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Freitag, 30. Dezember 2011

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata

Tokio in den 50er Jahren: Der Ich-Erzähler und Student Fumio findet ganz unerwartet in einem Antiquariat die Gesamtausgabe des Autors H., die erst vor kurzem komplett erschienen ist. Fumio ist verwundert, dass er sie so kurz nach Veröffentlichung günstig erstehen kann, und da die Bücher eine rätselhafte Anziehungskraft auf ihn ausüben, kann er nicht widerstehen, sie zu kaufen.

Als Fumios Freundin Setsuko einen Blick in die Bücher wirft, erkennt sie das Exlibris wieder. Ihr Kommilitone Sano hatte ihr ein Buch mit demselben Exlibris geliehen, bevor er auf Weisung der Kommunistischen Partei in den Untergrund ging. Setsuko ist neugierig, was aus Sano geworden ist und beginnt, ihre gemeinsamen Bekannten zu befragen.

So löst Fumios Buchkauf eine ganze Kette von Ereignissen aus, durch die der Leser nicht nur Fumio und Setsuko, sondern auch deren Freundeskreis kennen lernt: Fumio und Setsuko kennen sich seit ihrer Kindheit. Da Setsukos Familie in Fumio einen idealen Ehemann sieht, verloben sich die beiden. Doch die Beziehung erscheint eher platonisch als leidenschaftlich. Sano meint, sein Herz schlüge nur für die KP – und enttäuscht sich selbst maßlos beim Mayday-Zwischenfall: Als es zum Zusammenstoß mit der Polizei kommt, flieht er statt sich wie seine Parteifreunde dem Kampf zu stellen. Seitdem fühlt er sich als Versager. Sone ist ebenfalls kommunistisch eingestellt, steht den Weisungen der KP jedoch kritisch gegenüber. Sones Kollege Miyashita hat über Omiai Setsukos Arbeitskollegin Kazuko kennen gelernt. Bevor er sie heiratet, bittet er Fumio um eine kleine Recherche über die Charaktereigenschaften Kazukos. Fumio weiß mehr, als er Miyashita gegenüber zugeben möchte: Kazuko und ihr ehemaliger Professor sind unglücklich ineinander verliebt. Um Kazuko versorgt zu wissen, hatte der Professor das Omiai eingefädelt. Und dann gibt es noch Nose, der sich ebenfalls der KP verschrieben hat und nach deren Weisung, den bewaffneten Widerstand aufzugeben, völlig desillusioniert und hilflos ist.

„Und unsere Tage waren es doch“ von Sho Shibata ist trotz der Handlung rund um die KP kein politischer Roman. Vielmehr illustriert er das Lebensgefühl der Studenten im Japan der 50er Jahre und ihre diversen individuellen Schicksale. Dadurch dass Setsuko als emanzipierte Frau beschrieben wird, gilt Sho Shibatas Roman als eines der ersten emanzipatorischen literarischen Werke Japans.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Sho Shibata

Der Autor Sho Shibata wurde 1935 in Tokio geboren. Zunächst studierte er Ingenieurswissenschaften an der Universität Tokio, wechselte dann aber zur Germanistik.

Von 1962 bis 1964 weilte Sho Shibata zu Studienzwecken in Frankfurt. Der Roman „Und unsere Tage waren es doch“, den er vor seiner Abreise nach Deutschland fertiggestellt hatte und für den er 1964 in Abwesenheit den Akutagawa-Literaturpreis erhielt, entwickelte sich zu einem langfristigen Bestseller (die aktuelle deutsche Übersetzung basiert immerhin auf der schon 91. Auflage aus dem Jahr 1975).

Neben seiner literarischen Laufbahn, während der er Romane, aber auch Essays, literaturwissenschaftliche Abhandlungen und Übersetzungen aus dem Deutschen verfasste, verfolgte Sho Shibata bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1995 vor allem eine wissenschaftliche Karriere an der Universität von Tokio. Von 1999 bis 2007 war Sho Shibata Jurymitglied für verschiedene Literaturpreise. 

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Ins Deutsche übersetze Erzählungen/Romane und hier rezensiert:

    Mittwoch, 28. Dezember 2011

    „Das Fest des Abraxas" von Gen’yu Sokyu

    Auf „Das Fest des Abraxas" arbeitet der Zen-Priester Jonen hin. Der manisch-depressive, alkoholkranke, knapp 40-Jährige, der einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich hat, liebt die Musik und findet darin eine ekstatische Möglichkeit, den Alltag zu transzendieren. So bittet er seinen Vorgesetzten Genshu um die Erlaubnis, in dem kleinen Ort, in dem er Seelsorge betreibt, ein Konzert zu veranstalten. Genshu sieht ein Risiko darin, dass sich Jonen in der Öffentlichkeit lächerlich machen könnte, gibt aber dennoch seine Zustimmung. Der Leser begleitet Jonen in "Das Fest des Abraxas" nicht nur bei den Vorbereitungen des Konzerts, sondern auch durch seine manisch-depressiven Phasen und der Darlegung seiner religiösen Ansichten.

    Gen’yu Sokyus Werk ist ein leiser Roman, der in den Zwischentönen gesellschaftliche Problemstellungen anspricht: Die Auswirkungen der platzenden Bubble Economy auf individuelle Schicksale; Generationskonflikte; Ehen, die nur noch einer Wohngemeinschaft gleichen; fehlender Respekt dem Ehepartner gegenüber; Umgang mit depressiven und alkoholkranken Menschen; das einsame Sterben von alten Verwandten etc.

    Doch trotz aller Probleme, die Jonen hat bzw. auf sich zukommen sieht, bleibt die Hoffnung auf Versöhnung und individuelles Ausleben der eigenen Persönlichkeit.

    Montag, 26. Dezember 2011

    Gen’yu Sokyu

    Gen’yu Sokyu wurde 1956 als Sohn eines Zen-Priesters in Miharu in der Präfektur Fukushima geboren. Er studierte chinesische Literatur an der Keio-Universität. Mit 28 Jahren wurde er buddhistischer Mönch. Momentan unterstützt er seinen Vater im Zen-Tempel von Miharu.

    Gen’yu Sokyu debütierte erst im Jahr 2000 als Autor. 2001 erhielt er den Aktuagawa-Preis. Sein Schaffen umfasst neben fiktionaler Literatur auch Essays und Ratgeber. Gen’yu Sokyus Romane spielen meist im Priestermilieu und enthalten spirituelle Sichtweisen.

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      Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

      Freitag, 23. Dezember 2011

      „Braut des Windes“ von Kenji Hara

      Kenji Haras „Braut des Windes – Versuch einer Geschichte“ enthält die vier Erzählungen „Frau im Schatten“, „Braut des Windes“, „Wiener Festwochen“ und „Eine Geschichte von ihr“. Alle vier handeln von einem Japaner in Europa bzw. einem aus Europa nach Japan zurückgekehrten Japaner, während „Braut des Windes“ mit 163 Seiten das Kernstück bildet und so schon mehr Kurzroman als Erzählung ist: Der japanische Student Jiro begibt sich auf die Suche nach seiner (Ex-)Freundin. Diese ist Japanerin und genauso wie der Protagonist zum Studium nach Deutschland gekommen. Kaum waren die beiden ein Paar, ist sie in eine andere Stadt gezogen und der Kontakt abgebrochen. Auf eine kleine Nachricht von ihr hin begibt sich Jiro auf eine Tour durch drei Länder Europas, um ihr nachzuspüren. Unterwegs landet er in Sackgassen, nimmt die Fährte wieder auf und macht dabei vor allem die Bekanntschaften von Europäerinnen: Andrea lernt er in einer Stadt am Meer kennen, wo er eigentlich seine Freundin finden möchte. Sabine ist deren Nachbarin, die sich nicht sonderlich gut mit ihrer Schwester Claudia versteht. Mit Claudia macht Jiro Bekanntschaft, als er auf dem Weg nach Wien ist. Und dort wiederum lernt er die ungleichen Schwestern Dora und Maria kennen.

      Auch in „Frau im Schatten“ und „Wiener Festwochen“ begegnet der männliche Protagonist verführerischen Frauen. „Eine Geschichte von ihr“ ist eine Fortführung der Suche aus „Braut des Windes“: Er und sie sind beide zurück in Japan. Die von ihm gewünschte Annäherung entwickelt sich schwieriger als gedacht.

      Eine Kritik nimmt der Autor gleich selbst vorweg, indem er seine Erzählungen nur als „Versuch einer Geschichte“ bezeichnet. Manche Stellen wirken in der Tat sehr sperrig, verkopft und konstruiert. Doch den Reiz von „Braut des Windes“ macht auch der europäische Handlungsort aus.

      Sonntag, 18. Dezember 2011

      Kenji Hara

      Kenji Hara wurde 1951 geboren und studierte an der Tohoku-Universität in Nordjapan, wo er schließlich auch seine akademische Laufbahn einschlug. Mit einem DAAD-Stipendium kam Kenji Hara 1978 nach Deutschland, um bis 1980 an der Universität Bonn und der Universität des Saarlandes zu studieren. 1997 wurde er zum Professor der Germanistik berufen.

      Neben seinem Interesse für deutsche Literatur interessierte er sich auch für Kunst; insbesondere für Oskar Kokoschka und Gustav Klimt. Kenji Haras einziges unwissenschaftliches Werk „Braut des Windes“ ist inspiriert worden durch Oskar Kokoschkas „Die Windsbraut“. „Braut des Windes“ entstand während Kenji Haras Studium in Saarbrücken. Teilweise schrieb der Autor den Text direkt auf Deutsch, teilweise verfasste er ihn erst auf Japanisch und übersetzte ihn dann ins Deutsche. Das Werk erschien 2009 posthum, nachdem Kenji Hara 2008 gestorben war.

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      Ins Deutsche übersetzte/auf Deutsch geschriebene Erzählungen und hier rezensiert:

      Samstag, 17. Dezember 2011

      „Dark Water“ von Koji Suzuki

      „Dark Water“ enthält sieben (leicht) gruselige Erzählungen des japanischen Psychohorror-Autors Koji Suzuki.

      In „Dunkles Wasser“ findet Yoshimi, die allein erziehende Mutter der kleinen Ikuko, eine Kindertasche auf dem Dach des halb verlassenen Mietshauses, das die beiden bewohnen. Yoshimi fühlt eine Bedrohung, ist doch Ikuko das einzige Kind im Haus. Wer kann diese Tasche nur dort verloren haben? Als sich seltsame Begebenheiten häufen, geht Yoshimi einem Geheimnis nach: Was geschah vor zwei Jahren, als die kleine Mitsuko spurlos aus dem Mietshaus verschwand?

      „Die einsame Insel“ ist Daiba VI in der Bucht von Tokio. Aso behauptet gegenüber seinem Freund Kunsuke, er habe seine Freundin Yukari auf der im 19. Jahrhundert zu Verteidigungszwecken künstlich errichteten Insel nackt ausgesetzt. Als Aso kurz darauf stirbt, kann Kunsuke nur raten, ob Yukari tatsächlich noch auf der Insel ist, die man eigentlich nicht betreten darf. Als er Jahre später die Chance erhält, auf legalem Weg auf die Insel zu gelangen, ist er mehr als gespannt, was ihn auf Daiba VI erwarten mag.

      Eine besondere „Strafe“ erfährt der cholerische und gewalttätige Fischer Hiroyuki. Schon seit einigen Stunden hat sich seine Ehefrau nicht mehr blicken lassen. Nur ganz vage befällt ihn eine Ahnung, dass er irgendetwas vergessen hat, was in der letzten Nacht passiert war, als er betrunken nach Hause kam. Als er schließlich mit seinem Fischerboot ins Meer sticht, fügen sich die Erinnerungen langsam wieder zusammen.

      Das „Traumschiff“ besteigt Enoyoshi und bereut es nach kurzer Zeit. Denn die Ushijamas, die ihn zu einem kleinen Segeltörn mit ihrer Jacht einladen, hegen Hintergedanken: Sie wollen ihn davon überzeugen, in den Vertrieb von Autopflegeprodukten einzusteigen, um selbst durch die erfolgreiche Rekrutierung Enoyoshis in der Unternehmenshierarchie aufsteigen zu können. Sie lassen erst von ihrem Opfer ab, als die Jacht sich ohne ersichtlichen Grund im offenen Meer keinen Zentimeter mehr bewegen lässt.

      In „Flaschenpost“ stößt die Besatzung eines Fischtrawlers auf eine völlig verlassene Jacht. Sie nehmen das Schiff in Schlepptau, während sich Kazuo an Bord der Jacht begibt. Kazuo stößt nicht nur auf das Logbuch des Kapitäns, sondern erlebt den Schrecken nach, den wohl auch die ursprüngliche Besatzung an Bord erlebt haben muss.

      „Wassertheater“ handelt von einem Theaterstück, das in einer ehemaligen Diskothek stattfinden soll. Ausgerechnet bei der Premiere tropft der Hauptdarstellerin auf der Bühne Wasser ins Gesicht – offensichtlich kommen die Tropfen aus der darüber liegenden Etage. Kamiya wird geschickt, um schnell nach dem Rechten zu sehen und Abhilfe zu schaffen. In dem verlassenen Stockwerk findet er einen laufenden Wasserhahn, der ein Badezimmer unter Wasser setzt. Doch ist Kamiya wirklich allein auf der Etage?

      „Der unterirdische See“ wird von Sugiyama entdeckt, als er mit Sakakibara im Gebirge unterwegs ist. Beide sind Hobby-Höhlenforscher und finden zufällig den Eingang zu einer bisher unbekannten Grotte. Doch die Entdeckung steht unter keinem guten Stern und durch Sakakibaras unüberlegtes Handeln nimmt das Unheil seinen Lauf.

      Eingerahmt werden die Geschichten von einem Pro- und einem Epilog: Kayo will ihrer Enkelin Yuko Geschichten erzählen, um ihr die immateriellen Bedeutung des Begriffs "Schatz" klar zu machen.

      Alle Erzählungen nehmen das Motiv des Wassers auf, alle spielen im Dunstkreis der Bucht von Tokio. Der passionierte Segler Koji Suzuki bringt zudem sein Hobby mit in die Handlung ein, die zwar doch den einen oder anderen kleinen Schauder auslöst, doch keinesfalls für Alpträume sorgen wird.

      Donnerstag, 15. Dezember 2011

      Koji Suzuki

      Koji Suzuki gilt als der japanische Stephen King. Der im Jahr 1957 geborene Autor studierte französische Literatur an der Keio-Universität. Nach seinem Abschluss probierte er sich in verschieden Jobs aus und wurde schließlich der Vater zweier Töchter Hausmann, während seine Ehefrau arbeiten ging. In dieser Zeit begann Koji Suzuki Psychohorror-Literatur zu schreiben.

      1990 erhielt er den Preis für Fantasyromane mit „Rakuen“ („Paradies“). 1992 veröffentlichte er den Roman „The Ring“, der mit großem Erfolg verfilmt wurde.

      Neben seiner schriftstellerischen Karriere engagiert er sich sehr für die Stärkung der Rolle der Väter in der Kindererziehung.

      Koji Suzuki lebt mit seiner Familie in Tokio.

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      Ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Romane und hier rezensiert:

        Montag, 12. Dezember 2011

        „Versuchter Liebestod“ von Choukitsu Kurumatani

        Der 34-jährige Ikushima heuert in Amagasaki bei Seiko an: Sein Job besteht darin, in einem stickigen Kämmerchen in einem heruntergekommenen Mietshaus, Grillspieße mit Kutteln zu bestücken, die Seiko dann in ihrer Garküche verkauft. Ikushima, ein studierter Aussteiger, findet sich im Gangstermilieu wieder: Gegenüber tätowiert der Yakuza Hori seine Kundschaft. Nebenan zitieren in die Jahre gekommene Huren Sutren, während sie ihre Freier bedienen. Ein älteres Ehepaar im Haus kommt nur über die Runden, indem es Abfälle nach verwertbaren Resten durchwühlt. Und dann ist da auch noch Ayako, die selbstbewusste Schönheit, die mit dem gefährlichen Hori liiert ist und Ikushima ganz schön den Kopf verdreht.

        Ikushima ist seinen Nachbarn suspekt. Warum macht dieser Akademiker so eine Arbeit, wenn er doch viel besseren Tätigkeiten nachgehen könnte?

        Ikushima hatte in Tokio als Anzeigenverkäufer gearbeitet und sich von Tag zu Tag leerer gefühlt. Das für seine Kollegen geltende Ziel, ein nach westlichen Normen standardisiertes Mittelstandsleben zu führen, hatte ihn abgestoßen. Schließlich hatte er gekündigt, in zwei Jahren in Tokio sein Erspartes durchgebracht und sich als Küchenhilfe in Himeji, Kyoto, Kobe, Nishinomiya und schließlich Amgasaki durchgeschlagen. Mit Lebensfreude hatte er abgeschlossen, nun hangelt er sich von Tag zu Tag, von Job zu Job.

        Mit der Zeit gewinnt Ikushima das Vertrauen seiner Nachbarn und seiner Chefin, was nicht unbedingt ungefährlich für ihn ist: Für Seiko soll er den Geldboten spielen und gerät in das Visier der Gangsterbanden Amagasakis. Für Hori soll er eine ominöse Schachtel zunächst aufbewahren und schließlich einem Yakuza überbringen. Und insbesondere seine Faszination von Ayako könnte Horis Eifer- und Tobsucht heraufbeschwören.

        Als Ikushima bereits wieder in eine andere Stadt weiterziehen möchte, gerät Ayako in eine Klemme: Um die enormen Schulden ihres Bruders zu bezahlen, wird sie bedrängt, sich für eine Gangsterbande zu prostituieren. Um diesem Schicksal zu entgehen, bittet sie Ikushima, sie in den gemeinsamen Liebestod zu begleiten. Die beiden verlorenen Seelen begeben sich nach Akame, um sich dort von den Wasserfällen in den Tod zu stürzen.

        Choukitsu Kurumatani schöpfte für „Versuchter Liebestod“ aus seinen eigenen Erfahrungen als Aussteiger. Fast nur angedeutet sind seine Reflektionen über die Funktion der Sprache, was den reflektierenden Ikushima im Milieu erst recht zum intellektuellen Outsider stempelt.

        Ein klassisches Happy End wird der Leser bei „Versuchter Liebestod“ sicherlich nicht finden, jedoch ein authentisches Zeugnis der Trostlosigkeit, die die Menschen in allen Gesellschaftsschichten ereilen kann.

        Sonntag, 11. Dezember 2011

        Choukitsu Kurumatani

        Choukitsu (auch manchmal „Chokitsu“ geschrieben) Kurumatani wurde 1945 in Himeji, in der Präfektur Hyogo als Yoshihiko Kurumatani geboren. Nach einer Landreform wurde der Familie Kurumatani ihr Grundbesitz entzogen. Das Kimonogeschäft des Vaters lief in der Nachkriegszeit, als vor allem westliche Mode nachgefragt wurde, denkbar schlecht. Die Großmutter mütterlicherseits musste mit ihrem Geldverleih oftmals finanziell aushelfen.

        Entgegen dem Wunsch der Eltern, Medizin oder Jura zu studieren, begann Choukitsu Kurumatani 1964 mit einem Studium der Literaturwissenschaften an der Keio Universität. Ein Jahr später wechselte er zur Germanistik.

        Nach seinem Studienabschluss arbeitete Choukitsu Kurumatani zunächst in einer Werbeagentur, wo er aber bald kündigte, da der Chef ein eher unkoscheres Geschäftsgebahren an den Tag legte. Seinen folgenden Job bei einem Verlag kündigte er, nachdem er 1972 den Shincho-Preis für seine Kurzgeschichte „Gelobet sei" erhielt, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Der finanzielle Erfolg blieb zunächst aber leider aus. Nachdem er völlig mittellos geworden war, arbeitete er unter anderem als Küchenhilfe in verschiedensten Kneipen und Lokalen in der Kansai-Region.

        Obwohl Choukitsu Kurumatani mehrfach für den Akutagawa-Preis nominiert wurde und den Mishima-Preis für „Ein Löffel im Salzfass" gewann, wollte sich der finanzielle Erfolg erst mit dem stark autobiographisch gefärbten Roman „Versuchter Liebestod“ einstellen, der 1998 mit dem Naoki-Preis ausgezeichnet wurde. 2001 wurde ihm der Kawabata-Preis für die Erzählung „Musashimaru" verliehen.

        Ein zentrales Motiv seiner Werke ist der Selbstmord. Als Jugendlicher war der Selbstmord seines Onkels mütterlicherseits ein prägendes Erlebnis gewesen.

        Mit der Dichterin Junko Takahashi, die er 1994 heiratete, lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 2015 in Tokio.

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        Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

        Donnerstag, 8. Dezember 2011

        „Der Schachtelmann“ von Kobo Abe

        Ein Schachtelmann schreibt in seiner Schachtel die Geschichte eines Schachtelmanns. Um vom Durchschnittsbürger zum Schachtelmann zu werden, bedarf es nur einen kleinen Auslöser: Das große Bedürfnis, andere Leute unbemerkt beobachten zu können beispielsweise. Oder die bewusste Wahrnehmung der Existenz der Schachtelmänner, durch die Normalos durchsehen ohne sie zu bemerken. Und schon ist er dann da, der Wunsch, sich eine Schachtel, in der Kühlschränke ausgeliefert zu werden, über den Kopf zu ziehen, die Schachtel mit einem Sichtfenster zu versehen und fortan auf der Straße als Schachtelmann zu leben.

        In der Schachtel bewahrt der Schachtelmann alles auf, was er zum täglichen Leben braucht. Überall im Müll der Großstadt findet er Nützliches – doch aufbewahren sollte er nur das, was er mindestens dreimal pro Tag verwendet.

        Er sollte sich jedoch vor Bettlern hüten. Denn die befinden sich in der Hierarchie noch eine Stufe über den Schachtelmännern, da sie immerhin noch am Rand der Gesellschaft stehen, während der Schachtelmann einfach raus ist. So ein Bettler kann ganz schön rabiat werden, wenn er glaubt, dass sein Revier bedroht wird.

        Die Notizen des Schachtelmanns führen in ein surreales Labyrinth, das von Pseudoschachtelmännern, Krankenschwestern, Luftgewehrschützen und Briefmarkenmalern bevölkert wird. Wer ist ein echter Schachtelmann, welche Notizen stammen vom Pseudoschachtelmann und was hat die (Selbst-)Ermordung eines Stabsarztes damit zu tun?

        Neben all den phantastisch anmutenden Geschehnissen ist „Der Schachtelmann“ von Kobo Abe aber auch vor allem Gesellschaftskritik. Da stirbt ein Stadtstreicher an einen Pfeiler in der U-Bahnstation gelehnt und keiner der 10.000 Passanten hat den Toten registriert. Das passiert in den Großstädten der Namenlosen, in denen im Betrachten Liebe und im Betrachtet-Werden Hass liegt. Willkommen im Labyrinth, in dem sich die Schachtelmänner von Tag zu Tag vermehren!

        Sonntag, 4. Dezember 2011

        „Die schlafenden Schönen“ von Yasunari Kawabata

        Eguchi geht auf die Siebzig zu, als er in den Kreis der Besucher eines speziellen Etablissements eingeführt wird: Im Haus der schlafenden Schönen warten auf die alten Männer junge Frauen und Mädchen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren, die eigens für den Herrenbesuch mittels starker Schlafmittel in Tiefschlaf versetzt werden. Die Greise, die ihre Potenz schon so gut wie verloren haben, finden ihr Vergnügen darin, neben den jungen Frauen einzuschlafen. Verkehr und Ausschweifungen sind ohnehin im Haus der schlafenden Schönen verboten. Dadurch, dass die Damen schlafen, bleibt den Greisen jegliche Scham erspart.

        Fünf Mal besucht Eguchi das Etablissement und bekommt jeweils eine neue Bettgespielin zugewiesen. Er ergötzt sich nicht nur an dem Anblick der Frauen, sondern spielt mit ihrem Haar, schmiegt sich an sie, berührt ihre Lippen und insbesondere ihr Geruch erinnert ihn an seine ehemaligen Affären und Beziehungen, an seine Ehefrau, seine Töchter und seine Mutter. So lässt er sein Beziehungsleben Revue passieren, aber auch seine Freveltaten.

        Eguchi kommt zu dem Schluss, warum das Haus der schlafenden Schönen bei den alten Männern so beliebt ist:

        „So war es wohl nicht allein die Furcht vor dem nahen Tod, oder die Trauer, die Verzweiflung im Gedenken an eine verlorene Jugend, was aus der Tiefe ihrer Brust heraufschoss, wenn sie sich, die bloße Haut berührend, neben eine der ‚schlafenden Schönen’ niederlegten; vielmehr dürfte es zugleich die Reue über begangene Freveltaten gewesen sein oder das bei Erfolgreichen häufige Gefühl, dass sie ein unglückliches Familienleben führten.“ (S. 81)

        Doch nichts ist für die Ewigkeit – selbst das Haus der schlafenden Schönen nicht.

        Yasunari Kawabatas „Die schlafenden Schönen“ ist ein langsamer, poetischer Roman mit wenig Handlung. Das Konzept des „Bei-Schlafs“ hat Banana Yoshimoto für die Erzählung „Dornröschenschlaf“ sicherlich von Yasnuari Kawabata übernommen und erzählt eine Geschichte aus der Sicht einer Beischläferin.

        Samstag, 3. Dezember 2011

        Yasunari Kawabata

        Yasunari Kawabata wurde 1899 in Osaka geboren. Seine ersten Lebensjahre wurden überschattet von den Todesfällen der wichtigsten Angehörigen: Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war, seine Mutter, als er drei Jahre zählte und seine einzige Schwester, als Yasunari Kawabata neun war. Schließlich starben bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr auch seine Tante und seine Großeltern väterlicherseits. Nun kümmerte sich die Verwandtschaft mütterlicherseits um den Teenager.

        An der kaiserlichen Universität von Tokio studierte Yasunari Kawabata Anglistik. Nach seinem Abschluss im Jahr 1824 arbeitete er als Reporter für Mainichi Shimbun, als Literaturkritiker und schließlich auch als Autor fiktionaler Literatur. Beeinflusst durch den Kubismus, Expressionismus und Dada sah sich Yasunari Kawabata als Literat, der sich dem „l’art pour l’art“ verpflichtete. Seinen Stil benannte er als Shinkankakuha, der sich als Gegenpol zur Arbeiter-/Proletarierliteratur verstand.

        Mit seiner ersten Erzählung „Die Tänerzin von Izu“ erhielt Yasunari Kawabata 1926 erste Beachtung als Autor. 1968 erhielt er als erster japanischer Autor den Literaturnobelpreis. Yasunari Kawabata kombinierte traditionell japanische Literaturelemente mit modernen. Seine Themen umfassten Fremdheit, Einsamkeit, Liebe, Alter und Tod.

        Zwei Jahre nach dem Selbstmord seines Freundes Yukio Mishima beging der Parkinson-kranke Yasunari Kawabata Selbstmord, indem er sich selbst vergaste.

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        Hier rezensiert:


        Weitere ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen/Kurzgeschichten:
        • Die Tänzerin von Izu
        • Handtellergeschichten
        • Schönheit und Trauer