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Mittwoch, 31. August 2011

„Insel der Puppen“ von Junichiro Tanizaki

Zwei Männer, eine Frau – eine typische Junichiro Tanizaki-Geschichte? Nicht ganz… Denn im Fall des Ehepaars Kaname und Misako handelt es sich nicht um leidenschaftliche Geliebte. Sie haben sich auseinander gelebt und könnten Freunde sein, wären sie nicht verheiratet. Mit Kanames Zustimmung hat Misako eine Beziehung zu Aso begonnen. Wenn sie „nach Suma fahren“ will, steht dies als Code für „Aso besuchen“. Doch einer Trennung stehen die gesellschaftlichen Konventionen der 20er Jahre gegenüber. Auch möchte das Ehepaar auf den gemeinsamen Sohn Rücksicht nehmen, der nicht nur dem Status eines Scheidungskindes leiden soll.

Wie eine Metapher zieht sich das Bunraku-Puppentheater durch „Insel der Puppen“: Kaname lässt sich durch seinen Schwiegervater nach anfänglicher Ablehnung für das Theater begeistern. Der Schwiegervater hält sich eine puppengleiche Freundin Anfang 20, deren Kleidung er auswählt, die er im Kochen und im Gesang ausbilden lässt, deren ganzes Verhalten und Gebaren von ihm bestimmt wird, damit sie eine traditionell besonders kompatible Ehefrau abgeben kann. Kaname steht zwischen diesem traditionellen Frauentyp und der modernen Frau, in deren Richtung sich Misako mehr und mehr entwickelt. Mehr noch: Sein geheimer Wunsch an die ideale Partnerin ist die klassische Verkörperung der heiligen Hure.

„Insel der Puppen“ ist ein Buch für den zweiten Blick. Denn die Stücke des Bunraku-Theaters und das Bunraku-Theater selbst sind dem westlichen Leser höchstwahrscheinlich mehr als unbekannt und so findet man sich nicht sofort ins Buch ein; die Handlung stockt vielmehr, wenn erneut Puppen und Theaterspiel thematisiert werden. Doch für die gesellschaftliche Umwälzung die vor allem die Rolle der Frau betrifft, bildet das Bunraku-Theater den geeigneten Rahmen, um die traditionelle Erwartungshaltung an die Frau metaphorisch zu umschreiben.

Das Ende von "Insel der Puppen" bleibt schließlich offen - genauso wie die gesellschaftliche Entwicklung nicht abzusehen ist.

Dienstag, 30. August 2011

„Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ von Haruki Murakami

Haruki Murakamis Buch „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ schlägt ein bisschen aus der Reihe. Denn hier handelt es sich (leider) nicht um erfundene Geschichten, sondern um tragische Zeitgeschichte. Haruki Murakami lässt in „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ Betroffene und Zeugen des Giftgasanschlags in Tokio zu Wort kommen. Am 20. März 1995 setzten fanatische Anhänger der Aum-Sekte das Giftgas Sarin in mehreren Zügen der Tokioter U-Bahn frei. Zwölf Menschen starben, Tausende wurden verletzt.

Haruki Murakami gibt den Hinterbliebenen und Überlebenden, die teilweise immer noch unter massiven Schäden leiden, mit „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ eine Stimme. Wertungsfrei lässt der Autor die Menschen von ihren subjektiven Eindrücken erzählen, was beim Leser ein ums andere Mal für Beklemmung sorgt. Es zeigt sich, wie zerbrechlich der Alltag doch ist: Ein verpasster Linienbus, ein Meeting in einem anderen Büro, ein späteres Frühstück und schon sorgt ein Zufall dafür, dass man eine Katastrophe durchlebt.

Den abstrakten Opferzahlen stellt Haruki Murakami die individuellen Schicksale gegenüber und illustriert das Grauen des Anschlags so authentisch, dass man beim Lesen vor Erschütterung eine Gänsehaut bekommt.

In der deutschsprachigen Version von „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ sind den Interviews der Betroffenen die von Sektenangehörigen nachgestellt. Im Japanischen erschien der erste Teil separat und erst auf Nachfrage der interessierten Öffentlichkeit interviewte Haruki Murakami auch Mitglieder der Aum-Sekte. Die Sektenangehörigen haben somit eigentlich nicht das letzte Wort, wie der Blick ins deutsche Inhaltsverzeichnis vermuten lässt.

Diverse (Ex-)Aum-Anhänger schildern ihren Weg in die Sekte, die Reaktionen auf den Anschlag und ihren Alltag danach. Dabei scheinen Haruki Murakamis Erkenntnisse über die Motive der Sektenangehörigen Theodor Adorno Recht zu geben: Der moderne Mensch sehnt sich gewissermaßen zurück zur Unmündigkeit eines Kindes, das durch die Eltern angeleitet wird. Den großen Führer fanden die Aum-Anhänger in Shoko Asahara. Und auch eine weitere Erkenntnis ist höchst soziologisch: Die Gründe, sich einer Sekte anzuschließen, sind der jeweiligen Gesellschaft immanent. Eine Trennung in die Fanatiker und die Normalen ist insofern nicht zulässig.

Haruki Murakamis „Untergrundkrieg – Der Anschlag von Tokyo“ ist ein bestürzendes Stück Zeitgeschichte, das ähnlich wie seine Romane aufzeigt, dass selbst die schockierendsten Visionen Realität werden können.

Donnerstag, 25. August 2011

„Sommer mit Fremden“ von Taichi Yamada

Auch Taichi Yamada gibt seinem Protagonisten in „Sommer mit Fremden“ denselben Beruf, den er selbst ausübt: Harada ist Drehbuchautor und hat gerade eine kostspielige Scheidung hinter sich. Sein Sohn ist 19 Jahre und ist wenig begeistert davon, Zeit mit seinem Vater zu verbringen. Und dann gesteht ihm auch noch sein ehemaliger Auftraggeber Mamiya, dass er eine Beziehung mit seiner Ex-Frau eingehen und daher nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten möchte. Somit beginnt für Harada ein zunächst einsamer Sommer: Er lebt in seinem ehemaligen Büro in einem Gebäude an der Tokioter Stadtautobahn. Dort ist nur eine weitere Räumlichkeit als Wohnraum und nicht als Büro genutzt. In dieser Wohnung lebt die einsame Kei. Harada und Kei nähern sich nach einem Fehlstart an und beginnen eine Beziehung.

Harada streift in seiner Einsamkeit durch sein ehemaliges Heimatviertel. Seine Eltern starben bei einem Verkehrsunfall, als Harada gerade einmal 12 Jahre alt war. Daher ist seine Verwunderung groß, als er auf einen Mann trifft, der seinem Vater verblüffend ähnlich sieht. Als ihn dieser nach Hause einlädt, lernt Harada dessen Ehefrau kennen. Auch sie gleicht seiner Mutter bis aufs Haar. Das Ehepaar gibt sich so leutselig, dass Harada sich sofort wie zu Hause fühlt. Doch kann es sein, dass dieses Pärchen, das ihm wie Ende 30 erscheint und damit viel jünger ist als er selbst, tatsächlich seine Eltern sind? Ein erneuter Besuch im Viertel zeigt ihm, dass er nicht geträumt hat: Das Ehepaar gibt es tatsächlich…

Obwohl Harada durch diese metaphysische Erfahrung und seine gerade erst entflammte Beziehung zu Kei sehr eingespannt ist, schreibt er an einem neuen Drehbuch. Doch warum reagiert sein Auftraggeber so entsetzt auf sein Aussehen, während er selber doch keine Veränderung an sich feststellen kann?

„Sommer mit Fremden“ ist eine fast gar nicht gruselige Geistergeschichte, die spannend geschrieben und flüssig zu lesen ist. Leider ist der Schluss eher „drehbuchgerecht“: Hier hätte man vielleicht noch ein wenig mehr Augenmerk auf die Motive und sich wandelnden Gefühle der Personen legen können. Der Showdown geht so ein bisschen zu schnell über die Bühne.

Mittwoch, 24. August 2011

„Sünde“ von Shusaku Endo

Der Protagonist Suguro ist genau wie Shusaku Endo ein katholischer Autor. Sein bevorzugtes Sujet ist die Sünde. Laut Suguros Ansicht äußert sich in der Sünde der Wunsch nach der Wiedergeburt, denn der Sünder sucht nach einem Ausweg aus der beengenden Gegenwart; aus dem Dasein schlechthin.

Die Handlung setzt ein, als Suguro als Mittsechziger einen Preis für sein Lebenswerk erhält. Auf dieser feierlichen Verleihung macht er gleich zwei unangenehme Begegnungen: Wer ist dieser bösartige Kerl, der ihm bis aufs Haar gleicht und sich nur kurz blicken hat lassen? Und warum behauptet eine ungeladene Straßenkünstlerin steif und fest, sie hätte seine Bekanntschaft im Rotlichtviertel gemacht, obwohl er in dieser Ecke der Stadt als katholisch-moralische Instanz bestimmt nicht verkehrt?

Die Probleme beginnen, als es sich ein Sensationsjournalist zur Aufgabe macht, Suguros anscheinend wahres, unmoralisches Gesicht zu entblößen, und ihm permanent auf den Fersen ist. Suguro wiederum begibt sich auf die Suche nach dem hinterlistigen, schamlosen Doppelgänger, der mit seinem Gebaren Suguros Reputation ernsthaft in Gefahr bringt. Dabei lernt er eine geheimnisvolle Frau kennen, die offensichtlich zwei absolut gegensätzliche Gesichter hat. Zudem hat Suguro eine blutjunge Mittelschülerin als neue Putzhilfe eingestellt. Ob der geradlinige Suguro nun nicht doch einmal in Versuchung kommt?

Shusaku Endos „Sünde“ ist nicht nur ein spannender Roman, sondern setzt sich auch damit auseinander, inwieweit jeder Mensch nicht ohnehin ein Stück des Bösen in sich trägt. Die Handlung ist zudem angereichert mit (lesbischen) SM-Szenen und lassen damit Shusaku Endo weit weniger moralisch als seinen Protagonisten Suguro wirken.

Montag, 22. August 2011

„Eidechse“ von Banana Yoshimoto

Mit sechs Erzählungen schreibt Banana Yoshimoto in „Eidechse“ von Veränderung, Weiterentwicklung und Hoffnung auf eine gute Zukunft – typische Banana Yoshimoto-Themen also.

Untypisch jedoch ist, dass die Hälfte der Geschichten von je einem männlichen Ich-Erzähler handeln – sind doch die Banana Yoshimoto-Protagonisten ansonsten doch glatt durchweg weiblich. Allen dieser drei Ich-Erzählern ist gemeinsam, dass sie sich auf eine Beziehung einlassen und verunsichert sind:

In „Frisch verheiratet“ möchte der Protagonist möglichst nicht zurück nach Hause zu seiner Angetrauten, bis er eine wunderliche Begegnung in der U-Bahn hat. In „Eidechse“ nähert sich ein Pärchen fast magnetisch an und entdeckt in einer Krise eine wichtige Gemeinsamkeit. „Helix“ erzählt wiederum von einem Paar, dessen Zukunft sich am Scheideweg befindet: Er ist verunsichert, da sie sich auf ein Experiment einlassen will, bei dem sie alles Unwichtige vergessen soll – wird sie dadurch auch ihn vergessen?

Die weiteren drei Erzählungen werden aus der weiblichen Perspektive erzählt: „Der Kimichi-Traum“ verbindet die Ich-Erzählerin mit ihrem Partner, der nach langer Zeit seine Ehefrau für sie verlassen hat. „Der Glücksbringer“ wird der Ich-Erzählerin von ihrem baldigen Freund geschenkt – und er bewirkt, dass die in einer Kommune aufgewachsene Frau sich nun wohler in der Großstadt fühlt. „Die denkwürdige Begebenheit am Großen Fluss“ hat die Ich-Erzählerin unbewusst geprägt – doch schließlich beruhigt sich ihr unsteter Lebenswandel.

Die Qualität der einzelnen Erzählungen schwankt ziemlich: Von konfus bis magisch. Manche Figuren lassen den herzerwärmenden, schmachtvollen Banana Yoshimoto-Funken überspringen. Andere erscheinen dagegen flach und unzugänglich als wären sie einer rudimentärene Rohfassung der Erzählung entsprungen. „Eidechse“ und „Der Glückbringer“ zählen für mich zu den Highlights, die das Buch allemal einen Kauf wert sein lassen.

Sonntag, 21. August 2011

„Frosch rettet Tokyo“ von Haruki Murkami

„Frosch rettet Tokyo“ von Haruki Murakami enthält die drei Erzählungen „Frosch rettet Tokyo“, „Thailand“ und „Birthday Girl“ (erstere beiden sind auch in „Nach dem Beben“ enthalten).

In der phantastischen Geschichte „Frosch rettet Tokio“, wie könnte es auch anders sein, rettet ein Frosch Tokio: Zusammen mit dem unerschrockenen und doch geradlinigen Geldeintreiber Katagiri gilt es, einen Kampf gegen Wurm auszufechten, der Tokio mit einem Erdbeben zerstören will…

„Thailand“ erzählt von der Ärztin Satsuki, die nach einem Kongress Entspannung in Thailand sucht. Satsuki ist verbittert und wünscht einem ehemaligen Liebhaber in Kobe, dass er durch das Erdbeben umgekommen ist. Wie ein Stein liegt dieser Wunsch auf Satsukis Seele. Doch hoffentlich bringt der Urlaub in Thailand die Erlösung…

Das „Birthday Girl“ muss an ihrem zwanzigsten Geburtstag in einem Restaurant arbeiten, da niemand für sie einspringen kann. Vor kurzem ist die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche gegangen. Da ist es ihr auch nicht ganz unrecht, den Geburtstag mit Arbeiten zu verbringen. Als der Geschäftsführer plötzlich krank wird, muss sie für ihn einspringen und dem Inhaber des Restaurants, den außer dem Geschäftsführer bisher niemand zu Gesicht bekommen hat, das Abendessen bringen. Durch diese Wendung wird ihr ihr zwanzigster Geburtstag doch noch in einer mystischen Erinnerung bleiben…

Freilich liefert „Nach dem Beben“ mit sechs Erzählungen einen etwas besseren Gegenwert als „Frosch rettet Tokyo“ – doch das Büchlein ist durch die Aufmachung ein toller Hingucker und eignet sich dadurch insbesondere hervorragend als Geschenk für einen Murakami-Einsteiger.

Samstag, 20. August 2011

„Der Sommer an jenem Tag“ von Kazuko Saegusa

Kazuko Saegusas Roman „Der Sommer an jenem Tag“ setzt am 15. August 1945 ein: Die 15- bis 16-jährigen Schülerinnen verrichten ihren Kriegsdienst mit der Nähmaschine, um Uniformen herzustellen, als ihnen befohlen wird, sich um zwölf Uhr in der Aula einzufinden: Das erste Mal in ihrem Leben werden sie die Stimme des japanischen Kaisers hören, der die Kapitulation Japans verkünden wird. Von der „Stunde Null“ der japanischen Geschichte erzählt die 16-jährige Schülerin Takako, die der Leser bis zum 24. August begleitet.

Von Tag zu Tag fällt von Takako und ihren Mitschülerinnen die „Besessenheit“ ab. Bis zum Schluss waren sie der Überzeugung, der Krieg sei zu gewinnen, wenn das ganze Volk nur zusammenhielte. Sie erfahren nach und nach von den verheerenden Atombombenwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Und sie machen die Erfahrung, dass alle Not und Entbehrung, die während des Krieges noch von edlem Charakter waren, nun nur noch ein Zeichen des blanken Überlebens sind.

Takako reflektiert dabei aber auch über die Rolle der Frau im Krieg. Wie sie sich als nutzlos und zeitrangig fühlte, da sie nicht wie ein Soldat ins Feld ziehen konnte. Und wie groß ihre Freude war, zum Arbeitsdienst herangezogen zu werden, um auch einen Beitrag leisten zu können. Doch auch nach dem Krieg soll sie nun den heimkehrenden Soldaten die Ehre beweisen – dem Engagement der Frauen wird wiederum keinerlei Beachtung zu teil. Mehr noch: Am eigenen Leib erfährt sie die Verrohung der Soldaten durch den Krieg, die die hochgehaltenen, edlen Ideale als Farce erscheinen lassen.

Kazuko Taegusa schildert in einer schmucklosen, einfachen Sprache, wie die Kapitulation ganz langsam ins Bewusstsein der Menschen dringt, wie der Alltag ins Wanken gerät und sich die Protagonisten neu verorten müssen. Ausschnitte von "Der Sommer an jenem Tag" wurden aufgrund der Eindrücklichkeit des Werkes sogar in Oberschullesebücher aufgenommen.

Donnerstag, 18. August 2011

Kazuko Saegusa

Die Autorin Kazuko Saegusa wurde 1929 in Kobe geboren. Sie studierte an der Kansei Gakuin Universität Philosophie und interessierte sich insbesondere für Nietzsche und Hegel.

1951 heiratete sie den späteren Literaturkritiker Tatsuya Morikawa und begann ihre 13-jährige Laufbahn als Lehrerin. Als ihr Ehemann 1963 buddhistischer Priester wurde, kündigte Kazuko Saegusa ihre Stelle und Begann ihre Karriere als Vollzeitautorin.

Durch ihre komplexen und experimentellen Werke wurde ihr oftmals ein männlicher Schreibstil attestiert. Als sie 1969 den weiblichen Autoren vorbehaltenen Tamura Toshiko Preis für „Bei einer Exekution“ erhielt, meinte sie ironisch, dass sie jetzt wohl wirklich eine Frau sei. Sie selbst wollte jedoch nicht zwischen weiblichen und männlichen Schriftstellern unterscheiden, sondern Autoren ganz unabhängig vom Geschlecht betrachten.

Kazuko Saegusa veröffentlichte insgesamt 15 Romane, deren primäres Sujet der Krieg ist.

Ins Deutsche übersetzte Romane und hier rezensiert:

Mittwoch, 17. August 2011

„Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ von Yasutaka Tsutsui

Professor Tadano hat vor kurzem seinen eigenen Lehrstuhl bekommen, befindet sich aber in der Universitätshierarchie immer noch im unteren Mittelfeld. Besonders beliebt ist er ohnehin nicht, fällt er doch durch sein endloses, blödes Geschwätz auf. Im Universitätsalltag wird aber sowieso über jeden gelästert und taktisch gehandelt, Intrigen werden gesponnen und Schleimspuren ausgelegt. Korrupt ist so gut wie jeder und arbeiten lässt man am liebsten die Hilfskräfte. Damit liefert der Autor Yasutaka Tsutsui eine bissige Persiflage auf den Universitätsbetrieb.

Doch als hätte Professor Tadano nicht ohnehin schon genug Probleme, muss er seinen Freund Makiguchi decken, der eigentlich im Ausland auf Universitätskosten Studien nachgehen sollte, sich aber statt dessen in seinem Haus verbarrikadiert hat, um wissenschaftliche Aufsätze zu schreiben. Um Makiguchi einen begehrten Posten an einer anderen Universität zuschanzen zu können, begibt sich Professor Tadano in den Korruptionssumpf. Darüber hinaus plagen ihn die Sorgen um seine eigene Karriere. Da hat er doch begonnen unter einem Pseudonym Kurzgeschichten für eine Zeitschrift zu schreiben, was seinen Ruf in der wissenschaftlichen Welt ruinieren kann:

„Die Universität ist so eine Art Gegenwelt. Je mehr öffentliche Anerkennung man gewinnt, desto mehr entfremdet man sich gleichzeitig von der Universität!“ (S. 44)

 Wenn der geschwätzige Kerl mal bloß nicht auffliegt…

Doch dies ist nur die eine Hälfte des Romans. Denn der Leser begleitet Professor Tadano auch bei seinen Vorlesungen über den russischen Formalismus, die Phänomenologie, die Semiotik etc., die ihres gleichen suchen. Professor Tadano sprüht regelrecht vor anschaulichen Beispielen, übt Theoriekritik und entzieht so manchem Kritiker die theoretische Grundlage.

Seit der Publikation des Romans „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ gilt Yasutaka Tsutsui als der „japanische Guru der Metafiktion“. Und tatsächlich: Der Text ist selbstreferentiell, indem er sich selbst als Beispiel in Tadanos Vorlesungen nennt. Auch der Autor Yasutaka Tsutsui wird hier genannt.

Neben Metafiktion stehen aber auch die Schlagworte Slapstick-Fiction und politische Inkorrektheit für Yasutaka Tsutsui. Professor Tadano wirkt auch wirklich wie eine Witzfigur: Ein kleiner, unansehnlicher Zwerg, der die blödesten Witze in den unpassendsten Situationen reißt. Und was die politische Inkorrektheit angeht, trifft die in „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ AIDS-Kranke. Doch dieses Stilmittel lässt sich Yasutaka Tsutsui nicht verbieten, der aus Protest gegen seine Kritiker sogar für eine Weile in Schreibstreik getreten war. Die AIDS-Witze sind jedenfalls definitiv unter der Gürtellinie angesiedelt und lassen sich auch nicht schönreden.

Im Gegensatz zu „Mein Blut ist das eines anderen“ hält „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ voll und ganz, was man sich vom Autor Yasutaka Tsutsui verspricht: Gesellschaftskritik (an der korrupten Universitätswelt; an einer Wissenschaftswelt, die ein geschlossenes System bildet), Slapstick (durch einen schrulligen Protagonisten, der mit seinen Äußerungen die Lachmuskeln strapaziert) und Metafiktion (durch selbstreferentielle Elemente).

Obwohl der Protagonist Professor Tadano der Meinung ist, japanische Literatur mache depressiv, beweist Yasutaka Tsutsui mit "Professor Tadano an der philosophischen Fakultät" das genaue Gegenteil! Sehr schade, dass man die Anschlussvorlesung nicht belegen kann!

Dienstag, 16. August 2011

„Der Stierkampf“ von Yasushi Inoue

Yasushi Inoue, der selbst jahrelange für Zeitungen schrieb, erzählt mit „Der Stierkampf“ wieder einmal die Geschichte eines  Journalisten: Tsugami ist Chefredakteur der „Neue-Osaka-Abendzeitung“, dem Tashiro vorschlägt, gemeinsam Stierringkämpfe in Osaka zu veranstalten, wie es in Tashiros Heimat in der Provinz Iyo üblich ist.

Drei Jahre nach dem Krieg, die Stadt liegt immer noch in Schutt und Asche, sieht Tsugami hier eine Chance: Die Menschen sind gierig nach einem Spektakel und möchten beim Wetten ihr Glück versuchen.

Doch so einfach, wie sich Tsugami die Organisation vorgestellt hat, wird die Durchführung nicht: Allerlei logistische Probleme stellen sich ihm und der "Neue-Osaka-Abendzeitung", die als Veranstalter fungiert, in den Weg. Wie sollen beispielsweise die Eisenbahnwaggons für den Transport der Stiere organisiert werden? In Zeiten der Lebensmittelrationierung ist es nicht einfach, auf legalem Wege an Futter für die Tiere heranzukommen. Es lässt sich nicht verhindern, eine Allianz mit einem dubiosen Geschäftsmann einzugehen. Aber nicht immer trifft Tsugami die wirtschaftlichsten Entscheidungen und scheint noch von einem Schlag zu sein, der sich gegen die aufkommende Werbeindustrie wehren will. Und schließlich spielt das Zünglein an der Waage auch noch das Wetter an den drei geplanten Wettkampftagen.

Doch auch im Privatleben Tsugamis liegt einiges im Argen. Seine Geliebte Sakiko hält er auf Distanz, kühl begegnet er seinen Mitmenschen. Sein Inneres scheint regelrecht zerfressen zu sein. Begeistern kann er sich vielmehr nur für neue Projekte, während Sakiko keine Leidenschaft in ihm wecken kann. Sakiko, die sich einfach nicht aus der unglückseligen Beziehung zu Tsugami lösen kann, überlässt es dem Ausgang des Stierkampfs, ob sie sich nun endlich von Tsugami trennt oder bei ihm bleibt.

„Der Stierkampf“ zeichnet ein Bild der japanischen Großstadt der Nachkriegsjahre. Die Menschen wittern Geschäftschancen, doch die wahren Gewinner sind die, die am Rande der Legalität operieren. Beziehungen, die der Krieg zusammengeschweißt hat, stehen nun wieder zur Disposition.

Montag, 15. August 2011

„Kae und ihre Rivalin“ von Sawako Ariyoshi

Der historische, biographische Roman „Kae und ihre Rivalin“ von Sawako Ariyoshi dreht sich um die Samurai-Tochter Kae, die im 18. Jahrhundert in die Arztfamilie der Hanaokas einheiratet. Kaes Vater hält einen Arzt nicht für standesgemäß. Doch auf Drängen von Kaes Mutter und Kae selbst willigt er in die Hochzeit ein.

Kae ist seit ihrer Kindheit fasziniert von Otsugi, der Mutter ihres Ehemanns, den sie erst drei Jahre nach ihrer Hochzeit zu Gesicht bekommen wird. Otsugi ist von unvergleichlicher Schönheit und Anmut, dass sich Kae geschmeichelt fühlt, dass eine derartige Frau um ihre Hand für den Sohn Seishu bittet, der zum Medizinstudium in Kyoto weilt. Bis zur Beendigung des Studiums wartet Kae im Haushalt der Schwiegereltern auf die Rückkehr ihres Ehemannes und beteiligt sich an den Webarbeiten der Schwägerinnen, um das Studium von Seihsu mitzufinanzieren. Das Verhältnis zwischen Kae und ihrer Schwiegermutter Otsugi ist hervorragend, bis Seishu schließlich zurückkehrt. Otsugi wird eifersüchtig auf Kae, die ihr den Sohn nun streitig macht.

Die Konkurrenz zwischen Kae und Otsugi geht gar so weit, dass sich beide für Seishus medizinische Experimente aufdrängen, der seine Narkosemittel vorerst noch an Katzen und Hunden testet. Für Kae bleibt ihr Einsatz nicht folgenlos…

Dank des aus krankhafter Eifersucht gespeisten Engangements von Ehefrau und Mutter gelingt Seishu 1805 die erste erfolgreiche Brustkrebsoperation unter Vollnarkose. Damit hatte er ein wirksames Vollnarkose-Mittel mehr als 30 Jahre vor vergleichbaren Erfolgen im Westen entwickelt. Mehr als 150 Brustkrebsoperationen konnten so von ihm durchgeführt werden.

Trotz des historischen Rahmens rund um Seishu Hanaokas medizinische Experimente thematisiert Sawako Ariyoshi aber auch das traurige Schicksal von japanischen Frauen im 18. Jahrhundert. Sie werden verheiratet und erfahren als Fremde Leid in ihrer neuen Familie. Ist es da nicht besser, unverheiratet in der eigenen Familie zu bleiben und kinderlos zu sterben?

Sonntag, 14. August 2011

Sawako Ariyoshi

1931 wurde Sawako Ariyoshi in Wakayama geboren und verbrachte als junges Mädchen vier Jahre in Indonesien. Sie studierte in Japan, in den USA und in China.

Ihr literarisches Vermächtnis umfasst mehr als 100 Werke aus den Bereichen Roman, Kurzgeschichte, Theaterstück und Musical. Zudem verdingte sich Sawako Ariyoshi auch als Journalistin und thematisierte soziale Themen.

In ihren Werken beschreibt sie vor allem die Benachteiligung von Frauen im vormodernen als auch im modernen Japan. Der typische Ariyoshi-Protagonist ist daher eine Frau in ihrem häuslichen Umfeld, die die Lebensphasen Heirat, Kindererziehung und Pflege der in die Jahre gekommenen (Schwieger-)Eltern durchlebt.

Ihr bekanntester Roman „Kae und ihre Rivalin“ ist die wahre Geschichte um die medizinischen Experimente des Arztes Seishu Hanaoka, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts an seiner Frau und seiner Mutter narkotische Mittel testete.

Sawako Ariyoshi starb 1984 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Interessante Links:

Ins Deutsche übersetzte Erzählungen/Romane und hier rezensiert: 

Samstag, 13. August 2011

„Tagame. Berlin – Tokyo“ von Kenzaburo Oe

Mit „Tagame. Berlin – Tokyo“ setzt sich Kenzaburo Oe mit dem Selbstmord seines Freundes und Schwagers, dem Filmemacher Juzo Itami auseinander.

Kogito (= Kenzaburo Oe) und Goro (= Juzo Itami) sind Schulfreunde und erleben gemeinsam „DIESE SACHE“, eine traumatische Erfahrung, die seither totgeschwiegen wird. Beide teilen die Begeisterung für Rimbaud. Als Kogito jedoch Goros Schwester heiraten will, gibt es Unstimmigkeiten zwischen den beiden, die sich jedoch wieder einrenken.

Als Goro schon über 60 Jahre ist, begeht er Selbstmord, um seine Ehre wiederherzustellen. Ein Boulevardblatt hatte ihm eine Affäre mit einer jungen Frau nachgesagt.

Doch Kogito bleibt nicht allein zurück. Goro hatte vor seinem Tod Kassetten besprochen, die Kogito mit einer Rekorder-Kopfhörer-Kombination namens „Schildkäfer“ abhört. Kogito stoppt die Kassette, erhebt Einwände, drückt wieder auf Play, hört Goro zu, unterhält sich weiter mit ihm und hat so die Illusion der Verbindung ins Jenseits.

Einen Rat Goros folgend geht Kogito hundert Tage in „Quarantäne“: Er nimmt eine Gastprofessur in Berlin an und wird mit Goros Vergangenheit zu Zeiten der Berliner Filmfestspiele konfrontiert.

„Tagame. Berlin – Tokyo“ ist ein stark autobiographisch geprägtes Buch. Doch durch die „Schildkäfer“-Dialoge über Rimbaud, über die Originalität des Künstlers, über die Seele eines Menschens usw. bleibt der Roman sehr abstrakt und liest sich zäh. Die Problematik „DIESER SACHE“ wird spät aufgegriffen und kann somit auch erst nach dem ersten Drittel des Buches eine Spannung erzeugen. Die Atmosphäre von „Tagame. Berlin – Tokyo“ ist düster. Selbstverständlich durch die Thematik des Freitods, aber auch durch Probleme mit den Yakuza und den Rechten zu Lebzeiten Goros. Durch „DIESE SACHE“ fällt auch ein großer Schatten auf die Jugend von Kogito und Goro.

Unter autobiographischen Gesichtspunkten ist „Tagame. Berlin – Tokyo“ faszinierend und extrem detailliert. Doch wenn man sich für die beiden Personen Kenazburo Oe und Juzo Itami nicht sonderlich interessiert, ist der Roman eher anstrengend bis ermüdend.

Während im Roman "Tagame. Berlin - Tokyo" kein Zweifel an der Selbstmordtheorie aufzukommen scheint, äußert Kenzaburo Oe im Interview mit dem Deutschlandradio Zweifel an der Todesursache von Juzo Itami. Haben die Yakuza den Filmemacher wegen seiner offenen Yakuza-Kritik zu Tode gestürzt? Nachzulesen auf der Homepage des Deutschlandradios: "Der Nestbeschmutzer"

Mittwoch, 10. August 2011

„Sputnik Sweetheart“ von Haruki Murakami

Grenzgänge und ein männlicher Losertyp sind typische Haruki Murakami-Themen – so auch in „Sputnik Sweetheart“: Der Grundschullehrer K. ist in seine Studienfreundin Sumire verliebt. Diese ist jedoch nur an seiner Freundschaft interessiert, leidenschaftlich entbrannt ist sie vorerst nur für Literatur und das Schreiben. Auf ihr Äußeres und auf materiellen Besitz gibt sie nicht viel.

Eines Tages jedoch lernt die 22-jährige Sumire die ältere Miu kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Auch Miu ist Sumire sympathisch; sie gibt der bisher wenig erfolgreichen Autorin eine Stelle als ihre Assistentin. Sumires Leben ändert sich gewaltig: Sie trägt fortan Make-up, tauscht ihre Schlabberklamotten gegen bürotaugliche Kleider, hört mit dem Rauchen auf und geht einem geregelten Lebensstil nach. Doch sie büßt dafür die Fähigkeit ein, zu schreiben.

Als Sumire und Miu nach einer geschäftlichen Europareise in Griechenland ausspannen wollen, geschieht es: Miu meldet sich bei K. – er soll baldmöglichst nach Griechenland kommen, denn Sumire ist spurlos verschwunden. Hat Sumire eine Tür geöffnet, die in eine andere Realität führt? Und hat nicht auch Miu ein Geheimnis um ein einschneidendes Erlebnis, weswegen sie sich nur noch wie ein halber Mensch fühlt und von einem auf den anderen Tag weißes Haar bekam?

Für K. ist der Verlust von Sumire eklatant: Da sie seine einzige Freundin war, fühlt er sich entsetzlich einsam. Er sinniert:

„Warum müssen die Menschen so einsam sein? Wozu soll das gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der anderen und dennoch sind wir so allein. Wozu? Dreht sich dieser Planet nur, um die Einsamkeit der Menschen zu nähren?“ (S. 191 f.)

Auch K. verlässt damit die bisherige Realität und wird ein anderer. Zurück in Tokio kappt er schließlich auch noch einen weiteren wichtigen Sozialkontakt. Ob Sumire jemals wieder zurückkehren wird?

„Sputnik Sweetheart“ ist ein eher leises Haruki Murakami-Buch, das den Leser nicht so stark in die Geschichte hineinsaugt wie andere Werke des japanischen Kultautors. Dennoch wirft es grundlegende Fragen auf über Realitätsebenen und das „sich als ganz Erleben“ auf. Das Ende und die Deutung der Geschehnisse bleiben offen – und symbolisch.

Dienstag, 9. August 2011

„Mein Blut ist das eines anderen“ von Yasutaka Tsutsui

Der Buchhalter Ryosuke Kinukawa ist vor zwei Monaten in eine Zweigstelle seiner Baufirma in einer Boomtown versetzt worden. Ryosuke ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann Mitte Zwanzig. Doch bereits zweimal hatte er einen gewalttätigen Aussetzer: Das erste Mal wurde er als Kind so von den Nachbarskindern gegängelt, dass er ungewöhnliche Kräfte entwickelte und fast mit einem Sushi-Messer auf sie losgegangen wäre. Das zweite Mal legten sich mehrere Schläger seiner Oberschule mit dem scheinbar einfachen Opfer Ryosuke an, die er allein so aufmischte, dass allen Beteiligten Angst und Bange wurde. Schlimmeres konnte jeweils nur durch ein Eingreifen von Erwachsenen verhindert werden.

Als Ryosuke nun an seinem neuen Wohnort eine Bar besucht, kommt es zum dritten Blackout – und keiner kann ihn mehr zurückhalten: Drei Schlägertypen reizen den vermeintlich schwachen Ryosuke so sehr, dass dieser vor Wut das Bewusstsein verliert und „Escremento“-rufend auf seine Gegner einschlägt, dass diese nur knapp mit dem Leben davonkommen. Als Ryosuke wieder zu sich kommt, beginnen seine Probleme aber erst: Die beiden rivalisierenden Gangster-Familien der Stadt haben ein Auge auf ihn geworfen. Durch einen Trick gelingt es dem Samonji-Clan Ryosuke ihn als Bodyguard für den Anführer zu verpflichten. Aber auch in Ryosukes Buchhaltungsjob liegt einiges im Argen: Seinen Zweitverdienst als Bodyguard muss er geheim halten und zudem entdeckt er, dass sein Vorgesetzter die Bücher frisiert.

Als die Gewalt zwischen den rivalisierenden Yakuza eskaliert, zieht nicht nur Ryosuke vor Wut entbrannt und mordend durch die Stadt.

„Mein Blut ist das eines anderen“ von Yasutaka Tsutsui ist bis zum apokalyptisch-anmutenden Kampf der Familien ein spannender Gangster-Roman. Doch dann wird er erst so richtig brutal: Yasutaka Tsutsui schildert gewalttätige Auseinandersetzungen, in denen das Blut nur so spritzt, die Knochen nur so knacken und die Gehirnmasse nur so ausquillt.

Dem Autor, der die Übertreibung generell als Stilmittel nutzt, um einen Slapstick-Effekt zu erzeugen, gelingt es jedoch nicht allzu gut, die Kämpfe ins Komische zu ziehen. Das Gemetzel zieht sich über fast 100 Seiten hin, bis nur noch wenige Überlebende aus der in Schutt und Asche liegenden Stadt fliehen können. Zwar kann der Leser aufgrund der teilweise abstrusen Handlungen der Protagonisten mehrfach nur den Kopf schütteln – aber ist dies Slapstick oder eher Trash?

Montag, 8. August 2011

Yasutaka Tsutsui

Yasutaka Tsutsui (geboren 1934 in Osaka) studierte an der Doshisha-Universität in Kyoto und gründete 1960 zusammen mit seinen Brüdern das provisorisch anmutende Science-Fiction-Magazin „Null“. Bald darauf veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte. In den 60ern schrieb Yasukata Tsutsui vor allem Science-Fiction; ab den 70er Jahren experimentierte er mit verschiedenen Stilen. Seine Werke wurden mit den bekanntesten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet und dienten vielen Verfilmungen und Animes als Vorbild.

Aufgrund seiner politisch unkorrekten Themen (z.B. satirische Texte über Epileptiker) wurde er zeitweise so kritisiert, dass er zwischen 1993 und 1996 in einen Publikationsstreik trat und nichts veröffentlichte.

Für Yasutaka Tsutsui ist Science-Fiction ein Ansatz der Dekonstruktion der Wirklichkeit vergleichbar mit dem Surrealismus.

Yasutaka Tsutsui gilt insbesondere seit der Veröffentlichung von "Professor Tadano an der philosophischen Fakultät" als der "japanische Guru der Metafiktion".

Interessante Links:
  • Homepage von Yasutaka Tsutsui (leider nur auf Japanisch)

Ins Deutsche übersetzte Romane/Erzählungen und hier rezensiert:

Sonntag, 7. August 2011

„Der Kuss des Feuers“ von Masako Togawa

Drei fünfjährige Freunde erleben einen Hausbrand, bei dem der Vater eines der Jungen ums Leben kommt. Die Freunde ziehen nach dem Unglück in unterschiedliche Gegenden, doch 26 Jahre später kreuzen sich die Wege der drei unvermutet erneut:

Ikuo ist ein vielversprechender Feuerwehrmann geworden, der es sich zum Ziel gesetzt hat, den Brandstifter, der Tokio derzeit in Angst und Schrecken versetzt, auf frischer Tat zu ertappen. Unversehens gerät Ikuo dabei aber selbst unter Tatverdacht.

Ryosaku ist Kriminalbeamter und zuständig für die Überwachung des Hauptverdächtigten Ikuo. Dummerweise verliebt er sich dabei ausgerechnet in Ikuos Freundin.

Und schließlich ist da noch Michitaro, dessen Vater vor 26 Jahren im Feuer umgekommen ist. Inzwischen hat er für Flammen Feuer gefangen – und legt nachts Brände in Tokio.

Als Michitaro entführt wird, gilt es nicht nur, die Brandanschläge und die Entführung aufzuklären: Was mag Michitaros Vater vor 26 Jahren wohl wirklich widerfahren sein?

„Der Kuss des Feuers“ von Masako Togawa zieht den Leser wie gebannt in die Handlung, die jeweils aus den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten erzählt wird. Wie auch in „Der Hauptschlüssel“ schlüpft dem Leser die Lösung des Verwirrspiels immer wieder aus der Hand – und die ist schließlich doch eine ganz andere als man zu erahnen geglaubt hatte.

Samstag, 6. August 2011

„Wasurenagusa“ von Aki Shimazaki

Auch mit „Wasurenagusa“ knüpft Aki Shimazaki an die vorangegangenen Kurzromane „Tsubaki“ und „Tsubame“ an, ohne dass jedoch ein Vorwissen der letztgenannten Werke vorhanden sein muss.

Dieses Mal wird die Lebensgeschichte aus dem Blickwinkel von Kenji Takashi erzählt. Kenji ist der einzige Nachkomme einer alteingesessenen Familie und trägt somit die Verantwortung des Stammhalters. Da ihm seine erste Frau keinen Nachfolger gebiert, zwingt ihn seine Familie, sich von seiner scheinbar unfruchtbaren Frau zu trennen. Kenji bereut, dass er nicht die Stärke besitzt, dem Druck seiner Familie zu widerstehen. Denn er fühlt sich bevormundet, möchte sein eigenes Leben führen – und muss feststellen, dass seine erste Frau nun ein Kind hat; die Unfruchtbarkeit wohl ihm selbst zu unterstellen ist.

Kenji träumt von „Wasurenagusa“, von Veilchen. Als er die alleinstehende Mariko, die einen unehelichen Sohn hat, mit Veilchen in der Hand sieht, ist dies für ihn ein Zeichen. Er möchte Mariko heiraten, ihren Sohn adoptieren.

Mariko – wie auch bereits Jahre zuvor Kenjis ehemaliges, lieb gewonnenes Kindermädchen Sono – trifft auf Ablehnung in der Familie, da sie von „zweifelhafter Herkunft“ ist. Doch Kenji lässt sich dieses Mal nicht mehr fremdbestimmen und bricht mit der Familie.

Jahre später erst erfährt er Dinge aus der Zeit vor seiner Geburt, die das Verhalten seiner inzwischen verstorbenen Eltern umso unverständlicher machen.

„Wasurenagusa“ zeichnet das Bild eines entschlossenen Mannes, der sich gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz durch sein Herz leiten lässt und sein Glück findet. Ein schöner Abschluss für die drei Romane Aki Shimazakis, die bisher auf Deutsch erhältlich sind!

Freitag, 5. August 2011

„Kitchen“ von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos „Kitchen“ ist – laut Nachwort – ein Buch über das Überwinden und Wachsen und enthält mit den beiden Erzählungen „Kitchen“ und „Moonlight Shadow“ die literarischen Erstlinge der japanischen Kultautorin.

In „Kitchen“ hat Mikage gerade den letzten Verwandten verloren. Ihre Großmutter hat den Großvater und Mikages Eltern überlebt; hat Mikage aufgezogen und die Studentin schließlich allein auf der Welt zurückgelassen. Mikage ist zunächst wie gelähmt ob ihrer Einsamkeit, schläft neben dem Kühlschrank und hofft, dass der Schmerz irgendwann doch bitte nachlässt. Der gleichaltrigen Yuichi und dessen „Mutter“ Eriko (im Grunde genommen Yuichis verwitweter Vater, der sich nach dem Tod von Yuichis Mutter zu Frau umoperieren hat lassen) nehmen Mikage zu sich und bilden für eine Weile eine illustre, aber liebevolle Patchwork-Familie. Doch irgendwann klopft der Tod wieder an die Tür und stellt die Protagonisten erneut vor die Herausforderung, zu überwinden und zu wachsen.

Banana Yoshimoto versucht ihren Lesern Mut zu machen, indem sie Eriko beispielsweise die folgenden Worte in den Mund legt:

„Aber wer in seinem Leben nie richtig verzweifelt war, wer nicht weiß, welche Dinge wirklich zählen, der wird erwachsen, ohne je erfahren zu haben, was Glück ist.“ (S. 54)

Auch Satsuki, die Protagonistin in „Moonlight Shadow“, ist wie betäubt von einem Todesfall: Ihr Freund ist vor kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie lenkt sich ab, indem sie schon frühmorgens zum Joggen geht. Vor Kummer nimmt sie immer weiter ab. Durch einen Zufall – oder durch Schicksal – lernt sie Urara kennen, die sie bittet, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt am Fluss von Satsukis Heimatort einzufinden. Hier soll alle hundert Jahre ein einzigartiges Ereignis stattfinden, das Satsuki hoffentlich die ersehnte Linderung verspricht.

Der Autorin gelingt es durchaus, mit „Kitchen“ einen schönen, manchmal auch phantastischen Ausblick in düsteren Momenten zu geben. „Kitchen“ geht zu Herzen, auch wenn Banana Yoshimoto durch die Blumigkeit der Sprache bekanntermaßen hart an der Grenze zum Kitsch steht.

Donnerstag, 4. August 2011

„Nach dem Bankett“ von Yukio Mishima

Mein erster Roman von dem großen japanischen Autor Yukio Mishima „Nach dem Bankett“ hat mich wenig mitgerissen. Die Protagonistin Kazu ist eine „Neureiche“. Sie hat sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet und besitzt nun mit 50 Jahren ein großzügiges, bei einflussreichen Politikern beliebtes Restaurant in Tokio. Sie ist glücklicher Single, bis der ehemalige Minister Noguchi in ihr Leben tritt. Kazu wittert nicht nur die Chance des gesellschaftlichen Aufstiegs; viel wichtiger ist es ihr, dass sie als Noguchis Ehefrau nach ihrem Tod in dessen Familiengrab beigesetzt wird. Als Noguchi beschließt, erneut für ein politisches Amt zu kandidieren, verschuldet sich Kazu aus eigenem Antritt, um ihm den Wahlkampf zu finanzieren.

Das Eheleben von Kazu und Noguchi ist alles andere als harmonisch: Noguchi ist ein Intellektueller, verbringt seine Zeit mit dem Studium von Literatur und möchte ein möglichst geruhsames Leben führen. Kazu hingegen möchte das Leben genießen, unter Menschen sein. Der Konflikt ist vorprogrammiert, da der moralisierende Noguchi in Kazu nicht die folgsame Ehefrau findet, wie sie in den 50er Jahren in Japan noch existiert haben mag.

Leider wird die Protagonistin in Mishimas „Nach dem Bankett“ nicht wirklich zugänglich. Einerseits ist sie Ratgeberin für die Beziehungsprobleme anderer Leute, sucht sich selbst aber ausgerechnet den Mann aus, der so gar nicht zu ihr passt. Sie spricht von Liebe zu Noguchi, doch was ist so liebenswert an dem Grantler? Eingeführt wird Kazu als die perfekte, kommunikative Gastgeberin; im Verlauf des Romans wirkt sie aber mehr und mehr wie eine dicke, peinliche Frau.

Nett sind in „Nach dem Bankett“ vor allem die Wahlkampftricks der konkurrierenden Parteien. Und man merke: In der Gastronomie ist „Nach dem Bankett“ „Vor dem Bankett“.

Mittwoch, 3. August 2011

Yukio Mishima

Yukio Mishima wurde 1925 unter dem Namen Kimitake Hiraoka geboren. Er wuchs bei seiner Großmutter auf und kehrte erst im Alter von 12 Jahren in den Haushalt der Eltern zurück. Mit seiner Mutter verband ihn eine enge Bindung, während der Vater auf militärischen Drill setzte. Auf Drängen seiner Großmutter besuchte Yukio Mishima eine elitäre staatliche Schule, auf der er sich eingehend mit Literatur beschäftigte.

Da ihm irrtümlich eine Tuberkulose attestiert wurde, war er vom Militärdienst während des zweiten Weltkriegs befreit und schloss 1947 sein Jurastudium ab. Nach nur einem Jahr Arbeitstätigkeit im Finanzministerium kündigte er und widmete sich ganz dem Schreiben. 1949 erschien der autobiographische Roman „Geständnis einer Maske“, mit dem sich Mishima als Homosexueller outete. Dennoch heiratet er 1958 Yoko Sugiyama, mit der er zwei Kinder hatte. Zuvor war bereits auch eine Hochzeit mit der späteren Kaiserin Michiko in Betracht gezogen worden. "Geständnis einer Maske" war so erfolgreich, dass der 24-jährige Mishima zum Literaturstar wurde.

Doch Mishima war nicht nur schriftstellerisch, sondern auch politisch aktiv. 1968 gründete er die rechtsgerichtete Privatmiliz Tatenokai, die sich dem Schutz des Tennos verschrieb. 1970 nahmen Mishima und seine Anhänger den diensthabenden Kommandanten der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte als Geisel und riefen die Soldaten dazu auf, das Parlament zu besetzen und das Kaiserreich wiederherzustellen. Der Putschversuch scheiterte kläglich; die Soldaten wollte Mishima nicht einmal zuhören. Mishima beging daraufhin Seppuku/Harakiri; sein mutmaßlicher Partner Morita Masakatsu sollte ihn als Sekundant enthaupten. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, musste ein anderer Anhänger der Tatenokai diese Aufgabe übernehmen. Auch Morita Masakatsu beging daraufhin Seppuku.

Mishimas Mutter soll bei der Beerdigung gesagt haben: "Zum ersten Mal in seinem Leben hat er getan, was er dringlich und immer tun wollte. Seien Sie glücklich für ihn."

Nicht nur daher ranken sich um diesen spektakulären Selbstmord Mishimas genügend Gerüchte: Richtete er sich selbst, da der Putschversuch so kläglich scheiterte oder war er nur ein Vorwand, um den lange im Voraus geplanten Selbstmord zu rechtfertigen? Oder war es gar ein Doppelselbstmord zweier Liebender?

Mishima schrieb unter anderem 40 Romane, 18 Theaterstücke und 20 Bände mit Kurzgeschichten – einige Werke darunter waren mehr dem schnellen Profit wegen geschrieben worden als aus literarischem Engagement. Sie handeln meist von den Themen Sexualität, Tod, Selbstmord, Opferbereitschaft und politischem Wandel. Mishima wurde dreimal für den Nobelpreis nominiert, ohne ihn jedoch zu erhalten.

Interessante Links:

Hier rezensiert:

Weitere ins Deutsche übersetzte Essays:
  • Zu einer Ethik der Tat

Dienstag, 2. August 2011

„Das Museum der Stille“ von Yoko Ogawa

Schon wieder ein Buch von Yoko Ogawa, in dem ein Museum vorkommt: In „Das Ende des Bengalischen Tigers“ ist es ein Foltermuseum, in „Liebe am Papierrand“ ein Museum, das Beethovens Hörrohr beherbergt, in „Der Ringfinger“ wird Präparaten eine Heimat gegeben – und in „Das Museum der Stille“ dreht sich alles um Andenken von Verstorbenen, die ausgestellt werden sollen. Keiner der Personen in Yoko Ogawas Roman erhält einen Namen: Da wären der Ich-Erzähler und Museumsexperte; die schrullige Alte, die das Museum gründen möchte; deren Adoptivtochter und das Gärtnerehepaar.

Der Museumsexperte wird in ein kleines Städtchen gebeten, um ein neues Museum aufzubauen. Denn eine verschrobene Alte, die zu Wutanfällen neigt und dabei wild mit ihrem Stock in der Luft herumfuchtelt, hat sich seit ihrem zwölften Lebensjahr dem Sammeln von Erinnerungsstücken von Toten verschrieben: Unter anderem beispielsweise das Diaphragma einer ermordeten Prostituierten; die Farbtuben einer erfolglosen Künstlerin, die kurz vor dem Hungertod noch die Farben zu sich nahm; das Skalpell eines Chirurgen, der damit illegale Ohrverkleinerungen durchführte. Für all die vielen Andenken soll der Ich-Erzähler ein Museum planen und einrichten. Doch darüber hinaus ist es nun an ihm, statt der klapprigen Alten die Erinnerungsstücke der kürzlich Verstorbenen zu organisieren; sprich: zu stehlen. Als drei Frauen ermordet werden, wird der Ich-Erzähler verdächtigt – treibt er sich doch nach den Morden jeweils in den Wohnungen und an den Arbeitsplätzen der Verstorbenen herum, um ein Andenken zu stibitzen.

„Das Museum der Stille“ lebt vor allem durch die absolut gar nicht stille Alte, die so eindrücklich beschrieben wird, dass der Leser den typischen Yoko Ogawa-Schauer erlebt: Wie sie ihre Tobsuchtsanfälle erlebt, sich den Eiter aus dem Abszess auf der Stirn ausdrückt und ihre verkrüppelten Ohren unter ein alten Wollmütze versteckt. Und dann sind da selbstverständlich noch die diversen abstrusen Lebensläufe und Todesarten der Verstorbenen.

Montag, 1. August 2011

„Frühlingsnebel“ von Ruriko Pilgrim

Im Mittelpunkt von Ruriko Pilgrims Roman „Frühlingsnebel“ steht Haruko. Doch die Handlung setzt bereits vor Harukos Geburt damit an, dass Harukos Mutter Ayako von dem reichen Großgrundbesitzer Shobei Miwa für seinen Erstgeborenen als Braut ausgesucht wird. Im Laufe des Romans begleitet der Leser die Familie durch ein Japan mehrerer Jahrzehnte: Der japanisch-russische Krieg lässt das Kind Haruko erstmals einen Russen erblicken. Als Teenager muss Haruko die Erfahrung machen, dass sie als Frau nicht wie ihr Bruder studieren darf, sondern an einen Mann verheiratet wird, den ihr Großvater für sie aussucht. Als sie zusammen mit Ehemann und Kindern in der kolonialisierten Mandschurei lebt, schwelgt sie zunächst noch im Luxus, bis Japan sich im zweiten Weltkrieg ergeben muss. Ihr Überlebenskampf, der in der Mandschurei begonnen hat, geht nach der Rückkehr in ein zerstörtes Tokio weiter. Doch wenigstens gelingt es Harukos Töchtern, was der Mutter verwehrt war: Sie können an einer Universität studieren.

„Frühlingsnebel“ besticht vor allem dadurch, dass es sich dabei um die Biographie der Mutter der Autorin handelt. Zudem werden auch landeskundliche Informationen geschickt eingestreut. Was jedoch ein bisschen ermüdet, sind die vielen kleinen Informationen zu Familienmitgliedern, die die Handlung kaum weitertreiben. Hier hat die Autorin vielleicht zu sehr versucht, jedem Verwandten einen kleinen Platz im Roman zu widmen.

Die Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft wird in „Frühlingsnebel“ zwar angesprochen, aber eine emanzipatorische Revolution bleibt aus. Harukos Großmutter Kei bringt die Benachteiligung auf den Punkt:

„Es heißt, eine Frau hat in drei Welten kein Zuhause: Als Mädchen lebt sie im Haus ihres Vaters, nach der Heirat bei ihrem Mann und im Alter dann im Haus ihres Sohnes.“ (S. 92)