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Dienstag, 31. Dezember 2013

„Ausgestoßen“ von Toson Shimazaki

Ushimatsu ist ein Eta, ein Burakumin, ein Ausgestoßener, ein „Unreiner“, ein „Neubürger“, ein „Vierfüßler“ – doch das darf in dem Städtchen Iiyama keiner wissen. Denn sonst ist es aus mit Ushimatsus Leben als Lehrer. Ushimatsu beherzigt das Versprechen, das er einst seinem Vater gab: Er wird seine Abstammung tunlichst verschweigen, denn sonst wird er wie die anderen Burakumin aus der Gesellschaft ausgestoßen.

Doch da ist auch noch eine andere Vaterfigur: Der Burakumin Inoko kämpft gegen die Diskriminierung der Eta an; er schreibt Bücher, hält flammende Reden und versteckt sich kein bisschen. Ushimatsu beginnt mit sich zu hadern, denn er leidet unter dem ständigen Versteckspiel und der Angst vor Entdeckung. Soll er sich zu seiner Abstammung bekennen oder dem Rat seines Vaters folgen?

Doch in der Kleinstadt Iiyama beginnen ohnehin bald Gerüchte zu kreisen, dass sich unter den Lehrern ein Unreiner eingeschlichen hat. Dem intriganten Schuldirektor kommt diese Entwicklung gerade gelegen… Gut, dass Ushimatsu sein bester Freund stets zur Seite steht…

„Ausgestoßen“ von Toson Shimazaki gilt als erster naturalistischer Roman Japans und hat eher dadurch besonders viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen als durch das sozialkritische Thema der Ausgrenzung der Burakumin. Jürgen Berndt beschreibt in seinem Nachwort auch ausführlich die Entstehungsgeschichte des Romans. So schrieb Toson Shimazaki bereits vorher zu Übungszwecken Umgebungsbeschreibungen, die später in „Ausgestoßen“ eingeflochten wurden. Überhaupt lehnt sich die ganze Struktur des Romans an Dostojewskis „Schuld und Sühne“ an. Die „Bekenntnisse“ des Inoko wiederum mögen auf Rousseaus „Bekenntnisse“ verweisen, die von besonderer Bedeutung für Toson Shimazaki waren. Vor diesem Hintergrund wirkt „Ausgestoßen“ noch etwas spannender, denn obwohl die Geschichte durchaus mitreißt, ist mir das Ende zu abrupt und zu lapidar.

Bibliographische Angaben:
Shimazaki, Toson: „Ausgestoßen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Aufbau Verlag, Berlin/Weimar 1989, ISBN 3-351-01496-1

Montag, 30. Dezember 2013

Toson Shimazaki

Toson Shimazaki
(Creative Commons Lizenz)
Toson Shimazaki wurde 1872 als Haruki Shimazaki in eine alteingesessene Familie des Dorfes Magome in der Präfektur Gifu hineingeboren. Im Alter von neun Jahren wurde er auf Wunsch seines Großvaters nach Tokio geschickt, um dort die Schule zu besuchen. Er studierte an der Meiji Gakuin und unterrichtete nach seinem Abschluss im Jahr 1891 Englisch an der Meiji Frauenschule.

Unter anderem zusammen mit Tokoku Kitamura gründete er den Literaturzirkel Bungakukai. Der Selbstmord Tokuku Kitamuras im Jahr 1894 traf Toson Shimazaki wie ein Schock und hatte Auswirkungen auf Toson Shimazakis künftige Werke.

1987 veröffentlichte Toson Shimazaki seinen ersten Gedichtband „Wakanashu“, während er in Sendai am Tohoku Gakuin angestellt war. Sein erster Roman „Ausgestoßen“ wurde  1906 veröffentlicht. „Ausgestoßen“ entwickelte sich zu einem hoch gelobten Kassenschlager, unter anderem da es sich um den ersten japanischen naturalistischen Roman handelte.

Mit seinem vierten Roman „Neues Leben“ löste Toson Shimazaki einen Skandal aus: In dem biographischen Werk beschreibt er seine sexuelle Beziehung zu seiner Nichte Komako. Komakos Vater, der zugleich Toson Shimazakis Bruder war, verschleierte die Affäre – zumindest bis Komako schwanger wurde. Toson Shimazaki flüchtete sich daraufhin nach Frankreich.

Nach seiner Rückkehr unterrichtete er an der Waseda Universität. 1935 mitbegründete er den japanischen Zweig des PEN-Clubs.

1943 starb Toson Shimazaki an einer Gehirnblutung.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Freitag, 27. Dezember 2013

„Der Samurai“ von Shusaku Endo

Shusaku Endos Roman „Der Samurai“ basiert auf geschichtlichen Tatsachen: 1613 wurden Gesandte, darunter der Samurai Rokuemon Hasekura, als Botschafter Japans nach Mexiko geschickt, um Handelsbeziehungen mit den von Spanien regierten Ländern aufzunehmen. „Der Samurai“ lehnt sich jedoch nur an diese historischen Hintergründe an; Shusaku Endo schreibt seine eigene Geschichte rund um den Samurai Rokuemon Hasekura.

So trifft ihn das Los, an dieser Mission teilzunehmen, recht unvermittelt. Er legt keinerlei Wert auf Ruhm oder Weltentdeckung. Vielmehr würde er sehr viel lieber in seinem Tal bleiben und das harte Leben der Bauern teilen. Doch die Entscheidung des Fürsten ist nicht anfechtbar – Rokuemon muss sein Tal und seine Familie auf unbestimmte Zeit verlassen und in die weite, unbekannte Welt hinaussegeln.

Begleitet wird die Mission vom Franziskanermönch Velasco, dem der Sinn nach etwas ganz anderem als der Aufnahme von Handelsbeziehungen steht. Er will die Christianisierung Japans vorantreiben, um sich schließlich die Bischofswürde zu sichern. So beginnt er, ein falsches Spiel zu treiben und die Gesandtschaft für seine Zwecke zu missbrauchen. Die Japaner, die weder vertraut mit dem Spanischen noch mit den Eigenarten der katholischen Welt sind, sind für Velasco nur allzu leicht zu manipulieren. Von Mexiko aus lockt er die Gesanten weiter nach Europa. Da für die Japaner nur die Erfüllung ihres Auftrags zählt, lassen sie sich auf die lange Schiffsreise nach Europa ein – und treten schließlich sogar zum katholischen Glauben über.

[Achtung: Spoiler!] Dass die Mission der Samurai nicht vom Erfolg gekrönt sein wird, geht bereits aus dem historischen Kontext hervor. Denn während der Abwesenheit der Gesandten, ändert sich das politische und religiöse Klima in Japan. Christen werden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit verfolgt; die Machthaber sind an Handelsbeziehungen mit Spanien nicht mehr interessiert. So sind nicht nur alle Entbehrungen der Gesandten für die Katz; sie geraten nach ihrer Rückkehr gar zwischen die Mühlen des Politapparats.

Da auch der Klappentext die Erfolglosigkeit der Gesandtschaft vorweg nimmt, liest sich „Der Samurai“ nur mäßig spannend. Besonders der Charakter des heimtückischen Missionars Velasco wird durch Passagen als Ich-Erzählung herausgearbeitet. Der Samurai Rokuemon Hasekura bleibt dagegen recht farblos, was schade ist, da der Titel des Romans ihn als Hauptfigur benennt.

Shusaku Endo, selbst Katholik, spart jedoch auch nicht an Kritik an der institutionalisierten katholischen Kirche. Diese hat sich viel zu weit um Ursprung entfernt und pflegt ihre Organisation in ihrer Struktur und Repräsentation mehr, als sich um die praktische Seelsorge zu kümmern. Daher sei „Der Samurai“ besonders den Lesern ans Herz gelegt, die sich für den Autor Shusaku Endo und sein Verhältnis zum katholischen Glauben interessieren.

Bibliographische Angaben:
Endo, Shusaku: „Der Samurai“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Berndt, Jürgen), Franz Schneekluth Verlag, München 1987, ISBN 3-7951-0892-6

Sonntag, 15. Dezember 2013

„The Ring III – Loop“ von Koji Suzuki

Kaoru ist ein Knirps mit beachtlichen Fähigkeiten. Er ist so intelligent, dass er sogar mit seinem Vater, einem Professor der Naturwissenschaften, fachliche Gespräche führen kann, bei denen die Mutter nicht mehr mitkommt. Das Familienleben der drei gestaltet sich sehr harmonisch. Dennoch hat Kaoru seit jeher das unheimliche Gefühl, von einer fremden Gewalt beobachtet zu werden. Bald wird die Idylle jedoch umso stärker bedroht: Eine ansteckende und besonders aggressive Krebsart breitet sich mit enormer Geschwindigkeit aus. Kaorus Vater ist auch betroffen, Kaorus Mutter beginnt in ihrer Verzweiflung immer wildere Theorien über die Bekämpfung des Krebses zu stricken.

Als Kaoru, zwischenzeitlich ein junger Mann und Medizinstudent, seinen Vater im Krankenhaus besucht, lernt er die schöne, verwitwete Reiko kennen, deren Sohn ebenfalls Krebspatient ist. Kaoru verliebt sich in die zehn Jahre ältere Frau.

Nach einem tragischen Zwischenfall beschließt Kaoru, in die USA zu reisen, um dem Geheimnis um die Entstehung des Krebses auf den Grund zu gehen. Das Ziel sind die Four Corners, die Stelle, an der die Staaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aufeinander treffen. Denn diese Gegend scheint nicht nur unter physikalischen Gesichtspunkten außerordentlich, auch die indianischen Mythen scheinen auf eine Lösung des Rätsels an diesem Ort hinzuweisen. Zudem hatte sein Vater an einem Geheimprojekt, das in den Four Corners angesiedelt war, über die Entstehung des Lebens geforscht.

Erst in der zweiten Hälfte des Romans von Koji Suzuki klärt sich, wie sich das Werk zu den beiden älteren „The Ring“-Teilen verortet. Zwar nimmt „The Ring III – Loop“ gegen Ende ein bisschen Fahrt auf, aber im Grunde ist der dritte Teil weitgehend spannungslos. Die Handlung ist immer noch recht abstrus, wenn auch nicht ganz so hanebüchen wie in „The Ring II – Spiral“. Immerhin wartet der Roman mit einer wahrlich sehr verblüffenden Wendung der Geschehnisse auf.

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „The Ring III – Loop“ (Übersetzung aus dem Englischen: Ruhl, Kristiana), Heyne, München 2004, 3-453-87805-1

Montag, 9. Dezember 2013

„Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ von Shichiro Fukazawa

Um die „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ von Shichiro Fukazawa hätte ich fast einen weiten Bogen gemacht, weil ich den Titel mit einem Sachbuch verbunden habe. Dank des Nachworts von Bernard Frank weiß ich nun: Dieses Missverständnis ist durchaus vom Autor Shichiro Fukazawa bewusst provoziert worden. Darüber hinaus suggeriert die Einflechtung von Liedtexten (und zum Abschluss sogar der Abdruck der Noten zweier Lieder), dass es sich bei der Handlung um die Wiedergabe historischer Fakten handelt. Doch „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ entstammt stattdessen der Fantasie des Autors, der sein musikalisches Interesse in sein literarisches Werk einfließen hat lassen.

Shichiro Fukazawa, der selbst aus einer ländlichen Gegend stammt, schildert in seiner Erzählung das harte, vormoderne Leben in einem namenlosen Dorf, in dem an die Göttlichkeit des Berges Narayama geglaubt wird. Nur zum Narayama-Fest können es sich die Familien leisten, Reis zu essen. Jeder Esser mehr im Haus bringt die Familien in die Gefahr, den Hungertod zu sterben. Daher wird möglichst spät geheiratet, damit die Nachkommen nicht allzu bald das Licht der Welt erblicken. Wer die Geburt der Großenkel noch erlebt, der gilt als lasterhaft, können er und seine Brut sich offensichtlich nicht im Griff halten. Insbesondere die Alten, die wenig Arbeitsleistung erbringen und mehr und mehr zu nutzlosen Essern werden, brechen freiwillig oder unfreiwillig im Alter von siebzig Jahren zu einer Pilgerreise zum Narayama auf, von der sie nie wieder zurückkehren.

Shichiro Fukazawa schildert in „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ aus der Sicht der alten O Rin und ihrer Familie, wie sich das karge Leben im Dorf gestaltet und wie O Rin schließlich zu Pilgerreise aufbricht. Der Abschied für immer ist vorgezeichnet und trotz des Schmerzes kann keiner die alte O Rin zurückhalten. Denn nur, wenn sich die Familiengröße dezimiert, können die anderen überleben. Aus dem Kontrast von Vernunft, Glaube und Gefühl entsteht eine Mischung, die dem Leser unter die Haut geht. Das Schicksal der O Rin geht bei der Lektüre sehr nahe.

Wer im Überfluss lebt, der kann sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich Hungern sein muss und zu welchen Taten der schiere Überlebenskampf treiben kann. Sicherlich ist „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ Fiktion, aber die Erzählung trifft den Leser an einer ganz empfindlichen Stelle.

Bibliographische Angaben:
Fukazawa, Shichiro: „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“ (Übersetzung aus dem Französischen: Rheinhold, Klaudia), Rowohlt, Reinbek 1987, ISBN 3-499-40014-6

Sonntag, 8. Dezember 2013

„Atsumonozaki oder die geliehene Dankbarkeit“ von Gishu Nakayama

Der siebzigjährige Seya ist seinem gleichaltrigen Kumpan Katano durch ein Darlehen in Höhe von 30 Yen verpflichtet. Dummerweise wurden die Konditionen nie schriftlich festgehalten und so kommt Katano nach neun Jahren immer noch hartnäckig bei Seya vorbei, um monatlich einen Yen Rückzahlung einzutreiben.

Nach so langer Zeit gärt es in Seya, dass Katano immer noch dreist bei ihm Zinsen einfordert. Als Seya Katano damit konfrontiert, nicht weiter zu zahlen, versucht Katano bei ihm ein monatliches Taschengeld zu erbetteln. Schließlich hat er ja das Vermögen seiner Eltern durchgebracht und steht relativ mittellos da. Sein erster Sohn und seine erste Ehefrau sind zwischenzeitlich verstorben, sein zweiter Sohn lässt sich nicht mehr blicken und seine zweite Ehefrau hat ihn verlassen. Das einzige, worauf sich Katano versteht, ist die Chrysanthemenzucht. Doch statt sich bei Seya mit dem Geschenk von Chrysanthemenstecklingen gut zu stellen, scheint Katano Seya nur Ausschuss zuzustecken. Und so fühlt sich Seya noch mehr von seinem Kumpan abgestoßen.

In Rückblenden erfährt der Leser, wie der gemeinsame Werdegang die beiden Herren Seya und Katano seit ihrer Jugend zusammengeschweißt hat. Und wie insbesondere Katano durch seine Charaktereigenschaften immer wieder in Schwierigkeiten gekommen ist. Bis zu seinem Lebensende werden seine Charakterzüge entscheidende Wendungen heraufbeschwören. Denn ob Kind oder alter Mann: Seya ist vor allem eines – enorm starrköpfig.

Knapp 70 Seiten umfasst die Erzählung „Atsumonozaki oder die geliehene Dankbarkeit“ von Gishu Nakayama, die 1938  mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde. Das Portrait des Katano ist auch heute noch enorm anschaulich; man hat das Gefühl, den alten Kauz genauso gut zu kennen wie sein jahrelanger Wegbegleiter Seya. Doch darüber hinaus hätte ich mich über ein kleines Nachwort gefreut, warum die Erzählung in den 30er Jahren so herausstechend war, um den renommierten Literaturpreis zu erhalten.

Nichtsdestotrotz: Die Lektüre hat viel Spaß gemacht und ich hoffe, dass vom S.Sagenhaphter Verlag zukünftig noch weitere Veröffentlichungen aus dem Bereich der japanischen Literatur folgen werden.

Bibliographische Angaben:
Nakayama, Gishu: „Atsumonozaki oder die geliehene Dankbarkeit“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Sandmann, Daniel), S.Sagenhaphter Verlag, Dresden 2013, ISBN 978-3-943230-02-4

Samstag, 7. Dezember 2013

Gishu Nakayama

Gishu Nakayama wurde im Jahr 1900 als Yoshihide Takama in der Präfektur Fukushima geboren. Er studierte an der Waseda-Universität. Gemeinsam mit anderen Autoren gründete Gishu Nakayama die Literaturzeitschrift To, in der auch seine erste Erzählung „Das Loch“ veröffentlicht wurde. 1938 erschien ein Band mit Gishu Nakayamas Erzählungen. Dieser enthielt unter anderem „Atsumonozaki oder die geliehene Dankbarkeit“, die mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde.

Nach dem Studium hatte Gishu Nakayama als Englischlehrer an einer Mittelschule gearbeitet, während des zweiten Weltkriegs wurde er Kriegsberichterstatter. Seine Kriegserfahrungen inspirierten ihn zu einer Kurzgeschichte über zwei Intellektuelle, die in Tinian gegen Ende des Krieges starben. Dies weckte sein Interesse an Historienromanen. Für seinen Roman „Shoan“ über den General und Kurzzeit-Shogun Mitsuhide Akechi erhielt der unter anderem den Noma-Literaturpreis.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1969 konvertierte Gishu Nakayama zum Christentum.

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert:

Sonntag, 1. Dezember 2013

„Drei Erzählungen“ von Yasunari Kawabata

Die drei Erzählungen Yasunari Kawabatas in dem kleinen Bändchen des Iudicium Verlags entstanden zwischen den Jahren 1953 und 1960 und zählen somit eher zum Spätwerk des Autors.

1953 entstand „Sprachlos“: Der Ich-Erzähler plant einen Besuch bei Akifusa, einem Autor an der Schwelle des Todes. Nach einem Schlaganfall ist Akifusa halbseitig gelähmt und spricht kein Wort mehr. Der Ich-Erzähler hat sich längere Zeit vor dem Krankenbesuch gedrückt, begibt sich allerdings doch schlussendlich auf den Weg zu dem alten Herren, der von seiner Tochter gepflegt wird. Im Taxi erfährt er von einer Geistergeschichte: Ein weiblicher Geist scheint derzeit in Taxen zu spuken. Auch Akifusa wirkt auch den Ich-Erzähler wie ein Geist – ganz im Gegensatz zu der ihn pflegenden Tochter.

„Ein Mädchen mit Duft“ aus dem Jahr 1960 startet wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch es zeigt sich, dass auf dem Mädchen, dessen Duft so berauschend ist, ein dunkler Schatten liegt, der mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun hat.

„Was ihr Mann nie tat“ datiert aus dem Jahr 1958. In dieser Erzählung trifft ein Student auf eine ältere Frau. Als beide eine Affäre eingehen, scheint es, als würde die Frau die Beziehung an Stelle ihrer verstorbenen Tochter führen.

Barbara Yoshida-Krafft weist im Nachwort auf die verbindenden Elemente der drei Erzählungen hin: Im Zentrum steht jeweils eine starke Frau und der Tod bzw. die Welt der Toten reicht in die Realität der Lebenden hinein. Yasunari Kawabata zieht den Leser in diese unheimliche Sichtweise hinein. Der Nachhall der recht kurzen Erzählungen bleibt dadurch umso länger bestehen.

Bibliographische Angaben:
Kawabata, Yasunari: „Drei Erzählungen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yoshida-Krafft, Barbara), Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-083-7

Sonntag, 24. November 2013

„Mondscheintropfen“ herausgegeben von Eduard Klopfenstein

Für den Erzählband „Mondscheintropfen“ hat Eduard Klopfenstein 16 Erzählungen aus den Jahren 1940-1990 ausgewählt. Damit knüpft „Mondscheintropfen“ an den Band „Träume aus zehn Nächten“ von Jürgen Berndt an, der dem Zeitraum 1895-1966 Rechnung trägt.

Der Band beginnt mit Rintaro Takedas „Geschichte vom Schnee“: Ein namenloser Er hört von einem Arbeitskollegen die Geschichte einer ungewöhnlichen Eheschließung. Ein Brautzug konnte wegen Schneefalls nicht weiter ziehen und musste in einem eingeschneiten Bergdorf verweilen. Aus der Not machten die Verwandten der Braut eine Tugend: Die Braut wurde kurzerhand an den Sohn des Bauern verheiratet, der ihnen Obdach gewährt hatte. Als Er dies seiner Sie erzählt, wirft die Geschichte einen Schatten auf die Ehe.

Kensaku Shimaki schrieb kurz vor seinem Tod die Erzählung „Der schwarze Kater“. In den letzten Kriegsjahren finden noch nicht einmal die Katzen genug zu Essen. Der kranke Ich-Erzähler beobachtet mit Abscheu die hungrigen Streuner, die sich bei den Menschen einschmeicheln möchten. Doch da ist auch dieser schwarze Kater, der besonders stolz wirkt und niemals beim Ich-Erzähler betteln würde. Bald wird die nächtliche Ruhe im Haushalt des Ich-Erzählers gestört: Eine Katze scheint nachts ins Haus einzudringen, um sich über die Lebensmittelvorräte her zu machen. Ob da nicht der schwarze Kater dahinter steckt?

Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“ gilt als Vorläufer seiner längeren Erzählung „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“: Erzählt wird von einer archaisch-anmutenden Gesellschaft, in der Kinder in die Lohnsklaverei verkauft werden und kein Platz ist für behinderte und alte Menschen.

In die „Alte Heimat“ treibt es Yasunari Kawabatas Protagonisten. Die Handlung – eher Traum als Realität – schickt ihn in einem Helikopter in sein Heimatdorf. Doch scheint der Ort völlig unbelebt, bis er eine Kindheitsfreundin wieder trifft, die jedoch in der Zwischenzeit überhaupt nicht gealtert ist. Doch existiert auch eine „alte“ Version der Kleinen – da bemerkt der Protagonist, dass auch er sich in eine junge und eine alte Ausgabe gespalten hat.

Noch abgefahrener wird es in Kobo Abes „Der Stock“: Ein Mann verbringt mit seinen Söhnen Zeit auf einer Kaufhausterrasse. Als er von der Terrasse stürzt, findet er sich am Boden als Stock wieder. Zwei Studenten und ein Professor lesen ihn auf – es entspinnt sich eine Diskussion, wie der Stock zu bestrafen sei.

Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ schildert ein tragisches Ansinnen, das an griechische Tragödien erinnert. Zwei Schwestern, die beide mit demselben Studenten verkehren, beschließen eines Sommers am Meer, den jungen Mann um die Ecke zu bringen. Die Entscheidung der beiden steht bereits mit den ersten beiden Sätzen der Erzählung fest:

„Unser Entschluss stand fest. K musste sich in unseren Händen in eine schwere Masse Tod verwandeln.“ (S. 47)

Durch einen drückenden Sommer, der angefüllt ist mit dem Meer, mit Sex und einer Dreier-Liaison, begleitet der Leser die Schwestern, wie sie Ks Leben zu beenden trachten.

Tsutomu Minakami (auch: Tsutomu Mizukami) schreibt mit „Winter-Kaki“ ebenfalls über das Ende eines Lebens – doch weit weniger brutal. Denn der betagte Tischler Juzo verfällt zusehends. Seine einzige Tochter kommt ihn erst besuchen, als er fast schon das Leben ausgehaucht hat.

Akira Abes Ich-Erzähler macht sich in „Pfirsiche“ daran, einem alten Erinnerungssplitter aus der Kindheit auf die Spur zu kommen. Es erweist sich, dass die Erinnerung einige Unplausibilitäten enthält – war am Ende alles ganz anders?

In Mieko Kanais Erzählung „Der Akazienritterorden“ vermischen sich mehrere Handlungs- und Realitätsebenen. Da ist die Ich-Erzählerin, die es liebt, in einer Schreinerei ein und aus zu gehen. Da ist der Schreiner, ehemals ein Schriftsteller, der einen Brief erhält. Da ist der anonyme Briefschreiber, der auf ein Bild verweist, das den Schreiner einstmals zu einer Erzählung über einen ritterlichen Schülerorden inspiriert hatte. Der Brief beschreibt, wie der Anführer des Ordens den Tod finden musste – doch existierten der Orden, der Täter, der Briefschreiber jemals in Realität?

„Starrende Augen“ von Shintaro Ishihara zeigt, wie sehr die Einstellung der Menschen die Wahrnehmung beeinflussen kann. Anhand von Spukgeschichten präsentiert der Autor zwei Deutungsmöglichkeiten für starrende Augen. Für welche wird sich der Protagonist entscheiden?

Tetsuo Miuras „Der Kuss“ beschreibt den Beginn des sexuellen Erwachens eines Mädchens in der Pubertät und dessen Prägung durch das Rollenverständnis als Frau auf. Nach langer Zeit besucht die kleine Kiwa ihren Vater in Tokio, der zwischenzeitlich mit einer anderen Frau als Kiwas Mutter zusammen lebt. Von ihrem Ausflug in die Stadt bringt sie neue Begierden nach Hause.

„Ein Regenbogen in der Hand“ von Wahei Tatematsu erzählt von dem Rumtreiber Yusaku, der am liebsten auf Parkbänken übernachtet und seinen Hunger damit stillt, dass er Gras ist. Eines drückenden Sommertags möchte er mit Freunden ans Meer fahren. Einen passenden Badeplatz auszumachen, erweist sich als schwieriger als gedacht. Doch der Rumtreiber weiß, wie er dennoch zu seiner Erfrischung kommt.

Setsuko Tsumuras Protagonistin Kae macht sich in „Das Haus im Wind“ auf die Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann. Nachdem dieser seine Position als Angestellter gekündigt und ein Café aufgemacht hat, kehrt er eines Tages nicht mehr nach Hause zurück. Kae engagiert ein Detektivbüro, um den Aufenthaltsort ihres Mannes ausfindig zu machen. Dort warten gleich mehrere Überraschungen auf Kae.

Soh Aono lässt „Eindringlinge in ein Haus mit Schwalbennest“: Zwei herumtreibende Jugendliche brechen in ein Haus ein, dessen Bewohner gerade verreist ist. Sie nehmen die Behausung für einige Tage in Beschlag, nicht ohne mehr von dem eigentlichen Einwohner zu erfahren. Doch der Aufenthalt kann nicht von Dauer sein.

Als Eiichi eines Abends betrunken nach Hause will, hat er das Pech, in der Bahn einzuschlafen und erst zwei Stationen zu spät auszusteigen. Der letzte Zug in die Gegenrichtung ist bereits abgefahren, ein Taxi ist nicht mehr zu bekommen und daher macht er sich zu Fuß auf den Weg. Als er an einem Schrottplatz vorbei kommt, entdeckt er ein nahezu unbeschadetes, dort abgestelltes Taxi, in dem er sich für kurze Zeit einnistet – bis die Person auftaucht, die selbst Anspruch auf das Gefährt in Jun Kasaharas „Mondscheintropfen“ geltend macht.

Die letzte Geschichte in dem Band ist Haruki Murakamis „Tony Takitani“, der das Schicksal erlebt, schließlich ganz allein im Leben dazustehen: Sein verwitweter Vater, zu dem er kaum eine Beziehung aufgebaut hat, stirbt – ebenso wie Tony Takitanis Ehefrau, die der Kaufsucht von Kleidern erlegen ist. Ob es eine Lösung ist, eine Sekretärin einzustellen, die künftig die Kleider der verstorbenen Ehefrau tragen soll?

„Mondscheintropfen“ bietet einige Highlights für Fans der japanischen Literatur. Da wäre auf jeden Fall Shichiro Fukazawas „Nanking-Bübchen“, das einen Liedtext mit der Handlung verknüpft und einem einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagt. Yumiko Kurahashis „Am Ende des Sommers“ löst eine ganz andere Form der Bedrückung aus, indem in gleißendes Sommersonnenlicht getauchte böse Gedanken formuliert werden. Wahei Tatematsus „Ein Regenbogen in der Hand“ präsentiert dagegen den sorglosen Sommertag eines Rumtreibers, mit dem der eine oder andere zumindest kurz tauschen wollen würde.

Jede Erzählung in „Mondscheintropfen“ drückt für sich eine ganz eigene Stimmung aus – das Spektrum geht von todtraurig bis zu vergnüglich-positiv. Wer sich einen Überblick über die Vielfalt der japanischen Literatur verschaffen möchte, ist mit dem Erzählband sicherlich sehr gut beraten.

Bibliographische Angaben:
Klopfenstein, Eduard (Hrsg.): „Mondscheintropfen“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Ackermann, Peter/Gebhardt, Lisette/Gross, Christine/Hunziker, Christine/Klopfenstein, Eduard/Langemann, Christoph/Loosli, Urs/Reinfried, Heinrich/Rhyner, Bruno/Sato-Diesner, Sigmara/Weissert, Michael/Werner, Verena/Yamaka-Hiller, Barbara/Zimmermann, Corinne), Theseus Verlag, Zürich/München 1993, ISBN 3-85936-061-2

Samstag, 23. November 2013

Shichiro Fukazawa

Der Autor und Musiker Shichiro Fukazawa, der 1914 geboren wurde, wuchs in einem Dorf in der Präfektur Yamanashi auf. Als Schüler spielte er mit Begeisterung Gitarre. 1931 wurde er nach Tokio geschickt, um eine Lehre zum Apotheker anzutreten. Doch statt sich ganz seiner Ausbildung zu widmen, war die Begeisterung für das Gitarrespiel größer. Shichiro Fukazwa nahm Gitarreunterricht und gab 1939 sein erstes öffentliches Konzert. Aufgrund einer Brustfellentzündung war er zuvor nicht als Soldat eingezogen worden, sondern für untauglich erklärt worden.

1942 ging er zurück in sein Heimatdorf, begann zu schreiben und trat in einen Literaturzirkel ein. Er schlug sich zudem mit diversen Jobs durch. So war er als Aushilfe im Familienbetrieb beschäftigt, versuchte sich als Chrysanthemenzüchter und nach Kriegsende als Schwarzhändler.

Als seine Mutter im Jahr 1949 starb, ging er mit einer Musikgruppe auf Tour. In den 50er Jahren wurde er Gitarrist in der Nichigeki Music Hall in Tokio.

1956 erschien seine Erzählung und Hauptwerk „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“, für die er den Literaturpreis des Magazins Chuokoron erhielt.

1960 veröffentlichte er eine satirische Erzählung über einen Traum, in dem Linksradikale in den kaiserlichen Palast eindringen und den Kronprinz und die Kronprinzessin enthaupten. Die Erzählung entrüstete den kaiserlichen Hof und nationalistische Kreise. Doch leider sollten die Folgen noch fataler werden: Am 01.02.1961 drang der 17-jährige Rechtsradikale Kazutaka Komori in das Haus des Präsidenten der Zeitschrift Chuokoron ein, in der Shichiro Fukazawas Erzählung erschienen war. Sein Ziel, den Präsidenten Hoji Shimanaka zu töten, wurde durch dessen Abwesenheit vereitelt. Stattdessen tötete Kazutaka Komori ein Hausmädchen und verletzte Hoji Shimanakas Ehefrau ernstlich. Kazutaka Komori wurde zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt und Shichiro Fukazawa verließ Tokio unter Polizeischutz. 1962 kehrte er in die Hauptstadt zurück.

1964 kaufte sich Shichiro Fukazawa einen Bauernhof, um sich ein Leben als Selbstversorger aufzubauen. Den Hof nannte er die „Liebe-mich-Farm“. Als er Ende der 60er Jahre zunehmend an Herzbeschwerden litt, gab er das Leben als Bauer auf.

1971 eröffnete er eine Imbissbude in Tokio, die er „Traumstand“ benannte. Nach dem Attentat auf die Familie Shimanaka hatte sich Shichiro Fukazawa immer weiter zurückgezogen; Mitte der 70er Jahre verweigerte er letztlich alle Interviews.

1980 sollte Shichiro Fukazawa den Kawabata-Preis erhalten, doch der Autor lehnte dankend ab. 1987 starb Shichiro Fukazawa an einem Herzinfarkt.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen und hier rezensiert: 

Samstag, 2. November 2013

„The Ring II – Spiral“ von Koji Suzuki

Eines gleich vorweg – wer den ersten Teil von Koji Suzukis „The Ring“ noch mit Spannung lesen mag, der sollte hier stoppen: Akute Spoilergefahr im folgenden Text!

In „The Ring II – Spiral“ begegnet man einigen Bekannten aus „The Ring“ wieder – Protagonist ist aber diesmal der Gerichtsmediziner Ando. Andos Leben ist gerade alles andere als ein Zuckerschlecken: Nachdem sein Sohn im Meer ertrunken ist, lasten nicht nur enorme Schuldgefühle auf Ando, da er den Kleinen nicht retten konnte. Auch seine Ehefrau macht ihm deswegen die Hölle heiß, lässt sich scheiden und vereitelt Andos Karriereaussichten. Eines Tages landet die Leiche von Ryuji auf seinem Obduktionstisch. Andos Aufmerksamkeit für Ryujis mysteriöses Dahinscheiden ist nicht nur deswegen geweckt, weil er ein ehemaliger Mitschüler von Ryuji ist, sondern auch weil er glaubt, Ryuji möchte ihm aus dem Totenreich etwas mitteilen. Auch der Befund macht Ando und dessen Kollegen Miyashita neugierig: Ist Ryuji an einer neuartigen Form der Pocken verstorben?

Ando lernt Ryujis attraktive Freundin Mai kennen und erfährt von ihr, dass Ryuji während seinen letzten Tagen mit Asakawa unterwegs war. Gerne würde Ando von Asakawa mehr über ein mysteriöses Video erfahren – doch Asakawa ist nach dem Tod seiner Ehefrau und Tochter nicht mehr bei Sinnen. Daher begibt sich Ando auf die Suche nach den Aufzeichnungen Asakawas, die hoffentlich Licht ins Dunkel der Ermittlungen bringen sollen. Als die schöne Mai spurlos verschwindet, forciert Ando die Aufklärungsarbeit.

Der Leser folgt nun erneut einer Spürnase, wie sie das Rätsel von „The Ring“ zu lösen versucht. Vieles doppelt sich daher, aber die Neugier wird sehr früh entfacht: Warum bloß hat Asakawas Versuch, seine Angehörigen zu retten, nicht gefruchtet? Er hatte doch das Patentrezept gefunden, wie der Fluch aufzuheben ist. Oder etwa doch nicht?

Während „The Ring“ schon etwas abstrus war, so wird es in „The Ring II – Spiral“ richtiggehend hanebüchen. Zugegebenermaßen wird durchaus Spannung aufgebaut, doch an anderen Stellen ist der Roman zu sehr vorhersehbar. Und von Psychohorror kann erst recht keine Rede sein. Der Bösewicht kommt sogar regelrecht sympathisch rüber. Meiner Meinung hätte Koji Suzuki besser den ersten Teil seines Romans alleine stehen gelassen. Besser wird’s mit „The Ring III – Loop“ und „The Ring 0 – Birthday“ sicherlich auch nicht mehr…

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „The Ring II – Spiral“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Heindorf, Viktoria & Tomonaga, Hiroguchi), Heyne, München 2003, ISBN 978-3-453873865

Samstag, 28. September 2013

„Grapefruit“ von Yoko Ono

Yoko Onos „Grapefruit“ trägt in der englischsprachigen Version den Untertitel „A book of Instructions and Drawings by Yoko Ono – Introduction by John Lennon”. John Lennons Vorwort fällt allerdings recht kurz aus:

„Guten Tag. Mein Name ist John Lennon. Ich möchte Sie mit Yoko Ono bekanntmachen.“

Nun folgen Yoko Onos Instruktionen, Anweisungen wie der Leser prinzipiell selbst Fluxus betreiben könnte. Die lesen sich teilweise, als würde eine von Yoko Tawadas Protagonistinnen eine schräge Zeit erleben:

„Zimmerstück 1
Bleib eine Woche lang im Zimmer.
Nimm nichts zu dir außer Wasser.
Am Ende der Woche
soll dir jemand etwas ins Ohr flüstern.

Zimmerstück 2
Bleib zehn Tage lang im Zimmer.
Iß nichts. Rauche.
Flüstere jemandem am Ende der zehn Tage
etwas ins Ohr.

Zimmerstück 3
Bleib einen Monat lang im Zimmer.
Sprich nicht. Schau nicht.
Flüstere am Monatsende.“

Kapitelweise behandelt Yoko Ono die sieben Themenbereiche Musik, Bilder, Ereignisse, Gedichte, Dinge, Film, Theater und fügt schließlich noch „Yoko Onos Fragebogen“ an, in dem beispielsweise Behauptungen wie „Husten ist eine Form von Liebe.“ mit richtig oder falsch beantwortet werden sollen.

Obwohl die Ausführung der Instruktionen nicht im Zentrum von Fluxus steht, sondern die  Imagination schon selbstgenügend ist, haben es manche von Yoko Onos Anleitungen durchaus auf die Bühne geschafft, so z.B. das „Fahrradstück für Orchester“ und das „Schneidestück“.

Yoko Onos „Grapefruit“ macht Laune, sich mehr mit der Künstlerin auseinanderzusetzen, die man primär als Witwe von John Lennon kennt. Genauso wie die Zitrusfrucht wirken manche Instruktionen etwas sauer – aber sauer macht ja bekanntlich lustig.

Natürlich ist das Büchlein, das in Deutschland 1970 erschien und von Herbert Feuerstein übersetzt wurde, völlig vergriffen. Der Weg in eine gut sortierte Bibliothek lohnt daher definitiv.

Bibliographische Angaben:
Ono, Yoko: „Grapefruit“ (Übersetzung aus dem Englischen: Feuerstein, Herbert), Bärmeier & Nikel, Frankfurt/Main 1970

Sonntag, 22. September 2013

Yoko Ono

Yoko Ono
(Creative Commons Lizenz
Photocredit: Simon Harriyott)
Die Musikerin und Künstlerin Yoko Ono wurde 1933 in Tokio geboren und wuchs zeitweise in den USA auf, bis die Familie 1938 nach Japan zurückkehrte. Yoko Ono wurde musikalisch gefördert, erhielt Klavierunterricht und absolvierte erste Auftritte. Nach der Kapitulation Japans schloss Yoko Ono die Schule ab und begann ein Philosophiestudium, das sie aber abbrach, um in New York weiterzustudieren. Hier belegte sie auch musikalische Kurse.

Als Yoko Ono 1956 den Komponisten Toshi Ichiyanagi heiratete, brach sie ihr Studium erneut ab und zog mit ihm nach New York. Yoko Ono machte sich als Künstlerin einen Namen und zählte zu den Begründern der Fluxus-Bewegung. 1962 trennte sich Yoko Ono von Toshi Ichiyanagi und heiratete den Filmproduzenten Anthony Cox. Als Yoko Ono 1966 in London John Lennon kennenlernte, ließ sie sich von ihrem Noch-Ehemann scheiden, um schließlich 1969 John Lennon das Ja-Wort zu geben. Die beiden banden Kunst in ihr Privatleben ein, wie z.B. mit dem berühmten „Bed-In“ für den Weltfrieden. Gemeinsam waren sie als Fluxus-Künstler aktiv und veröffentlichten mehrere Alben.

Nach der Ermordung von John Lennon im Jahr 1980 zog sich Yoko Ono für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Ab Ende der 80er Jahre wurde sie wieder aktiv.

Yoko Ono lebt heute immer noch im Dakota-Building in New York, vor dem John Lennon erschossen wurde.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Donnerstag, 19. September 2013

„Reise nach Samarkand“ von Yasushi Inoue

„Die ‚Westlande’ hatte ich in meinen Gedanken bereits zu einer Zeit durchstreift, als die Verwirklichung eines solchen Unternehmens nichts weiter als die hoffnungslose Schwärmerei eines Schülers gewesen war.“ (S. 7)

So beginnt Yasushi Inoue sein Werk „Reise nach Samarkand“, das wie ein Geschichtsbuch wirkt, das in einige wenige eigene Reiseerinnerungen eingebettet ist. Für Europäer klingt „Westlande“ freilich ungewöhnlich. Denn die Westlande in „Reise nach Samarkand“ sind wohlweißlich westlich von China gelegen und daher Ostlande für unsereinen. Genauer: Yasushi Inoue begrenzt den Bereich der Westlande auf den mittleren Bereich Asiens, der zwischen der Wüste Gobi und dem Kaspischen Meer liegt.

Über die geheimnisvollen Westlande weiß Yasushi Inoue einiges zu berichten: Im Jahre 139 vor Christus soll Chang Ch’ien vom chinesischen Kaiser ausgesandt worden zu sein, um ein militärisches Bündnis zu schließen. Doch stattdessen war er gefangen genommen worden und hat während seiner Flucht das Land Ta-yüan bereist, in dem die Pferde Blut schwitzen. Später berichtet man von dem Großen Spiegelsee, an dessen Ufer unheimliche Wesen leben. Entstanden soll der See sein, als ein Mädchen eine Quelle nicht mehr verschloss und das auslaufende Wasser eine Stadt überflutete.

Yasushi Inoue schildert zudem ausführlich, wie die Mongolen und Araber um die Vorherrschaft im Gebiet der Westlande kämpften.

Nichtsdestotrotz wird „Reise nach Samarkand“ primär nur für diejenigen Leser interessant sein, die sich für Geschichte der Westland-Region interessieren. Die Reiseerinnerungen von Yasushi Inoue, der 1965 und 1968 die Westlande bereiste, sind eher Randbemerkungen. Sicherlich bietet „Reise nach Samarkand“ auch einige Mythen und Geheimnisse, die Reisende Jahrhunderte vor Yasushi Inoue über die Westlande festhielten. Doch die „Reise nach Samarkand“ verzaubert nicht, wie der Titel mit dem exotischen Reiseziel implizieren mag.

Bibliographische Angaben:
Inoue, Yasushi: „Reise nach Samarkand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mrugalla, Andreas), Suhrkamp, Frankfurt/Main 1998, ISBN 3-518-41001-6

Sonntag, 15. September 2013

„In Nacht und Nebel“ von Morio Kita

Der zweite Weltkrieg neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, doch die Patienten einer Nervenklinik in Süddeutschland befinden sich nicht aufgrund von Bombardierungen in höchster Lebensgefahr – die Bedrohung kommt von der SS: Die als unheilbar eingestuften Kranken sollen abtransportiert und vergast werden.

Morio Kita, selbst studierter Mediziner, schreibt in seinem mit dem Akutagawa-Literaturpreis ausgezeichneten Kurzroman primär aus der Sicht der behandelnden Ärzte. Da ist Frau Weise, die sich den Patienten auf freundschaftliche Weise verbunden fühlt. Professor Zehrer bricht unter dem Befehl, die Patienten ins Verderben zu schicken, zusammen und wird nie wieder derselbe sein. Dr. von Harras tut, was er kann – wird aber kurz darauf eingezogen. Der Jungmediziner und Kriegsinvalide Setzler leidet unter seiner Tatenlosigkeit, während Radowulf bis in die letzte Faser von der Nazi-Propaganda indoktriniert ist. Und schließlich ist da Kersenbrock, der sich eigentlich am liebsten im Labor verschanzt, nun aber seine Chance wittert, an den Patienten gefährliche medizinische Experimente durchzuführen.

Einer der psychisch Kranken im Spital ist der Japaner Takashima, der unter Wahnvorstellungen leidet – oder verzweifelt er nur an der kranken Nazi-Gesellschaft, in der Juden verfolgt und vergast werden? Takashimas Ehefrau Anna, eine Halbjüdin, wurde inhaftiert und Takashima verzweifelte über diese Ungerechtigkeit, bis er psychisch krank wurde. Aus der Sicht des Japaners wird die Perspektive der Kranken in der Nervenklinik geschildert.

Dass ein Happy End ausgeschlossen ist, wird schon bald klar: Denn Anna – so die offizielle Version – soll Selbstmord begangen haben. Takashima rutscht nach dieser Nachricht noch tiefer in seine Wahnvorstellungen.

„In Nacht und Nebel“ ist sicherlich ein tolles, wenn auch trauriges, manchmal schockierendes Buch. Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Motivationen der Personen noch eingehender geschildert worden wären. Dadurch, dass auf den 172 Seiten doch einige eigenwillige Charaktere auftreten, werden manche nur gestreift, wie z.B. der verbitterte Setzler. Aber auch Takashima bleibt recht blass. So hätte mich auch eine ausführlichere Behandlung seiner Wahnideen interessiert. Denn zunächst wirkt Takashima recht normal und es wird nicht recht klar, wie sich das Krankheitsbild bei ihm äußert.

Bibliographische Angaben:
Kita, Morio: „In Nacht und Nebel“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Putz, Otto), Cass, Löhne 2013, ISBN 978-3-9809022-9-8

Samstag, 14. September 2013

„Einfach Midori“ von Midori Goto

„Einfach Midori“ nennt sich die Geigerin Midori Goto und verzichtet auf die Nennung ihres Nachnamens. Denn dass ihre Mutter ihre Karriere frühzeitigst voran getrieben hatte, stieß auf Widerstand des Vaters, namentlich Goto. Dem hatte ein bodenständiges Familienleben vorgeschwebt, was die ehrgeizigen Pläne der Mutter für die Tochter durchkreuzt hatten. Schon früh wurde Midori zu ständigem Üben angehalten, bis Midori ihren „inneren Aufpasser“ entwickelte, der die Mutter in der Rolle der treibenden Kraft ersetzte.

Aufgrund ihres Talents wurde Midori Goto auf der renommierten Juillard School in New York aufgenommen. In ihrer Autobiographie schildert die Geigerin allerhand Probleme, die mit dem Umzug einher gingen: Finanzielle Engpässe, Sprachprobleme und darüber hinaus freilich der Unmut des Vaters. Eine Scheidung von Mutter und Vater sollte folgen.

Der Leser begleitet Midori Goto, wie sie die Karriereleiter immer weiter hinauf klimmte – obwohl sie sich mit der Leiterin der Juillard School überworfen hatte. Doch das harte Leben einer Profi-Geigerin sollte bald große Schatten auf die Seele der jungen Frau werfen. Eine Depression mit einhergehender Essstörung ließ sie pausieren und die Geigerin ließ sich psychiatrisch behandeln.

Die umtriebige Midori Goto fand nicht nur ihren Weg zurück ins Rampenlicht, sondern begann Psychologie zu studieren und zwei Charity-Organisationen zu gründen, die ihrem Leben zusätzlichen Sinn gaben.

Der Ton von „Einfach Midori“ ist recht distanziert, dennoch glaubt man, die Geigerin nach der Lektüre gut zu kennen. Interessant waren für mich insbesondere Midoris Suchen nach passenden Geigen und die Hintergrundinformationen zu den Handelsmechanismen im Geigenmarkt.

Midori Goto präsentiert auch ihr Selbstverständnis als Künstlerin:

„Vielleicht bedeutet Künstler sein, sich einerseits größer als alles andere zu fühlen und sich andererseits seines Menschseins bewusst zu bleiben.“ (S. 219)

Trotzdem bleibt sie bescheiden und gesteht, dass fleißiges Üben die Grundlage ihres Könnens ist.

Bibliographische Angaben:
Goto, Midori: „Einfach Midori“ (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Van Volxem, Susanne), Henschel, Berlin 2004, ISBN 3-89487-464-3

Freitag, 13. September 2013

Midori Goto

Die 1971 in Osaka geborene Midori Goto wurde als Wunderkind an der Geige bekannt und ging zwecks musikalischer Ausbildung zusammen mit ihrer Mutter nach New York, um an der Juillard School unterrichtet zu werden. Während ihrer Karriere arbeitete sie mit den ganz Großen des Musikbetriebs zusammen, unter anderem mit Zubin Mehta und Leonard Bernstein.

1995 begann sie mit einem Psychologiestudium an der Gallatin School in New York, das sie im Jahr 2000 als Bachelor abschloss. 2005 erhielt sie den Magistertitel.

2004 erschien ihre Autobiographie „Einfach Midori“, in der sie unter anderem eine Phase des psychischen Zusammenbruchs verarbeitet.

Mit ihren beiden Einrichtungen „Midori & Friends“ und „Music Sharing“ betätigt sich Midori Goto karitativ. 2007 wurde sie von Ban Ki-moon zur Botschafterin des Friedens der Vereinten Nationen ernannt.

Interessante Links:


Ins Deutsche übersetzte Autobiographien und hier rezensiert:

Montag, 2. September 2013

„Die Schwestern Makioka“ von Junichiro Tanizaki

592 Seiten umfasst Junichiro Tanizakis Roman „Die Schwestern Makioka“, der in drei Teile aufgeteilt ist. Er setzt im Jahr 1936 ein und begleitet die vier Schwestern der Familie Makioka, die die beste Zeit schon hinter sich hat. Nach dem Tod des Vaters blieben nur Schulden – doch dank der adoptierten Ehemänner der beiden ältesten Töchter Tsuruko und Sachiko müssen die Schwestern keine Not leiden. Während Tsuruko und ihr Ehemann Tatsuo die Stammfamilie in Osaka bilden, lebt Sachiko mit ihrem Gatten Teinosuke in Ashiya als Zweigfamilie. Die beiden noch unverheirateten Schwestern Yukiko und Taeko bevorzugen entgegen der Tradition den Aufenthalt in Ashiya, wo sie der strengen Behandlung durch die Stammfamilie entgehen können.

Das große Thema, das der Roman behandelt, ist die Verheiratung der zweitjüngsten Schwester Yukiko. Sie ist ruhig, fast schon melancholisch und sehr traditionell eingestellt. Dagegen ist die jüngste Schwester Taeko ein „modern girl“: Sie trägt westliche Kleidung, verdient mit ihrem Hobby, der Herstellung von Puppen, sogar eigenes Geld. Aber auch ganz von ihrem unangepassten Lebensstil abgesehen ist sie das schwarze Schaf der Familie, seitdem sie mit einem verzogenen Juwelierssohn kurzzeitig durchgebrannt war. Zwar waren beide reumütig zu ihren Familien zurückgekehrt, doch der kleine Skandal schlägt sich doch negativ auf Yukikos Heiratschancen nieder.

In „Die Schwestern Makioka“ geschieht viel Alltägliches und auch einiges Tragisches. Primär plätschert der Roman allerdings so dahin und die nicht geringe Seitenanzahl beginnt sich irgendwann ziemlich hinzuziehen. Sicherlich bringt die widerspenstige Taeko ein bisschen Schwung in die Handlung, doch da ein größeres Gewicht auf die vielen erfolglosen Miais von Yukiko liegt, kommt keine Spannung auf. Man ist als Leser bald genauso resigniert wie die Figur der Yukiko.

Interessant an „Die Schwestern Makioka“ ist allerdings, dass der erste Teil, der während des zweiten Weltkriegs erschien, verboten wurde. Selbstbewusste Frauen schienen wohl nicht mit der Kriegspropaganda vereinbar, die den Heldentod in den Mittelpunkt stellte. (Mehr dazu findet sich hier auf der Homepage von Ruth Linhart.)

Wer sich für die im Wandel begriffene Frauenrolle in den 30er/40er Jahren interessiert, der kann sicherlich einiges aus „Die Schwestern Makioka“ herausholen. Mir war der Roman jedoch viel zu langatmig. Dennoch bin ich nach der Lektüre wahrlich froh, nicht als Japanerin in dieser Zeit gelebt zu haben: Ständige Bevormundung durch die Stammfamilie; kein Recht auf eigene Lebensentscheidungen; höchstes Ziel eine Einheirat in eine angesehene Familie; dafür Miais, die an einen Handel mit Tieren erinnern… Das und noch viel mehr zeigt der Roman auf, ohne jedoch Sozialkritik zu üben. Es wird lediglich der Kontrast zwischen der traditionellen Yukiko und der modernen Taeko dargestellt.

Bibliographische Angaben:
Tanizaki, Junichiro: „Die Schwestern Makioka“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Yatsushiro, Sachiko), Rowohlt, Reinbek 1964

Freitag, 30. August 2013

„Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami

Man nehme eine Bibliothek, einen Jungen und einen Vogel und man denkt an „Kafka am Strand“. Man nehme ein unterirdisches Labyrinth, eine Bibliothek und Schädel und man denkt an „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“. Man nehme einen Schafsmann, ein bezauberndes Mädchen und ein Bandwurmuniversum und man denkt an „Wilde Schafsjagd“. Man nehme alle diese Zutaten zusammen, dann willkommen in Haruki Murakamis „Die unheimliche Bibliothek“.

Man könnte nun ja vermuten, dass die Erzählung daher ein besonders großer Wurf ist. Ich war jedoch eher etwas enttäuscht. Ein fader Protagonist, glatt keine Murakami’schen Lebensweisheiten und leider reißen es die Illustrationen von Kat Menschik auch nicht raus. Letzteres mag vielleicht auch daran liegen, dass der Text nicht allzu verspulte Inhalte hergibt, weswegen die Illustrationen teilweise auch nicht so psychedelisch wirken wie beispielsweise in „Schlaf“.

Die Erzählung beginnt, als ein Junge (ein ziemliches Muttersöhnchen und ein Ja-Sager) in der Bibliothek, in der er seit Jahr und Tag ein und aus geht, Bücher zurückgibt. Aus unerfindlichen Gründen wird er von der Bibliothekarin in den Keller geschickt, wohin sich der kleine Befehlsempfänger auch sofort begibt. In Zimmer 107 trifft er auf einen unheimlichen Mann, der ihm die gewünschten Bücher zum Thema „Steuereintreibung im Osmanischen Reich“ (das „spannende“ Thema Steuereintreibung beschäftigt Teenager natürlich üblicherweise) übergibt. Da die Ausleihe nach Hause nicht möglich ist, wird der Junge in einen verliesartigen Lesesaal gelockt – und eingesperrt. Denn der alte Mann hat Grausiges mit ihm vor. Doch unversehens bekommt der jugendliche Gefangene Hilfe von illustren Gestalten.

In einer halben Stunde ist die Geschichte, die leider nicht sonderlich mitreißt, ausgelesen. Der Einstieg wirkt mir zu konstruiert. Mit dem Protagonisten werde ich mal so gar nicht warm. Und die Handlung erscheint mir zu sprunghaft und unausgegoren. Auch wenn ich Haruki Murakamis Werke generell mag – „Die unheimliche Bibliothek“ hat mich nicht überzeugt.

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Die unheimliche Bibliothek“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), Dumont, Köln 2013, ISBN 978-3-8321-9717-9

Dienstag, 27. August 2013

„Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“ herausgegeben von Akiko Terasaki & Ilse Lenz

Schon öfters bin ich in japanischen Romanen über die Namen Sakae Osugi und Noe Ito gestolpert. Das tragische Anarchistenpaar, das von der Polizei nach dem großen Kanto-Erdbeben umgebracht wurde, birgt eine gewisse Faszination in sich. Wer sich mit den beiden näher beschäftigen will, der findet in „Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“ ausgiebig Stoff. Eingeleitet wird der Band mit einer ausführlichen Biographie Noe Itos, die im Zentrum des Interesses der Herausgeberinnen steht.

In „Trennung“ schreibt Noe Ito über die Trennung von ihrem ersten Ehemann Jun Tsuji. In dieser Ehe fand sich die Autorin in die Rolle der unterwürfigen Frau gedrängt. Das Zusammentreffen mit Sakae Osugi verstärkte Noe Itos Wunsch nach einer Trennung und schließlich arrangierte sie sich mit Sakae Osugis Vorstellung von „freier Liebe“:

„Wenn Osugi mehrere Geliebte hätte und ich das gebe, was nur ich ihm geben kann und nur das nehme, was ich mir wünsche, und damit mein eigenes Leben erweitern kann, wäre ich damit wohl zufrieden und würde mich ermutigt fühlen, meinen eigenen Weg zu gehen.“ (S. 40)

In „Von einer Frau an ihren Ehemann“ legt die Feministin Noe Ito ihr eigenes Rollenverhalten unters Mikroskop und bemerkt, dass sie in der Ehe mit Sakae Osugi sehr traditionell reagiert – am liebsten möchte sie ihren Mann schon kratzen, bevor es juckt. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie nur auf Distanz zu ihrem Ehemann sie selbst sein kann, indem sie sich selbst zum Maßstab setzt.

Neben diesen sehr persönlichen Werken enthält der Band aber auch Texte mit stärkerem gesellschaftskritischem Gewicht. In „Realität ohne Regierung“ thematisiert Noe Ito die ländliche Dorfgemeinschaft, die ihre Angelegenheiten ohne Autoritäten regelt und sich selbst organisiert, als ein funktionierendes Beispiel für anarchistischen Kommunismus. In „Gespräche mit streikenden Frauen“ zeigt die Autorin Missstände im produzierenden Gewerbe auf. So war es beispielsweise keine Seltenheit, dass eine Arbeiterin gegen sieben Uhr morgens zu arbeiten begann und erst um elf Uhr abends „Feierabend“ machen konnte. In einem „Grußwort“ spricht Noe Ito die Kluft zwischen Arbeiterinnen und Frauen der Mittelschicht an. In „Klassenantipathien“ nimmt sie dieses Thema nochmals aus einem persönlichen Blickwinkel auf: Noe Ito fühlte sich, seitdem sie in ein Arbeiterviertel gezogen war, fehl am Platz. In „Frauen, die zur Speise dienen“ prangert sie den Usus an, dass Familien ihre Töchter wie Sklavinnen in die Prostitution verkaufen.

Doch auch zwei Texte von Sakae Osugi sind in dem vorliegenden Band enthalten: In „Die freie Liebe, nach der ich mich sehne“ schreibt Sakae Osugis darüber, dass wahre, freie Liebe nur dann gelebt werden kann, wenn ökonomische Zwänge und Abhängigkeiten entfallen. In dem Text aus dem Jahr 1905 gesteht er den Frauen dieselbe sexuelle Freizügigkeit wie Männern zu.

In Sakae Osugis „Geschichte, wie ich einen Geist gesehen habe“ wird es wieder sehr persönlich: Hier beschreibt der Autor den Mordversuch von Ichiko Kamichika an ihm und er zeigt die Hintergründe der Tat auf. Mit einem weiteren Text ist sogar Ichiko Kamichikas Aussage bei der Polizei enthalten.

Abgeschlossen wird der Band mit einem Nachwort der Herausgeberinnen, in dem sie auf die Erkenntnisse der Anarchistin Itsue Takamure zur historischen Rolle der Frau in Japan eingehen.

Mit „Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“ ist ein spannendes Sammelsurium gelungen, das neben feministischen und sozialen Themen auch intime Dramen (wie den Mordversuch von Ichiko Kamichika) enthält. Die tragischen Figuren von Noe Ito und Sakae Osugi werden durch persönliche Texte zugänglich gemacht und gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Hintergründe beleuchtet.

Bibliographische Angaben:
Terasaki, Akiko & Lenz, Ilse (Hrsg. & Übers.): „Ito Noe – Frauen in der Revolution – Wilde Blume auf unfreiem Feld“, Karin Kramer Verlag, Berlin 1978

Montag, 26. August 2013

Sakae Osugi

Sakae Osugi
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Sakae Osugi wurde 1885 als Sohn eines Militärs geboren. Zeitweise besuchte er aufgrund des günstigen Schulgelds eine Kadettenschule, wurde aber 1901 wegen einer Schlägerei von der Schule ausgeschlossen. Schließlich trat er 1903 in die Fremdsprachenschule von Tokio ein und studierte französische Literatur. In dieser Zeit begann er sich für den Sozialismus zu interessieren.

1906 wurde er das erste Mal verhaftet, als er gegen eine Fahrpreiserhöhung demonstrierte. Es sollten noch viele weitere Verhaftungen folgen (u.a. wegen dem Dachrede- und dem Rote-Flagge-Zwischenfalls). Die Haftzeiten nutzte er zum Lesen und er erlernte verschiedene europäische Fremdsprachen. Nach der Lektüre von Kropotkins Ideen wendete er sich dem Anarchismus zu.

Nachdem 1910 der japanische Sozialismus mit der Hinrichtung von zehn wichtigen Führern einen herben Rückschlag erlitten hatte, begann Sakae Osugi diverse Übersetzungsarbeiten und die Herausgabe von verschiedenen Zeitschriften. Obwohl verheiratet begann Sakae Osugi eine Vierecksbeziehung, die neben seiner Ehefrau auch die Journalistin Ichiko Kamichika und die Feministin Noe Ito umfasste. Sie endete mit einem Mordversuch von Ichiko Kamichika an Sakae Osugi und ließ Osugis Projekt der „freien Liebe“ scheitern. Daraufhin lebte Sakae Osugi mit Noe Ito zusammen.

Sakae Osugi engagierte sich für die Gewerkschaftsarbeit und versuchte, die linken Kräfte Japans zu bündeln. Eine Reise nach Europa gelang ihm, nachdem er die Polizeiüberwachung ausgetrickst hatte. Dennoch erreichte er sein Ziel, den zweiten internationalen Anarchistentag in Berlin, nicht, da er in Frankreich wegen Passvergehens festgenommen und nach Japan abgeschoben wurde.

Während den Unruhen nach dem großen Kanto-Erdbeben wurden Sakae Osgui, Noe Ito und Osguis 6-jähriger Neffe von der Polizei verhaftet und umgebracht. Da die Polizeieinheit unter dem Kommando von Hauptmann Amaksua stand, ist dieser Mord als Amakusa-Zwischenfall in die Geschichte eingegangen.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Sonntag, 25. August 2013

Noe Ito

Noe Ito
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Noe Ito wurde 1895 in die Familie eines verarmten Händlers und Arbeiters, wohnhaft in einem Dorf auf Kyushu, hineingeboren. In der dörflichen Gemeinschaft erlebte sie vor allem die Frauen als ein vitales, umtriebiges Geschlecht. Im Alter von 10 Jahren ging Noe Ito zu ihrem Onkel nach Nagasaki, um dort die Mittelschule zu absolvieren. Erst hier wurde sie mit den strengen Weiblichkeitsidealen konfrontiert, während sie selbst selbst wie ein „boyish girl“ wirkte. In der Schulzeit begann sie mit dem Verfassen von Gedichten. Dank der Unterstützung eines Freundes ihres Onkels, der selbst Schriftsteller war, konnte sie ein liberales Mädchengymnasium in Tokio besuchen.

Jedoch wäre Noe Ito nach dem Abitur fast mit einem Landwirt zwangsverheiratet worden, hätte sie nach ihrer Verlobung nicht Reißaus genommen. Sie versteckte sich zunächst bei ihrer Tante, kehrte dann nach Tokio zurück und fand dort die Unterstützung ihres Englischlehrers Jun Tsuji, den sie 1915 heiratete. Aufgrund ihrer Affäre wurde Jun Tsuji von der Schule entlassen.

Noe Ito begann, an der feministischen Zeitschrift Seito (Blaustrumpf) mitzuarbeiten. Später wurde sie Herausgeberin und Chefredakteurin. Da ihr Ehemann keine geregelte Arbeit fand, oblag es primär ihr, für den Lebensunterhalt und die beiden gemeinsamen Kinder aufzukommen. Schließlich trennte sie sich von Jun Tsuji, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Noe Ito hatte zwischenzeitlich den Anarchisten Sakae Osugi kennen und lieben gelernt. Sie praktizierten eine Art von „freier Liebe“, da Sakae Osugi offiziell mit zwei weiteren Frauen verkehrte, aber diesen ebenfalls sexuelle Freizügigkeit zugestand. Als eine der Frauen Sakae Osugi aus Eifersucht zu töten versuchte, zerbrach das Vierergespann.

Noe Ito lebte fortan in wechselnden Wohnungen mit Sakae Osugi zusammen. Sie gebar ihm mehrere Kinder, die sie unter anderem Mako (in der Schreibung von „Teufelskind“), Ema (nach der Feministin und Anarchistin Emma Goldman), Louise (nach der Autorin und Anarchistin Louise Michel) und Nestor (nach dem Anarchisten Nestor Machno) nannten.

Die Wirren nach dem Großen Kanto-Erdbeben wurden von der Polizei genutzt, um sich dem lästigen anarchistischen Ehepaar zu entledigen: Noe Ito und Sakae Osugi wurden zusammen mit einem 6-jährigen Neffen Osugis verhaftet. Das Paar wurde gefoltert und alle drei wurden erdrosselt in einen Brunnen geworfen.

Noe Ito hatte einen gewaltsamen Tod ihrerseits bereits vorausgesehen. Am 16. September 1921 starb sie mit nur 28 Jahren. Die Kinder des Paares wurden in die Familien väterlicher- und mütterlicherseits aufgeteilt und umbenannt.

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Ins Deutsche übersetzte Werke und hier rezensiert:

Montag, 19. August 2013

„Schwimmen mit Elefanten“ von Yoko Ogawa

„Größerwerden ist eine Tragödie.“ (S. 250) – zu dieser Einsicht ist der Junge gekommen, der sich Kleiner Aljechin nennt und daraufhin beschließt, nicht mehr zu wachsen. Denn konnte nicht das Elefantenbaby, das seinerzeit auf einem Kaufhausdach aufgewachsen ist und schließlich zu groß für den Fahrstuhl geworden war, nicht mehr ins Erdgeschoss zurückkehren und musste sein Leben auf der Terrasse verbringen? Oder war sein Schachlehrer nicht schon fast zu dick geworden, um den Bus, in dem er wohnte, zu verlassen? Und was ist mit Miira, die als Kind in einen Spalt zwischen zwei Wohnhäuser gefallen war und nun dazu verdammt war, in der Enge weiterzuleben? Aber eigentlich mag der Junge es ja ganz gern beengt. Gut, dass sein Großvater so verständig ist und ihm einen abgeschlossenen Alkoven für sein Bett errichtet hat – denn hier fühlt sich der Kleine Aljechin besonders wohl.

Abgesehen von seinen imaginierten Freunden Miira und dem Elefanten Indira hat der Junge keinen Anschluss. Doch eines Tages lernt er seinen Meister kennen – der Hausmeister mit einem ungezügelten Appetit auf Süßigkeiten lehrt dem Jungen das Schachspielen und begeistert ihn für die Faszination des Schachs. Hier entfaltet der Junge, der ein Poet auf dem Schachbrett wie der legendäre Spieler Aljechin ist, ein großes Talent und wagt sich das erste Mal hinaus auf einen Ozean der unbeschränkten (Zug-)Möglichkeiten. Doch auch beim Spielen zeigt sich, dass der Kleine Aljechin den Rückzug als Sicherheit benötigt: Statt vor dem Schachbrett zu sitzen, liegt er lieber darunter. Was auch seinen Eintritt in einen renommierten Schachclub behindern soll.

Gut, dass es selbst für den Kleinen Aljechin einen passenden Job gibt. Da er so kleinwüchsig ist, passt er perfekt in einen Schachautomaten, der den Spielern vorgaukeln soll, sie würden gegen eine Maschine spielen. Hier assistiert dem Jungen ein Mädchen, das seiner imaginierten Freundin Miira aufs Haar gleicht – endlich findet der kleine Aljechin wieder eine Freundin aus Fleisch und Blut. Doch bald wird der Junge empfindlich aus seinem Alltag gerissen.

Yoko Ogawa ist mit „Schwimmen mit Elefanten“ ein wehmütiges Märchen gelungen. Wer kann es dem Kleinen Aljechin verübeln, wenn er für sich die Zeit anhalten mag, in einer geschützten Atmosphäre agieren will. Erst im Schachspiel wird er wagemutig und stellt sich multioptionalen Möglichkeiten. So findet der Junge seine Berufung.

Und sicherlich lebt der Roman nicht nur von der Darstellung des Protagonisten. Wieder einmal zeichnet Yoko Ogawa verschrobene Charaktere, die in „Schwimmen mit Elefanten“ besonders liebenswert sind: Die Großmutter, die seit dem Tod der eigenen Tochter permanent ein bestimmtes, zwischenzeitlich völlig derangiertes Geschirrtuch als Talisman mit sich herumträgt. Der dicke Schachlehrer, der die besten Süßspeisen zubereiten kann. Miira, die immer eine Taube auf der Schulter sitzen hat… So ist nicht nur das Schachspiel des Kleinen Aljechins von Poesie geprägt – sie findet sich überall in dem zauberhaften Roman von Yoko Ogawa wieder.

Bibliographische Angaben:
Ogawa, Yoko: „Schwimmen mit Elefanten“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Mangold, Sabine), Liebeskind, München 2013, ISBN 978-3-95438-013-8

Mittwoch, 14. August 2013

„The Ring“ von Koji Suzuki

Vor Koji Suzukis „The Ring“ habe ich mich eine ganze Weile erfolgreich gedrückt. Bei grusligen Storys werde ich zur absoluten Memme, habe abends Angst davor, das Licht auszumachen und kann nicht einschlafen, wenn ich auch nur ein komisches Geräusch höre. Den Film „The Ring“ kenne ich nur vom Trailer her, aber ich hatte die Befürchtung, dass die Romanvorlage irre unheimlich sein müsste und mich um meinen Schlaf bringen würde. Zwar ist der Psychohorrorroman durchaus nicht unspannend, aber einen besonders großen Thrill hat er mir dann doch nicht bereitet. Gott sei Dank...

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als vier Teenager unter mysteriösen Umständen zu Tode kommen. Trotz des jungen Alters sterben sie an akutem Herzversagen zur selben Zeit an drei verschiedenen Orten. Der Reporter Asakawa ist der Onkel eines Opfers und erfährt durch einen Zufall von einem weiteren Fall. Sein journalistischer Instinkt verneint einen Zufall und Asakawa beginnt zu recherchieren: Die vier Teenager scheinen exakt eine Woche nach einem gemeinsamen Aufenthalt in einem Feriendorf in Hakone gestorben zu sein.

Als sich Asakawa in demselben Bungalow einmietet, in dem sich die Jugendlichen aufgehalten haben, fällt ihm ein Video in die Hände, von dem er vermutet, sie hätten es sich vor Ort angesehen. Als Asakawa das Band startet, laufen einige schauerliche Szenerien ab, die ihm die Gänsehaut über den Rücken jagen. Das Video enthält zudem die Botschaft, dass jeder Zuseher nach Ablauf von einer Woche das Zeitliche segnen wird, wenn er nicht die folgenden Anweisungen befolgt… Doch genau diese scheinen die Jugendlichen überspielt zu haben, dass Asakawa die Chance nicht wahrnehmen kann, die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Der Tod der Teenager lässt keinen Zweifel daran, dass der Fluch auf dem Video tatsächlich eintreten wird.

Völlig verzweifelt zieht Asakawa seinen Kumpan Ryuji, der sich auf parapsychologische Phänomene spezialisiert hat, hinzu. Gemeinsam versuchen sie Licht ins Dunkle zu bringen, wie das Video entstanden sein mag, wer hinter seiner Aufzeichnung steckt – und vor allem, wie der Fluch aufgehoben werden kann. Denn zwischenzeitlich hat nicht nur Asakawa das unheilbringende Video gesehen.

Zwischendurch liest sich „The Ring“ wie ein normaler Kriminalroman. Die grusligen und mystischen Elemente finden sich jeweils (fast) nur zu Beginn und am Ende des Thrillers. Daher ist es mit dem Horror auch nicht allzu weit her. Da waren mir die Erzählungen in Koji Suzukis „Dark Water“ schon sehr viel unheimlicher. Nichtsdestotrotz bietet der erste Teil von „The Ring“ spannende, solide Unterhaltung, von der man sich allerdings nicht zuviel erwarten sollte.

Bibliographische Angaben:
Suzuki, Koji: „The Ring“ (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Liessen, Bernhard & Marburger, Katrin), Heyne, München 2003, ISBN 3-453-86679-7

Dienstag, 13. August 2013

„Das Mädchen Tsunako“ von Seiichi Funabashi

Seiichi Funabashis „Das Mädchen Tsunako“ hat mich ehrlich gesagt etwas ratlos zurückgelassen. Was wollte der Autor mit seinem Werk denn aussagen? Die Handlung ist relativ schnell umrissen: Die neunjährige Tsunako ist vernarrt in ihre hübsche Tante Iseko. Und diese wiederum ist unglücklich verliebt in den Geschäftsmann Izuminaka. Obwohl er Iseko die Heirat versprochen hat, ehelicht er eine ehemalige Geisha, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Trotzdem führt Iseko die unglückliche Liaison fort, bis sie in einem Badeort Selbstmord begeht.

Jahre später ist Tsunako, die ihrer Tante sehr ähnlich sieht, zur jungen Frau gereift und wird nun selbst zum Objekt der Begierde für Izuminaka. Zunächst scheint es so, als ob Tsunako ihm den Tod der Lieblingstante übel nimmt, doch schließlich ist sie Wachs in seinen Händen. Sehr zum Ärgernis ihrer Eltern und Izuminakas Ehefrau.

Wenn man so möchte, zeigt Seiichi Funabashi hier den Zusammenprall von Moral und sexuellen Begierden. Doch als Hauptbotschaft des Romans aus den 60er Jahren erscheint mir dies zu implizit eingeflochten in die Handlung. Ohnehin werden einem die Motivationen von Tsunako nicht wirklich klar: Erst will sie sich an Izuminaka für Isekos Tod rächen, dann ist sie so von seiner „Würde“ angetan, freut sich, der „Wolllust“ mit Izuminaka zu frönen, verspricht den Eltern Gehorsam, nur um dem Versprechen im nächsten Moment zuwider zu handeln… Ohnehin mag man dem Autor, der die Handlung primär aus Tsunakos Sicht voran treibt, unterstellen, sich einer sehr platten Sicht der weiblichen Perspektive zu bedienen. Für ihn scheint auf der Hand zu liegen, dass die Frau die passive und der Mann die aktive Rolle in einer Beziehung inne haben und dass Frauen ganz grundsätzlich dazu neigen, permanent ihre Meinung zu ändern. Letzteres spiegelt sich tatsächlich in dem Verhalten von Tsunako wieder. Andererseits ist dies freilich ein top Argument für den Autor, Tsunakos Gedankengänge nicht nachvollziehbar darstellen zu müssen. Letzteres ist sicherlich eine gemeine Unterstellung meinerseits, aber aus heutiger Sicht wirken solche geschlechterspezifischen Allgemeinplätze nun mal antiquiert.

Der Originaltitel von „Das Mädchen Tsunako“ lautet „Eine Frau aus der Ferne“. Dies mag implizieren, dass Iseko als Bezugsperson immer weiter in die Ferne rückt und nicht weiter das Schicksal von Tsunako und Izuminaka beeinflusst. Dass Iseko kurz vor ihrem Tod das Tagebuch der unangepasst lebenden Hofdame Murasaki Shikibu gelesen hat, kann auch darauf hinweisen, dass aus der Ferne der Zeit Moral weniger wichtig erscheint als die wahre Liebe. Doch trotzdem werde ich nicht schlau aus dem Roman: Ist Seiichi Funabashi ein Verfechter der freien Liebe? Pfeift er auf Moralvorstellungen und die konfuzianische Pietät? Will er zeigen, dass eine jüngere Frauengeneration weniger verletzlich ist als ältere Generationen? Oder dass kein Kraut gegen die Liebe gewachsen ist?

Bibliographische Angaben:
Funabashi, Seiichi: „Das Mädchen Tsunako“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Benl, Oscar), Horst Erdmann, Tübingen/Basel 1967

Montag, 12. August 2013

Seiichi Funabashi

Seiichi Funabashi
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Der Autor Seiichi Funabashi (manchmal auch: Funahashi), der 1904 in Tokio geboren und dort 1976 gestorben ist, litt als Kind unter Asthma. Als sein Vater, ein Assistenz-Professor an der Kaiserlichen Universität von Tokio, zu Studienzwecken nach Deutschland geschickt wurde, wurde Seiichi Funabashi in die Obhut seiner Großmutter, in die Präfektur Kanagawa geschickt.

Schon als Oberschüler schrieb er erste Theaterstücke und später beteiligte er sich an der Shingeki-Bewegung. 1934 erschien Seiichi Funabashis erster Roman „Tauchen“ in der liberalen Zeitschrift Kodo. 1940 trat er der staatlich geförderten „Literaturfront“ bei, der mehr als 40 populäre Autoren angehörten, um die Kriegsmoral literarisch zu unterstützen. Er hielt zudem Vorlesungen an der Takushoku- und der Meiji-Universität.

1949 wurde er Teil des Auswahlkomitees des Akutagawa-Preises. 1964 erhielt er den Mainichi-Preis; 1966 wurde er Mitglied der japanischen Künstlerakademie. Ein Jahr später gewann er den Noma-Preis.

Da sein Augenlicht immer schlechter wurde, musste Seiichi Funabashi ab 1966 seine Werke diktieren. Zehn Jahre später starb er an einem Herzinfarkt.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Romane und hier rezensiert:

Sonntag, 11. August 2013

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami

Das Schöne an diesem Blog ist, dass ich einen Grund habe, meine Haruki Murakami-Bücher nochmals zu lesen, um sie zu rezensieren. „Kafka am Strand“ war mein erster Haruki Murakami und auch mein Einstieg in die japanische Literatur überhaupt. Ich war bei der zweiten Lektüre gespannt, ob sich dieselbe Faszination wie beim ersten Mal erneut auslösen würde. Und ja, für „Kafka am Strand“ kann ich immer noch nur die lobendsten Worte finden. Der Roman ist und bleibt einfach mein liebster Haruki Murakami. Die Protagonisten gehen einem zu Herzen, die Handlung ist phantastisch ohne ins Fantasy-Genre abzudriften und bietet Platz für eigenen Interpretationsspielraum. Eine glasklare Lösung darf der Leser freilich nicht erwarten. Denn „Kafka am Strand“ steckt voller Grenzgänge, die sich nicht einfach auflösen lassen: Grenzgänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart, Leben und Tod, Innen und Außen, zwischen Realitätsebenen, Geschlechtergrenzen, verschiedenen Seiten des Ichs, Zeiten…

Im Zentrum der Geschehnisse steht der Teenager Kafka Tamura, der von Zuhause ausreißt. Zuhause ist in Tokio bei seinem alleinerziehenden Vater, einem berühmten Bildhauer. Dieser hat Kafka eine düstere Prophezeiung gemacht – Kafka nimmt lieber Reißaus, bevor ihn sein Vater zu etwas machen kann, das er nicht sein möchte. Ohne im Vorfeld zu wissen, wohin er gehen soll, landet Kafka an einem Ort, den er zwar nicht aktiv gesucht hat, der ihm aber das Gefühl gibt, hier richtig zu sein. Es ist eine privat betriebene Bibliothek, in der Oshima und Saeki arbeiten. Oshima ist weder Mann noch Frau, Saeki lebt in ihren Erinnerungen und ist nur körperlich anwesend; gedanklich ist sie in der Vergangenheit bei ihrem verstorbenen Liebsten. Mit Saeki glaubt Kafka seine verschwundene Mutter getroffen zu haben.

In einer zweiten Erzählebene begegnet man dem 60-jährigen Nakata, der als Junge sein Gedächtnis verloren hat – ebenso wie die Dichte seines Schattens. Zwar ist Nakata nicht mehr fähig, zu lesen und sich außerhalb seines Viertels zu Recht zu finden, dafür kann er aber mit Katzen sprechen. Seine Sozialhilfe bessert er damit auf, verschwundene Katzen aufzuspüren. Doch eines Tages kreuzt ein Katzenmörder namens Johnny Walker seinen Weg – und drängt Nakata zu Dingen, die er unter normalen Umständen nie tun würde. Als Folge muss Nakata aus Tokio verschwinden, lässt Sardinen, Makrelen und Blutegel regnen und findet unversehens einen getreuen Helfer in dem Fernfahrer Hoshino. Als Ziel kristallisiert sich die Bibliothek heraus, in der sich Kafka gerade aufhält. Ein Kreis scheint sich zu schließen – denn auch Saeki hat nur einen halb so dichten Schatten wie andere Menschen.

Typisch Haruki Murakami werden auch philosophisch angehauchte Gespräche geführt; primär zwischen Oshima, der guten Seele der Bibliothek, und Kafka, wie z.B.

„Je dringender man etwas sucht, desto weniger findet man es. Aber wenn man einer Sache entkommen will, stößt man wie von selbst auf sie.“ (S. 215)

So wird Oshima zum Berater von Kafka, der sich in einer multiplen Krise befindet: Er verliebt sich zum ersten Mal unglücklich, wird eines Mordes verdächtigt, hat einen Gedächtnisaussetzer und weiß bald nicht mehr, wohin mit sich selbst. Die Dialoge zwischen Oshima und Kafka tragen die Handlung zwar nur bedingt weiter, sind aber dennoch unverzichtbar für den Charme, der „Kafka am Strand“ ausmacht. Ein bisschen verdutzt war ich trotzdem auf Seite 391, als ich auf das Tschechow Zitat „Wenn man im 1. Akt eine Pistole auf die Bühne bringt, muss sie im letzten Akt abgefeuert werden“ gestoßen bin. Dies hat der Autor auch in dem letzten Roman „1Q84“ als Aufhänger für eine Diskussion unter den Charakteren genutzt. Ging dem großen Haruki Murakami denn in „1Q84“ der Stoff für tiefschürfende Dialoge aus?

„Kafka am Strand“ kann gut und gerne als Märchen für Erwachsene durchgehen. Und die Moral von der Geschicht? Vielleicht diese hier:

„Es klingt platt, aber was geschehen wird, weiß man erst, wenn es wirklich geschehen ist. Mitunter sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.“ (S. 475)

Bibliographische Angaben:
Murakami, Haruki: „Kafka am Strand“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Gräfe, Ursula), btb, München 2006, ISBN 978-3-442-73323-1

Samstag, 10. August 2013

„Japanische Meister der Erzählung“ herausgegeben von Kakuji Watanabe

Elf Erzählungen von neun Autoren sind in „Japanische Meister der Erzählung“ versammelt. Mein unangefochtenes, persönliches Highlight des Bandes ist die Übersetzung von Ryunosuke Akutagawas „Kappa“. In der Erzählung wird die Geschichte des Kranken Nr. 23 aufgezeichnet, der steif und fest behauptet, im Land der Kappas, der Wasserkobolde gewesen zu sein. Inspiriert von „Gullivers Reisen“ spinnt Ryunosuke Akutagawa eine satirische Story, die die japanische Gesellschaft karikiert und die Akutagawa politisches Engagement attestiert. In „Kappa“ gelangt ein Wanderer und Ich-Erzähler unversehens ins Land der Kappas. Der Mensch wird freundlich aufgenommen und erlernt die quakende Sprache der Kobolde. Im Alltag im Kappaland fallen dem beobachtenden Erzähler allerhand Ungereimtheiten auf, auf die die Kappas allerdings meist ein äquivalentes Problem in Japan zur Hand haben. So zum Beispiel wird im Kappaland um „Vererbungswillige“ gebuhlt: Kappas, heiratet Proletarier, um ein bestmögliche Vermischung der Gene zu erzielen! In Japan wiederum wird der Genpool durch die Liebesaffären zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Milieus durchmixt. Im Kappaland werden primär Konzerte von der Polizei gestürmt und verboten – denn wer kein Ohr für Musik hat, kann leicht Unsittlichkeit in sie hineininterpretieren. In Japan ist in den 20ern ebenfalls die Zensur ein beliebtes Mittel, Künstler zum Schweigen zu bringen. Werden Arbeiter im Kappaland aus Rationalisierungsprozessen ausgesperrt, greift das Gesetz der Arbeiterschlachtung. Giftgas erspart ihnen das Schicksal, zu verhungern oder sich aus der Not selbst zu töten. In Japan dagegen werden junge Mädchen wie Sklavinnen in die Prostitution verkauft, wenn es die materiellen Umstände der Familie erfordern. Wie in Japan, so herrscht auch in Kappaland das Kapital: Die Großindustriellen steuern sowohl die Politik als auch die Medien. Oh, pardon… korrekterweise sind es im Kappaland die Frauen der Großindustriellen und Mächtigen, die das Land kontrollieren. Eine hervorragende Analyse von „Kappa“ findet sich auch auf dem Blog „Behold My Swarthy Face“,  der insbesondere auch auf Ryunosuke Akutagawas Verhältnis zur proletarischen Literaturbewegung eingeht.

Vom selben Autor stammen die Werke „Raschomon“ und „Zauberkünste“, die ebenfalls in „Japanische Meister der Erzählung“ enthalten sind: Ein entlassener Knecht steht unschlüssig am Kiotoer Tor Raschomon und weiß sich nicht zu helfen. Über Kioto ist in den letzten Jahren eine Katastrophe nach der nächsten hereingebrochen; die Stadt gleicht einer Wildnis. Was bleibt dem mittel- und arbeitslosen Knecht hier anderes übrig, als nun kriminell zu werden? Im Torhaus von Raschomon werden namenlose Leichen aufgebahrt – und der Knecht benötigt eine Unterkunft für die Nacht. Doch nicht nur er kommt auf die Idee, sich nachts im Leichenhaus herum zu treiben.

Ein bisschen okkult geht es dagegen in „Zauberkünste“ zu. Der Ich-Erzähler lässt sich von einem indischen Magier einige Zaubertricks vorführen. Völlig gebannt von der Kunst des Inders äußert der Protagonist den Wunsch, diese Magie zu erlernen. Doch er wird gewarnt – nur ein Mann, der frei ist von Habgier, kann die Zauberei erlernen. Ob der Ich-Erzähler diesem Anspruch gewachsen ist?

„Japanische Meister der Erzählung“ enthält zudem ein Werk von Kan Kikuchi, der seinerzeit den Akutagawa-Literaturpreis ins Leben gerufen hat. In „Jenseits von Liebe und Hass“ wird nüchtern die Geschichte von Ichikuro erzählt: Weil seine Affäre mit der Nebenfrau seines Herrn aufgeflogen ist, wird Ichikuro von dem entehrten Nakagawa angegriffen. Doch Ichikuro wehrt sich erbittert und tötet dabei seinen Herrn Nakagawa. Zusammen mit seiner Geliebten Oyumi flieht er aus Yedo – und wird mehr und mehr zum Verbrecher. Das Pärchen beginnt mit Erpressungen und schließlich drängt die gierige Oyumi den willfährigen Ichikuro zum wiederholten Male zum Raubmord. Doch schließlich zeigt sich Ichikuros Gewissen. Er flieht vor Oyumi, wird Mönch in einem Tempel, um schließlich als Wanderpriester durch Japan zu wandern und Gutes zu tun. Er findet seine Möglichkeit, Sühne zu leisten, indem er an einer gefährlichen Wegstrecke, die schon manchem das Leben kostete, einen Weg durch einen Fels treiben will. Jahrelang hackt Ichikuro auf das Massiv ein und kommt nur minimal mit seiner Arbeit voran. Zwischenzeitlich ist Nakagawas Sohn erwachsen und begibt sich auf die Suche nach Ichikuro, um an ihm Rache zu üben.

Von Masao Kume liegt mit „Der Tod meines Vaters“ eine sehr autobiographische Erzählung vor. Sein Vater, der Schuldirektor war, beging Selbstmord, nachdem die Bilder des Kaisers und der Kaiserin bei einem Schulbrand zerstört wurden. Diese heutzutage unglaubliche Tat zeichnet Masao Kume aus der Sicht des kleinen Sohns auf.

„Das Geleitschiff“ von Ogai Mori handelt von dem verurteilten Verbrecher Kiske, der auf eine Gefängnisinsel transportiert wird. Im Gespräch mit dem Beamten Haneda werden Fragen über die Schuld von Kiske aufgeworfen, der seinen eigenen Bruder ermordet haben soll.

In den Jahren 1925 bis 1926 veröffentlichte Naoya Shiga vier Teile von „Aus dem Leben eines Malers“. In „Die weiße Glyzinie“ wird der Leser mit dem Ischias-kranken Maler Ryudo Yajima bekannt gemacht, der von seiner schwerhörigen Schwester Tane gepflegt wird. Nicht nur seine Schwester quält Yajima mit seinem Gemüt – er hetzt auch seinen Schüler von Glyzinie zu Glyzinie, um deren Wuchs zu untersuchen. Mit „Rot-Obi“ macht Yajima in einem Badeort Bekanntschaft. Das Mädchen mit dem roten Obi bezaubert ihn von Weitem – aus der Nähe betrachtet wirkt sie jedoch eher wie ein Dorftrampel. Zurück zu Hause kommt Yajima der plötzliche Einfall, er wolle ein „Wasserhuhn“ halten. Doch dem angeschafften Hühnchen bekommt der Aufenthalt bei Yajima gar nicht gut. Und gleich mit einem weiteren Federvieh bekommt es Yajima zu tun, als ein „Neuntöter“ mit einer Schlange kämpft.

Eine tragische Liebesgeschichte erzählt Tatsuo Hori mit „Die heilige Familie“: Nach dem Tod von Kuki, hinter dem sich Ryunosuke Akutagawa verbergen soll, lernt die Witwe Saiki den jungen Henri kennen. Henri und Saikis Tochter Kinuko verlieben sich ineinander, können sich diese Liebe aber nicht gestehen. Sind die Saikis zu heilig für Henri oder ist er ohnehin durch seine Bekanntschaft mit Kuki dem Tode bereits nah?

Auch in Fumiko Hayashis Erzählung „Akkordeon und Stadt der Fische“ wird es autobiographisch: Als Mädchen tourte die Autorin mit ihrem Stiefvater, der Hausierer war, durch Japan. So ergeht es auch der Ich-Erzählerin, die mit Vater und Mutter unterwegs ist. In einem Städtchen steigen sie aus dem Zug, da der Vater hier Verdienstmöglichkeiten wittert. Fumiko Hayashi zeichnet das Leben der Hausierertochter auf, die eingeschult wird und sich in den Sohn des Fischhändlers verliebt. Wenn doch nur ihr Vater nicht anfangen wurde, Schmarrn zu verkaufen…

Saisei Murou erzählt von „Gott oder Weib“ – eigentlich jedoch mehr von „Weib“, da sein Protagonist ein ziemlicher Weiberheld ist und sich allerhand Geliebte hält. Da wären Aliko, Shinoe, Kazuko und Harue. Keine der Frauen ist freilich glücklich mit der momentanen Situation.

Und schließlich enthält „Japanische Meister der Erzählung“ auch Junichiro Tanizakis „Tätowierung“ (identisch mit „Das Opfer“ in dem Sammelband „Mond auf dem Wasser“): Seikichi ist ein Tätowiermeister in Yedo, der sadistisch veranlagt ist. Es macht ihm eine diebische Freude, wenn sich die Kunden unter seiner Nadel vor Schmerzen winden. Doch sein Herzenswunsch ist ihm bisher verwehrt geblieben – er möchte die ideale Frau tätowieren. Eines Tages hat Seikichi das ungemeine Glück, dass die perfekte Frau als Botin zu ihm geschickt wird. Der Tätowiermeister zeigt dem jungen Mädchen sadistische Rollbilder und bemerkt, dass sie sich in den Motiven wiederzufinden scheint. Schließlich betäubt er sie und tätowiert ihr eine Spinne auf den Rücken, die ihre Fähigkeit symbolisieren soll, Männer zu ihren Opfern zu machen. Seikichi selbst soll ihr erstes werden.

In Kakuji Watanabes „Japanische Meister der Erzählung“ tummeln sich damit allerhand lesenswerte Erzählungen. Wem der Band aus dem Jahr 1960 in einem Antiquariat in die Hände fällt, der sollte nicht zögern, sondern zuschlagen. Insbesondere Ryunosuke Akutagawas „Kappa“ sollte das Geld wert sein!

Bibliographische Angaben:
Watanabe, Kakuji (Hrsg.): „Japanische Meister der Erzählung“ (Übersetzung aus dem Japanischen: Watanabe, Kakuji), Walter Dorn Verlag, Bremen 1960