht fähig bin und die beste Quelle zu diesem Autor Wikipedia Japan ist, sei unten stehender Text mit Vorsicht zu genießen. Google Translate ist zwar in diesem Fall grundsätzlich ein Segen, aber an manchen Stellen des Wikipedia-Artikels muss man sich den Sinn doch zusammenreimen.

Iori Fujiwara wurde am 17. Februar 1948 als Toshiichi Fujiwara in Osaka geboren. Nach seinem Abschluss der Takatsu Oberschule von Osaka ging er nach Tokio, um dort Romanistik zu studieren. Im Anschluss arbeitete er bei Dentsu.

In den 80ern debütierte er mit dem Werk „Dackelkette“, für das er den Subaru Literaturpreis erhielt. Jedoch stagnierte im Anschluss Iori Fujiwaras schriftstellerische Karriere. Mitte der 90er betrat er mit „Der Sonnenschirm des Terroristen“ erneut die literarische Bühne. Angeblich soll Iori Fujiwara den Roman geschrieben haben, um Spielschulden beim Mahjong mit den Einnahmen des Buches begleichen zu können. Das Kalkül ging auf: Der Autor gewann nicht nur den mit 10 Millionen dotierten Edogawa Rampo-Preis, sondern auch den Naoki-Literaturpreis. 1996 wurde der Roman fürs japanische Fernsehen verfilmt.

Es folgten noch weitere Werke, doch leider starb Iori Fujiwara bereits 2007 59-jährig an Speiseröhrenkrebs.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

"Satoru und das Geheimnis des Glücks" von Hiro Arikawa

Hiro Arikawas Roman "Satoru und das Geheimnis des Glücks" hat in der englischen Übersetzung mit "The travelling cat chronicles" meiner Meinung den etwas passenderen Titel gefunden. Denn obwohl der Roman den Lebensweg von Satoru nachzeichnet, so ist es doch die Katze und viel weniger ein Glücksgeheimnis, was im Fokus steht.

Satoru ist ein ausgemachter Katzenfreund und nimmt eines Tages einen streunenden Kater bei sich auf, dem er den Namen Nana gibt. Wie sich herausstellt, gleicht Nana Satorus verstorbener Katze Hachi sehr, was Satorus starke Affintät zu Nana erklärt.

Aus zunächst noch unklaren Gründen muss Satoru Nana jedoch eines Tages abgeben. Um ein neues Zuhause für den Kater zu finden, besucht Satoru nacheinander seine besten Freunde aus Schulzeiten. Vielleicht nimmt einer von diesen den ehemaligen Streuner bei sich auf. Mit jeder dieser Begegnungen wird ein Teil von Satorus Vergangenheit offenbar und insbesondere, warum die Katze Hachi von so großer Bedeutung für ihn war.

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt. Einerseits werden die Begegnungen und Rückblenden in der dritten Person illustriert. Und andererseits gibt es da noch die feline Ich-Perspektive von Nana, die für eine gewisse kätzische Bissigkeit sorgt. "Satoru und das Geheimnis des Glücks" würde ohne die überheblichen Kommentare und die manchmal auch etwas heimtückischen Aktionen von Nana sonst zu schwer und schwülstig daher kommen. Da sorgt der Kater als Ich-Erzähler für die nötige Leichtigkeit, denn leider war Satorus Leben nicht immer einfach. Trotz allen Rückschlägen verzweifelt er nicht, bleibt fröhlich und seinen Mitmenschen freundlich zugewandt. Was Satorus Glücksgeheimnis ist, wird nicht so recht klar. Aber vielleicht gleicht er in einer Hinsicht den Katzen: Er landet auch nach den diversen Kapriolen, die das Leben für ihn bereit hält, immer wieder auf den Füßen.

"Satoru und das Geheimnis des Glücks" ist sicherlich ein Roman, der ans Herz geht und einem auch das eine oder andere Tränchen ins Auge jagen mag. Stellenweise war's aber vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen und rührselig.

Sehr, sehr schade fand ich, dass der Verlag mit seinem Klappentext bzgl. des Grundes für Satorus Reise spoilert. Und wenn wir schon dabei sind: Nana ist in der Blüte seiner Jahre, als die beiden aufbrechen, und kein alter Kater wie es im Klappentext steht. Manchmal würde ich mir wirklich wünschen, die Verlage würden ein bisschen mehr Sorgfalt auf die Formulierung von Klappentexten legen.

Bibliographische Angaben:
Arikawa, Hiro: "Satoru und das Geheimnis des Glücks" (Übersetzung aus dem Japanischen: Klepper, Alexandra), München 2017, ISBN 978-3-453-42168-4

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Hiro Arikawa

Die Autorin Hiro Arikawa, die am 09.06.1972 in Kochi geboren ist und an der Sonoda Gakuen Frauenuniversität studiert hat, ist primär für ihre Light Novels bekannt. In diesen Werken thematisiert sie gerne die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte oder fiktive militärische Strukturen. 2003 erhielt sie für den ersten Teil der SDF-Trilogie den zehnten Dengeki Literaturpreis.

Hiro Arikawas Roman „Satoru und das Geheimnis des Glücks“ war ein Bestseller in Japan und wurde ins Englische und ins Deutsche übersetzt. Derzeit wird das Werk in Japan verfilmt (Ausstrahlung für 2018 geplant).

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Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Samstag, 30. September 2017

„Die Insel der Freundschaft“ von Durian Sukegawa

Auf „Die Insel der Freundschaft“ verschlägt es drei Hilfsarbeiter. Da ist zunächst der Protagonist Ryosuke, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch sein Leben wieder ordnen muss. Der Rumtreiber Tachikawa hält keinen Job lange durch und hat seinen Aufenthalt auf der Insel einer fixen Idee zu verdanken. Und dann ist da noch die tätowierte und gepiercte Kaoru, die durch ihr krasses Aussehen ihre seelischen Verletzungen übertünchen will.

Die Inselbewohner begegnen den drei Neuankömmlingen jedoch so gar nicht in Freundschaft. Sie werden als Sonderlinge erachtet, die so gar nicht zu dem Inselmilieu passen. So geht der Plan des Dorfvorsitzenden leider nicht auf: Er hatte sich erhofft, die drei würden frischen Wind auf die Insel bringen und einen Ausgleich zur Abwanderung darstellen. Die Gemeinschaft leidet an Überalterung und die Männer finden keine Ehefrauen. Doch Ryosuke, Tachikawa und Kaoru sind nicht die erhofften Heilsbringer. Ryosuke wirkt wie ein Depressiver, der langhaarige Tachikawa wie ein Nichtsnutz und Kaoru taugt nicht zur braven Ehefrau. Nach den Bauarbeiten, bei denen die drei eingesetzt werden, sollen sie möglichst gleich wieder verschwinden.

Doch auch Ryosuke verfolgt mit seiner Tätigkeit auf der Insel noch ein anderes Ziel: Er möchte den Freund und Geschäftspartner seines verstorbenen Vaters ausfindig machen und ihm etwas übergeben, was er ganz tief in seinem Rucksack versteckt hat. Als Ryosuke den unerfüllten Lebenstraum seines Vaters auf der Insel gar umsetzen mag, gerät er mit den Traditionen der Bevölkerung in Konflikt. Ryosuke kämpft bald gegen Windmühlen, will er doch unter keinen Umständen wie sein Vater versagen.

Durian Sukegawas „Insel der Freundschaft" reißt gleich viele Themen an: Da ist z.B. der Themenkomplex der Landflucht. Dann der Widerstreit von archaischen Traditionen mit Werten der Moderne. Das Dilemma, dem tierliebe Fleischesser ausgesetzt sind. Selbstmordgedanken, Versagensängste, unbedingtes Erfolgsstreben, Depression. Zudem kommt noch die verzwickte Familiensituation von Ryosuke dazu. Alles in allem waren mir im Roman dadurch zu viele Themenkomplexe angerissen, die nicht weiter oder nicht konsequent genug verfolgt wurden. So wird dem Leser z.B. die komplizierte Gefühlslage des Protagonisten nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt. Am Ende bleiben jedenfalls sehr viele Fragen offen, was den Roman leider irgendwie unausgegoren wirken lässt.

Bibliographische Angaben:
Sukegawa, Durian: „Insel der Freundschaft“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Steggewentz, Luise), Dumont, Köln 2017, ISBN 978-3-8321-9861-9

Samstag, 15. April 2017

„Geständnisse“ von Kanae Minato

Wer die Schuld am Tod von Manami, der vierjährigen Tochter der Lehrerin Yuko Moriguchi, trägt, wird schon im ersten Kapitel von Kanae Minatos „Geständnisse“ aufgedeckt. Aus der Ich-Perspektive erzählt die trauernde Lehrerin am letzten Schultag vor ihrer versammelten Klasse, wie sie den beiden Schülern, die für den Mord, der ursprünglich für einen Unfall gehalten wurde, auf die Schliche kam. Sie hat sich eine Rache abseits einer Anzeige bei der Polizei ausgedacht und zählt zudem auf die Mitschüler, die beschließen, nichts nach außen dringen zu lassen und die Bestrafung der Täter selbst in die Hand zu nehmen. Yuko Moriguchi wird nach den Ferien nicht zurückkehren – sie hat ihre Kündigung eingereicht.

Die beiden Täter reagieren am ersten Schultag nach den Ferien ganz unterschiedlich: Shuya kommt in seine Klasse, als sei nichts gewesen. Naoki bleibt zu Hause und meldet sich immer wieder krank. Der neue Klassenlehrer Terada wird in eine Situation hineingeworfen, von der er sich keine Vorstellung machen kann. Denn die beiden Mörder werden jeweils auf ihre Weise von den Mitschülern abgestraft. Und Terada verhält sich dabei wie der Elefant im Porzellanladen.

Jedes der Kapitel ist aus einer anderen Perspektive geschildert. Nach dem ersten Kapitel, das der trauernden Mutter und Lehrerin gewidmet ist, folgen die Klassensprecherin, Naokis Schwester bzw. dessen Mutter, Naoki selbst, Shuya und einer weiteren Person. Auch wenn die Täter bereits im ersten Kapitel feststehen, erhält „Geständnisse“ seinen Reiz durch die vielen Perspektiven, die die wahren Motivationen der Charaktere aufdecken. Denn manches ist hintergründiger als auf den ersten Blick ersichtlich. Kanae Minato spricht in ihrem Roman zudem diverse gesellschaftliche Schieflagen an: vom Phänomen des Hikikomori, vom Mobbing an Schulen, von fehlgeleiteter Mutterliebe, von der Diskriminierung von HIV-Infizierten und natürlich Gewaltakten von Schülern.

Trotz alledem war mir „Geständnisse“ ein bisschen zu konstruiert und an manchen Stellen waren mir die Motivationen und Handlungen der Charaktere nicht wirklich plausibel bzw. zu überzeichnet. Aber sicherlich ist der Roman vom Aufbau und der moralischen Komponente durchaus mal eine interessante Abwechslung zu anderen Krimis.

Bibliographische Angaben:
Minato, Kanae: „Geständnisse“ (Übersetzung aus dem Englischen: Lohmann, Sabine), C.Bertelsmann, München 2017, ISBN 978-3-570-10290-9

Freitag, 14. April 2017

Kanae Minato

Kanae Minato
Fotocredit:
© Ayako Shimobayashi
Die Krimi-Autorin Kanae Minato wurde 1973 in Innoshima/Hiroshima geboren. Zunächst war sie Lehrerin für Hauswirtschaft und schließlich Hausfrau. In ihren 30er debütierte sie mit dem Roman „Geständnisse“, der direkt zum Bestseller wurde (zwischenzeitlich insgesamt mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare) und 2009 mit dem Preis der japanischen Buchhändler ausgezeichnet wurde. 2015 wurde das Werk mit dem US-amerikanischen Alex Award prämiert und bereits 2010 verfilmt. „Geständnisse“ wird gerne mit dem Roman „Gone Girl“ von Gillian Flynn verglichen.

Mehr als zehn weitere Romane von Kanae Minato sind derzeit in Japan erschienen. Zudem veröffentlichte die Autorin Bände mit Kurzgeschichten.

Kanae Minato gibt an, in ihrer Jugend unter anderem Fan von japanischen Krimi-Autoren wie Edogawa Rampo, Keigo Higashino und Miyuki Miyabe gewesen zu sein. Sie gilt als Königin des Iyamisu, eines Krimi-Genres, das die dunkle Seite der Menschen beleuchtet und den Lesern einen Schauer über den Körper jagt.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Samstag, 18. März 2017

„Zärtliche Klagen“ von Yoko Ogawa

Von den bisher erschienenen Yoko Ogawa-Werken hat mich „Zärtliche Klagen“ am wenigsten überzeugt. Hier hätten wir eine mäßig sympathische Protagonistin namens Ruriko, die als betrogene und geschlagene Ehefrau vor ihrem Ehemann in ein Landhaus flieht. Vor Ort trifft sie auf den Cembalobauer Nitta, der gemeinsam mit seiner Assistentin Kaoru dem Instrumentenbau nachgeht. 

Ruriko fühlt sich von Nitta angezogen und auch er findet Gefallen an Ruriko. Doch das Beziehungsgefüge ist komplex: Nitta und Kaoru bilden bei ihrer Tätigkeit eine solide Einheit. Sie sind wie Zahnräder, die ineinander greifen, und keine Einmischung eines Dritten dulden. So fühlt sich Ruriko aus der Welt des Cembalos ausgeschlossen und wird gegenüber von Kaoru eifersüchtig. Doch auch Kaoru hat Probleme, die aus tragischen Geschehnissen aus der Vergangenheit resultieren. Nitta wiederum hat an seiner gescheiterten Karriere als Pianist zu knabbern.

Die Figur der Ruriko war für mich recht irrational in ihren Handlungen und daher bin ich wohl auch mit dem Roman nicht richtig warm geworden. Und auch Nitta handelt inkonsequent bis geradezu abwegig. Da waren mir Kaoru und die dickleibige Wirtin einer nahegelegenen Pension noch die liebsten Charaktere.

Ein bisschen ratlos lässt mich der Roman auch mit seiner Botschaft zurück. Ist er ein Plädoyer für die zweite Chance (Ruriko lässt ihr Leben als Ehefrau hinter sich und beginnt nochmals neu/Nitta erfindet sich als Cembalobauer neu, nachdem er als Pianist gescheitert ist/Kaoru findet vielleicht die zweite große Liebe)? Oder soll er aufzeigen, welch verschlungene Wege die Liebe geht? Oder geht es um die schönen Künste, die die Herzen der Menschen öffnen können?

Während andere Yoko Ogawa Werke mich regelrecht in ihren Bann geschlagen haben, so hab ich mich diesmal zwar nicht durchs Buch gequält, aber die Faszination ist ausgeblieben. Wollen wir hoffen, dass die nächste Veröffentlichung wieder mehr begeistern kann…

Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Zärtliche Klagen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind Verlag, München 2017, ISBN 978-395438-073-2

Mittwoch, 18. Januar 2017

„Musashimaru“ von Choukitsu Kurumatani

Choukitsu Kurumatanis „Musashimaru“ ist ein schmales Bändchen von insgesamt 60 Seiten. Abzüglich der sieben Illustrationen von Inka Grebner und des ausführlichen Nachworts kommt die Erzählung selbst nicht mal auf 30 Seiten. Bei einem Preis von stolzen 18 Euro ist das Büchlein daher sicherlich eher etwas für Liebhaber japanischer Literatur und der Grafiken von Inka Grebner (hier geht's zur Homepage der Illustratorin mit einem Vorgeschmack auf ihre Werke in der Veröffentlichung).

Doch nun zur Handlung… Auch wenn es in unserem Kulturraum eher abwegig klingt: In Japan werden Käfer auch mal als Haustiere gehalten. Choukitsu Kurumatani erzählt über seinen Nashornkäfer namens - in Anlehnung an einen berühmten Sumo-Ringer - Musashimaru, den der Autor zusammen mit seiner Ehefrau Junko im Jahr 1999 hielt. Doch eigentlich fungiert der Käfer eher als ein Platzhalter für das Kind, das das ältere Ehepaar nie gehabt hat und nicht mehr haben wird. So wird Musashimaru geradezu verwöhnt. Zärtlich wird er von Junko Musa-chan genannt. Für Musashimarus Leibspeisen wird dann auch schon mal tiefer in die Tasche gegriffen. Als es Herbst wird, wird peinlich darauf geachtet, dass es Musashimaru auch immer schön warm hat.

Letzteres hat aber auch noch eine weitere Bewandtnis: Des Nashornkäfers Lebenszeit ist auf eine Saison begrenzt – im Herbst wird er unaufhaltsam das Zeitliche segnen. Dennoch versucht Choukitsu alles Erdenkliche, um weitere Lebenstage heraus zu schinden. Doch schließlich kommt es, wie es kommen muss…

Choukitsu Kurumatani erhielt für „Musashimaru“ den Kawabata-Preis. Er gibt an, dass er aus Trauer über den Selbstmord seines Universitätsdozenten Jun Eto die Erzählung geschrieben habe. Das Ehepaar Eto war ebenso kinderlos wie Choukitsu Kurumatani und Junko Takahashi. Nach dem Tod der Ehefrau nahm sich Jun Eto das Leben – man mag spekulieren, dass dies ggf. nicht eingetreten wäre, hätte das Ehepaar Kinder gehabt. Oder zumindest ein Haustier mit längerer Lebenszeit als ein Nashornkäfer?

Bibliographische Angaben:
Kurumatani, Choukitsu: „Musashimaru“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Cassing, Katja), Cass, Löhne 2016, ISBN 978-3-944751-11-5 

Dienstag, 17. Januar 2017

„Blutroter Tod“ von Tetsuya Honda

Gleich zu Beginn von Tetsuya Hondas „Blutroter Tod“ lernt der Leser den Schurken des Romans aus der Ich-Perspektive kennen: Der Täter bringt im Alter eines Schülers seinen drogensüchtigen, gewalttätigen Vater und seine ebenfalls drogensüchtige Mutter um. Sonst ist die Welt des Mörders grau in grau – erst als das Blut der Eltern fließt, nimmt er das fantastische Rot wahr. Der Grundstein für das kommende Blutvergießen ist gelegt…

Eines Tages wird Reiko Himekawa, Hauptkommissarin bei der Mordkommission von Tokio, zu einem Tatort gerufen. Am Rande eines Sees wurde eine Leiche abgeladen. Sie ist von Wunden übersät. Es scheint so, als sei das Opfer gefoltert worden, bevor ein Schnitt durch die Kehle das Leben des Mannes beendet hat. Was sich die Ermittler allerdings nicht erklären können: Warum wurde dem Opfer post mortem der Bauch aufgeschlitzt? Und warum wurde die Leiche an einer Stelle abgelegt, an der man den Toten sofort auffinden würde? Insbesondere da die der Tote recht professionell in eine Plastikplane eingewickelt wurde, was eher darauf schließen lassen würde, dass die Leiche dazu angedacht war, in der Versenkung zu verschwinden.

Bald kann das Opfer identifiziert werden. Es ist ein Sales-Manager einer Leasingfirma für Büromaterial. Nichts außer enormem Fleiß ist ungewöhnlich an dem Mann oder lässt auf kriminelle Verbindungen schließen. Fast stecken die Ermittler in einer Sackgasse.

Als Reiko Himekawa jedoch den Tatort nochmals inspiziert, kombiniert sie den ungewöhnlichen Tod eines jungen Mannes mit ihrem aktuellen Fall. Sie kommt zu dem Schluss: Auf dem Grund des Sees müssen noch mehr Leichen liegen. Auch wenn sie ihren Ruf aufs Spiel setzt, initiiert sie einen Tauchereinsatz, um den See abzusuchen. Und tatsächlich: Eine weitere Leiche wird entdeckt.

Doch das Team steht nun vor einer neuen Herausforderung: Zwischen dem ersten und dem zweiten Toten lässt sich erstmal keinerlei Verbindung herstellen. Schließlich kommt doch noch ein entscheidender Tipp aus dem Umfeld des zweiten Toten, der einen Ermittler aus Reiko Himekawas Team zu einem gefährlichen Alleingang veranlasst…

Auch wenn der Leser schon eine vage Ahnung von dem Mörder bekommt, sind die wahren Verquickungen erst am Ende des Romans geklärt, was für genügend Spannung sorgt. Das einzige, was mich etwas gestört hat, war die Darstellung der Reiko Himekawa. Im Klappentext wird sie als cool, tough, clever und als „beste Ermittlerin der Mordkommission“ angekündigt. Doch sie wirkt recht verletzlich in der Männerdomäne der meist älteren, männlichen Ermittler. Ein einschneidendes Erlebnis in der Jugend von Reiko Himekawa hat sie veranlasst, zur Polizei zu gehen. Allerdings ist dies ein großer Angriffspunkt für Reikos Erzrivalen, den rücksichtslosen Katsumata. Diesem gelingt es immer wieder, Reiko aus der Fassung zu bringen. Schließlich konkurrieren beide, wer den Fall schneller löst. Während Katsumata Fakten sammelt, verlässt sich Reiko auf ihr Bauchgefühl. Die letzte Eingebung Reikos gegen Ende des Romans war mir etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen.

Insbesondere die Figur des Streifenpolizists Ioka hat für ein bisschen Amüsement gesorgt. Der Kerl ist Reiko besonders unangenehm, wird aber ausgerechnet ihr als Partner zugeteilt. Auch wenn er zunächst mit seinen Annäherungsversuchen einfach nur nervt, so zeigt sich doch, dass er ein großes Herz hat und sogar Reikos Leben retten kann. Schade, dass in einem Roman um eine Frau, gerade die männlichen Charaktere überzeugen…

Im Dezember 2017 veröffentlicht der Fischer Verlag voraussichtlich den zweiten Teil der Reiko Himekawa-Serie, der bisher nur mit dem englischsprachigen Titel „Soul Cage“ angekündigt wurde. Sicherlich wird’s dann auch wieder spannend – und ich hoffe, dass Ioka wieder mit von der Partie sein wird!

Bibliographische Angaben:
Honda, Tetsuya: „Blutroter Tod“ (Übersetzung aus dem Englischen: Gabler, Irmengard), Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-596-03666-0

Montag, 16. Januar 2017

Tetsuya Honda

Tetsuya Honda wurde 1969 in Tokio geboren und studierte Volkswirtschaft. Bis zu seinem 30. Lebensjahr spielte er in einer Rockband. Da sich kein musikalischer Erfolg einstellte, widmete er sich nach einem Volontariat dem Schreiben. Tetsuya Honda debütierte mit einer Horrorgeschichte, wechselte aber dann zum Krimi.

Seine Romanserie in acht Bänden um die Ermittlerin Reiko Himekawa erreichte in Japan eine Auflagenhöhe von über vier Millionen. Zudem wurde der Stoff für TV und Kino verfilmt. Tetsuya Honda gibt an, dass ihm eine Figur aus der Verfilmung von The Ring" als Vorbild für den Charakter der Reiko Himekawa gedient habe.

Interessante Links:

Hier rezensiert:

Sonntag, 15. Januar 2017

„akzentfrei“ von Yoko Tawada

In „akzentfrei“ versammelt Yoko Tawada 14 Essays, die den drei Kapiteln „In einem neuen Land“, „Nicht vergangen“ und „Französischer Nachtisch“ zugeordnet sind. Natürlich geht es in den Essays auch wieder um Kulturen – und Yoko Tawada taktet demnach auch mit einer besonderen Kultur auf; nämlich der Joghurtkultur. Und schon ist sie bei Europa und dem beliebten Thema Laktoseintoleranz:

„Europa trinkt Milch und erbricht nicht: Das war meine Definiton von Europa bis vor Kurzem.“ (S. 12)

In einem Band mit dem Namen „akzentfrei“ muss es freilich auch um den Akzent gehen. Jedoch wird Freiheit vom Akzent im Essay „Akzent“ eher nicht thematisiert. Vielmehr erhält der Akzent eine poetische und vor allem lebendige Definition:

„Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache. Seine Augen glänzen wie der Baikalsee oder wie das Schwarze Meer oder wie ein anderes Wasser, je nachdem, wer gerade spricht.“ (S. 22)

So singt Yoko Tawada ein Loblied auf den Akzent – die Freiheit davon ist da doch lieber gar nicht anzustreben.

In „Ein ungeladener Gast“ wirft die Autorin die für Muttersprachler irritierende Frage auf, warum der Singular einen eigenen Artikel verdient hat, aber jede zweite, dritte, vierte Sache sich mit demselben Artikel im Plural begnügen soll. Aber wo sie recht hat...

„Die unsichtbare Mauer“ schneidet in Zeiten eines Donald Trumps ein besonders aktuelles Thema an:

„Auf unserem wasserblauen Planeten werden immer wieder neue Mauern gebaut. Wo eine Mauer steht, ist das Leben auf beiden Seiten bedroht. Wo keine Mauer mehr steht, müssen wir gegen die eigene Wahnvorstellung kämpfen, dass die anderen, die keinen Kaugummi besitzen, rüberkommen könnten, um uns diese Luxusware wegzunehmen.“ (S. 72)

Wortakrobatik, Fremdsein, Fremdsprachen, Fukushima, Weinen, Knut, Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss sind einige der vielfältigen Themen, die Yoko Tawada in „akzentfrei“ beleuchtet. Wie immer hat der konkursbuch Verlag auch das schmale Bändchen mit liebevollen Gestaltungselementen versehen. Und wie immer ist auch diese Yoko Tawada-Veröffentlichung ein Lesegenuss. Manchmal muss man schmunzeln, manches fällt dem Muttersprachler wie Schuppen von den Augen, aber immer wieder ist Überraschung angesagt, welche Entdeckungen Yoko Tawada im (vermeintlich) Alltäglichen tätigt.

Bibliographische Angaben:
Tawada, Yoko: „akzentfrei“, konkursbuch, Tübingen 2016, ISBN 978-3-88769-557-6

Freitag, 13. Januar 2017

„Matjes mit Wasabi“ von Andreas Neuenkirchen & Junko Katayama

In „Matjes mit Wasabi“ lässt das Ehepaar Andreas Neuenkirchen und Junko Katayama deutsch-japanische Erfahrungen Revue passieren: Wie wird in Japan Müll sortiert und welche Fehler begeht Andreas Neuenkirchen dabei? Werden in Deutschland wirklich täglich die Fenster geputzt? Wie lebt es sich für Junko Katayama in München mit dem extrem kalkhaltigen Leitungswasser? Welche Vorurteile hat Junko Katayama von dem typischen Deutschen? Warum haben Junko Katayamas Eltern Angst davor, in Deutschland Essen zu gehen? Und wie steht’s überhaupt um die Essgewohnheiten?

„Matjes mit Wasabi“ ist recht locker-flockig niedergeschrieben und lässt sich dementsprechend schnell konsumieren. Ich hätte mir bei dem durchaus interessanten Thema des Aufeinandertreffens der unterschiedlichen Kulturen durch die Brille eines Ehepaars allerdings etwas mehr erwartet. An manchen Stellen wirkt das Buch wie eine Aneinanderreihung von beliebigen Anekdoten mit, aber auch ohne Japan-Bezug. Der geneigte Leser erfährt z.B. ausführlich, warum Andreas Neuenkirchen Vegetarier ist, doch trägt das so gut wie nichts zum Thema bei.

Vor der Lektüre von „Matjes mit Wasabi“ hatte ich mir das Konzept des Buches eher als ein Wechselspiel im Sinne eines „Er sagt, sie sagt“ vorgestellt. In einigen wenigen Fällen erfüllt sich das zwar, aber mit einer etwas durchgängigeren Gestaltung hätte ich dem Werk mehr abringen können. Ohne die Seiten exakt ausgezählt zu haben, wirkt „Matjes mit Wasabi“ dominiert von der männlichen, deutschen Sicht von Andreas Neuenkirchen, während dem weiblichen, japanischen Blickwinkel weniger Platz eingeräumt wird.

Sicherlich ist „Matjes mit Wasabi“ ein humorvolles Buch, das aber dem eigenen Anspruch der Beschreibung einer „Cluture-Clash-Liebe“ meiner Meinung nicht ganz gerecht wird. Natürlich kann man „Matjes mit Wasabi“ nicht mit den Werken einer Yoko Tawada vergleichen. Aber schließlich und endlich liegt die Latte durch solche Ausnahmeautorinnen bzgl. sämtlicher „ethnologischer“ Betrachtungen enorm weit oben und es bleibt nicht aus, dass man daran gemessen wird. Wer sich allerdings für die Person des Autors Andreas Neuenkirchen begeistern kann, für den wird „Matjes mit Wasabi“ im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen sein.

Bibliographische Angaben:
Neuenkirchen, Andreas & Katayama, Junko: „Matjes mit Wasabi“, Conbook, Meerbusch 2016, ISBN 978-3-95889-116-6

Donnerstag, 12. Januar 2017

Junko Katayama

Leider ist über Junko Katayama nicht mehr zu erfahren, als die Inhalte des Klappentexts von „Matjes mit Wasabi“ hergeben. Junko Katayama wurde in der Präfektur Kanagawa geboren, wuchs in Tokio auf und studierte in Australien. Nach ihrer Rückkehr nach Japan arbeitete sie unter anderem bei Reebok und Coca Cola.

Im Jahr 2010 lernte sie den deutschen Autor Andreas Neuenkirchen kennen; drei Jahre später heiratete das Paar. Zeitweise lebten die beiden in München. Seit 2016 wohnen sie gemeinsam mit ihrer Tochter in Tokio.

Auf die Initiative von Andreas Neuenkirchen entstand „Matjes mit Wasabi“, dessen weibliche und japanische Sichtweise von Junko Katayama übernommen wird.

Interessante Links:
  • Offizielle Homepage von „Matjes mit Wasabi“

Auf Deutsch erhältliche Werke in Co-Autorenschaft:

Mittwoch, 11. Januar 2017

„Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami

Mit „Von Beruf Schriftsteller“ gewährt Haruki Murakami seinen Fans einen mehr als interessanten Einblick in seine Schreibwerkstatt. Darüber hinaus erfährt der Leser auch mehr über die Person des Haruki Murakami; wie der Autor denn generell so tickt:

„Man unterteilt Menschen ja manchmal in Hunde- und Katzentypen. Ich halte mich vornehmlich für einen Katzencharakter. Sobald mir jemand sagt, ich solle nach links gehen, gehe ich nach rechts und umgekehrt. Mitunter schäme ich mich etwas dafür, aber es ist im Guten wie im Schlechten meine Natur.“ (S. 154)

Aber zurück zum Thema Literatur à la Haruki Murakami. Wer sich schon etwas mit dem Autor beschäftigt hat, der weiß, dass ihm die Idee, einen Roman zu schreiben, mehr oder weniger spontan während eines Baseballspiels im Jahre 1978 kam. Daraufhin entstanden seine „Küchentisch-Romane“ „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“, die er am Feierabend, nach Schließung seiner Jazz-Bar, am heimischen Küchentisch schrieb. Für Haruki Murakami bedeutet dies, schriftstellerisch tätig zu sein:

„Ein Schriftsteller erzählt Geschichten. Das ist die Basis. Und Geschichten zu erzählen bedeutet mit anderen Worten, in die unteren Schichten des Bewusstseins vorzudringen. Auf den Grund der Dunkelheit des Herzens. Je größer die Geschichte ist, die ein Autor erzählen will, desto tiefer muss er hinabsteigen. Es ist nichts anderes, als wenn man ein großes Gebäude bauen will und für das Fundament einen sehr tiefen Keller ausheben muss. Und je dichter er die Geschichte erzählen will, desto massiver und beklemmender wird die Dunkelheit in diesem Keller.“ (S. 135)

Da muss man doch direkt an die Handlung von „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ denken oder das Motiv des Brunnens z.B. in „Mister Aufziehvogel“.

Laut Haruki Murakami zeichnet einen langfristig erfolgreichen Autor vor allem seine Beharrlichkeit aus. Ein schriftstellerisches Talent kann direkt an der Oberfläche liegen oder tief vergraben – und wie bei Haruki Murakami selbst erst durch eine plötzliche Eingebung zu Tage treten. Zudem muss ein Schriftsteller Material sammeln, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen, um sich ein inneres Archiv anzulegen:

„Die Welt mag langweilig wirken, doch in Wirklichkeit wimmelt es auf ihr von magischen, geheimnisvollen Rohdiamanten, die darauf warten, geschliffen zu werden. Schriftsteller sind Menschen, die einen besonderen Blick dafür haben, sie zu finden. Und das Wunderbare ist, sie sind kostenlos. Man braucht nur scharfe Augen, dann hat man die freie Wahl und kann so viele von diesen Kostbarkeiten aufsammeln, wie man nur will.“ (S. 100)

Geht es ans konkrete Schreiben, so zieht Haruki Murakami Parallelen zum Jazz: Der Rhythmik des Werks kommt besondere Bedeutung zu. Zudem sind außergewöhnliche Charaktere unentbehrlich. Der Autor muss sich für die einzelnen Etappen genügend Zeit nehmen – für die Vorbereitung, das Schreiben und vor allem die Überarbeitung. Zudem aber auch Zeit, um körperlich fit zu bleiben (dazu lohnt sich sicherlich auch die Lektüre von „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“).

Ein bisschen fühlt man sich auch an Niklas Luhmanns Systemtheorie erinnert, wenn Haruki Murakami schreibt:

„Schöpfer der Figuren ist natürlich der Autor, aber wirklich lebendige Figuren trennen sich an einem gewissen Punkt von ihrem Autor und beginnen eigenständig zu agieren.“ (S. 179)

So komponiert sich der Roman quasi selbst, der Autor formuliert nur noch die Handlung aus. Haruki Murakami bringt als Beispiel, dass „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ursprünglich gar nicht als Roman angedacht war. Doch die Figur der Sara Kimoto habe den Impuls gegeben, dass die Handlung weiter geführt werden müsse. Oder aber auch, dass Aomame in „1Q84“ den Autor quasi beim Schreiben permanent angetrieben habe.

Wie eingangs schon erwähnt: Für Fans bietet „Von Beruf Schriftsteller“ die einmalige Gelegenheit, Haruki Murakami quasi über die Schulter zu schauen. Wer dessen Werke allerdings nicht kennt oder sich ausführliche Tipps im Sinne von Schreibanleitungen verspricht, der sollte lieber zu einem anderen Buch greifen.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Von Beruf Schriftsteller“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2016, ISBN 978-3-8321-9843-5